Philipp im Schnee 5
Ich weiß noch wie ich hinter dem Wartehäuschen in Deckung ging, als der Schneepflug vorbeikam und der Schnee von der Fahrbahn im weiten Bogen Richtung Busstation flog. Ich kann mich noch an sechs, sieben Kinder erinnern, die ebenfalls auf den Bus warteten und in die zweite Klasse gingen. Letztes Jahr noch nahm Philipp mittwochs mit mir gemeinsam den Neunuhrdreißigbus, da die zweite Klasse Mittwochmorgen immer schon eine Freistunde hatte. Ich weiß noch, dass ihm das immer ein wenig unangenehm gewesen ist.Ich war jedenfalls froh, dass es nicht Philipp war, den die Kinder mit Schneebällen bewarfen. Ich war so froh, dass es nicht Philipp war, den sie packten und mit dem Gesicht in den harten und leicht verschmutzten Schneewall drückten, der vom Schneepflug am Straßenrand aufgeworfen worden war. Ich stand noch immer Hinter der gläsernen Rückwand des Buswartehäuschens, denn natürlich hatte der Bus Verspätung. Die Mütze des traktierten Jungen schien im Neuschnee unauffindbar und er hatte furchtbar rote Ohren und Tränen in den glasigen, etwa dümmlich wirkenden Augen. Er schrie wütenden, dass seine Mütze nagelneu gewesen sei. Dass sie über 50 Euro gekostet habe! Er drohte, Alles zu sagen, was auch immer dieses Alles war. In den nur leicht angeeisten Dampffilm auf der Scheibe, hinter der ich noch immer stand, waren in noch etwas unbeholferner Kinderschrift Dinge geschrieben: Arschloch. Tokio Hotel vorever. Ficken. Lisa liebt Martin. Philipp ist schwuhl.
Ich betrachtet die schwer beladenen und herabhängenden Äste einer großen Fichte, die ganz in der Nähe der Busstation stand und versuchte nicht daran zu denken, dass es ein Bus zuvor, Philipp gewesen sein muss, der von den anderen Kindern mit Schneebällen beworfen und in den harten, schmutzigen Schnee am Straßenrand gedrückt wurde. Dass die Fichtennadeln grün waren konnte nur noch gewusst werden, denn im dichten Schneefall hatte die Welt weitgehend ihre Farben verloren. Das weiß des Schnees lag also auf schwarzen Nadeln gebettet. Das braue Holz der Balkone und Windläden der Häuser oben in meinem Weiler, war zumindest dunkelgrau, wenn nicht ebenfalls schwarz. Nur der Postbus war gelb geblieben als er endlich vorfuhr, mit etwa zwanzig Minuten Verspätung. Die Kinder trampelten die drei Stufen hinauf und drängten durch den Gang nach hinten, und ich weiß noch, an den riesigen Reifen des Busses waren riesige Schneeketten montiert.
Die Kinder stritten sich, kämpften verbissen um die Plätze auf der hintersten, leicht erhöhten Bank. Sie rissen ihren Kontrahenten die Mützen vom Köpf und warfen sie nach vorne.
Eine blieb an der Rückenlehen meines leeren Nachbarsitzes hängen. Schnee war an den Schuhsohlen der Fahrgäste kleben geblieben, ging dann im Bus wieder verloren und hatte begonnen am Boden zwischen den Sitzreihen zu schmelzen. Eine der Kindermützen landete also im gräulichen Matsch am Boden des Gangs und ich starrte nur weiter zum Fenster hinaus. Ich weiß noch, wie ich versuchte dabei meine Geräuschwahrnehmung ganz auf das Klackklackklack der Schneeketten zu konzentrieren. Ich saß also an meinem Fensterplatz, lauschte dem Geräusch der Schneeketten und ließ die Landschaft vor meinen Augen vorbeiwischen. Ich konnte keine Details erkennen, sondern mich nur vom verwischten und doch grobkörnigen Gesamteindruck der Landschaft berieseln lassen. Der Schnee und die Fahrgeschwindigkeit wirkten verfremdend. Zudem entwerte der Rahmen des Busfensters den jeweiligen Ausschnitt der Wirklichkeit zu einem bloßen Bild. Was ich also sah, alles was ich überhaupt sehen konnte, waren, durch die Fahrt verwischte und durch den Schnee verpixtelte Bilder. Es waren Bilder eines riesigen, fremden und vorwiegend weißen Gegenstandes.
Der Busfahrer hatte schon zweimal nach hinten geschrieen, dass die Kinder nicht so einen Radau schlagen sollen. Als er dann sogar Anstalten machte stehen zu bleiben, löste sich der Tumult der Kinder schlagartig auf. Augenblicklich schien die ordnende Kraft im Grunde längst ausgefochtener Hierarchien schlagend zu werden. Geordnet besetzten die Kinder die ihnen zustehenden Platz. Fast schon würdevoll bestieg der Kinderadel seinen fünfsitzigen Thron.
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