21.01.2009 - 14:05 Uhr

8 7 Über Twitter weiterempfehlen

Wo warst du, als Obama Präsident wurde?

Text: Tastentiger

Der elfte September, der Beginn des ersten Irak-Kriegs, der Mauerfall, Tschernobyl, Seveso, die erste Mondlandung, die Ermordung Kennedys, der Mauerbau, die Währungsreform, das Ende des Zweiten Weltkriegs – je nach Geburtsdatum kann jeder von uns zu einigen dieser Ereignisse wie aus der Pistole geschossen antworten, an welchem Tag sie stattfanden, wo man zu diesem Zeitpunkt gerade war, was man in diesem Moment gemacht hat und wie man sie persönlich wahrgenommen hat. Ob die Amtseinführung von Barack Obama eine Begebenheit war, mit der wir noch unseren Enkel auf die Nerven gehen werden, wird die Geschichte zeigen. Fest steht: Sie hat das Zeug dazu. Damit ich mich auch noch im Greisenalter an alle Details dieses Tages erinnern kann, habe ich beschlossen, sie niederzuschreiben. Wenn schon nerven, dann richtig, umfassend und kompetent. Also, los geht’s:

Der Tag, an dem Obama Präsident wurde – eine nicht immer hundertprozentig politisch korrekte Geschichte.

Es ist der 20. Januar 2009. Ein mittelprächtiger Wintertag in Deutschland. Es ist nasskalt, auf dem Parkplatz wie auch in meinen Nasennebenhöhlen sammelt sich die Feuchtigkeit in großen Pfützen. Ich verlasse die Firma um zwanzig Minuten vor sechs, da ich für meinen Chef ein Geschenk kaufen muss, der morgen Geburtstag hat. Wir haben in der Firma gesammelt, fünfzig Euro sind zusammengekommen, die in einen Gutschein eines lokalen Sportgeschäfts investiert werden. Als begeisterter Vereinssportler sollte er sich damit ein hochpreisiges Tuningteil für seinen Tischtennisschläger kaufen. Oder so. Ich steige ins Auto und fahr los. Ach ja, heute wird ja um achtzehn Uhr Ortszeit der neue Präsident vereidigt. Mal Radio anmachen, vielleicht kommt ja schon was. Welcher Sender könnte darüber ausführlich und live berichten? Hm. Deutschlandfunk vielleicht. Ich drücke die zweite Taste von rechts an meinem Empfangsgerät. Schon komisch, Deutschlandfunk – amerikanischer Präsident. Global Village olé. Mal reinhören.

Tatsächlich – „Gleich meldet sich *irgendwer* live aus Washington von der Amtseinführung Barack Obamas als vierundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten.“ Na also. Zufrieden stelle ich mich am Feierabendstau hinten an. Das Sportgeschäft hat bis neunzehn Uhr geöffnet, das sollte für den Gutschein reichen und den amerikanischen Präsidenten allemal.

Ein netter Reporter erzählt was über die Mall und die Begeisterung und die vielen Menschen und überhaupt. Aretha Franklin singt und „da hören wir jetzt mal rein.“

Das soll Aretha Franklin sein? Hört sich an wie Yvonne Catterfeld auf Speed. Wo ist der Soul? You’d better think! Später im Fernsehen hab ich gesehen, was sie an hatte. Mit so einem Bommel am Kopp würd ich auch schreien.

Aretha ist fertig und ich suche nach einem Parkplatz in der Nähe des Ladens. Ich hab Glück und finde auf Anhieb ein passendes Fleckchen. Während ich die Karre in die Lücke zirkle ist Joe Biden dran. „I, Joseph Robinette Biden junior, solemly swear“, sagt er. Robinette? Heißt er tatsächlich „Robinette“ mit Zweitnamen? Kann das sein? Oder hab ich mich verhört? Nein, er hat „Robinette“ gesagt, ganz deutlich. Will mir jetzt tatsächlich einer sagen, die Amis haben einen Vizepräsidenten, dessen Zweitnamen das französische Wort für „Wasserhahn“ ist? Le robinet? Joe Wasserhahn Biden? Wie geil ist das denn!

Mit Verve spricht Joe, der Klempner, den Amtseid nach und schwört, niemals zu ruhen und immerfort das Wohl seiner Nation zu nähren. Seine Worte sind laut, hallend und fest, grade so als würde Charlton Heston am Grabe seines toten Pferdes schwören nicht eher zu ruhen, bevor alle Comanchen ausradiert sind. Leider bekomme ich nur die ersten beiden Sätze mit, denn das Auto ist jetzt eingeparkt. Ich verlasse den Wagen und laufe zum Sportgeschäft.

Ich hatte bereits die Vermutung, dass der Besitzer des Sportgeschäfts USA-affin ist. Im Eingangsbereich hängt ein Bild, auf dem er Bill Cosby die Hand schüttelt, drunter steht: „Chicago 1993“. Das fiel mir schon bei meinem ersten Besuch vor einigen Wochen auf, als ich ein Paar Ski auslieh. Was Bill Cosby mit Sport zu tun hat weiß ich nicht. Was sich der Besitzer von diesem Bild in seinem Laden verspricht weiß ich noch viel weniger, vielleicht verleiht ihm das den Nimbus einer gewissen Popularität in der Einkaufsstraße. Wie auch immer – möglicherweise läuft ja auch hier das Radio denke ich mir und öffne die Tür.

Der Laden ist wie leergefegt. Verkaufspersonal ist keins da. Ich gehe die Treppe hoch in den ersten Stock. Dort starrt der Besitzer mit seinem Verkäufer gebannt auf einen Fernseher, in dem Joe Charlton Flaschner Heston-Biden Junior gerade die letzten Worte spricht. Sie bemerken mich nicht.

„Hallo“, sage ich freundlich.

Beide drehen sich um und schauen mich an, als hätte ich sie beim Koksen erwischt. Der Besitzer trägt einen Pullover, auf dem „Aspen“ steht. Ich bin enttäuscht. „Obama / Biden 09“ wäre jetzt das mindeste gewesen, was ich erwartet hätte.

„Macht euch mal locker“, denke ich mir, „das ist doch nur der Vize. Das ist noch nicht so aufregend wie die Mondlandung. Im Vergleich dazu ist das höchstens so spannend wie einer Frau beim rückwärts einparken zuzuschauen.“

„Haben Sie auch Gutscheine?“, frage ich.

„Ja“, knurrt der Besitzer. „Machst du einen?“, frag er seinen Verkäufer. Der schaut ihn entsetzt an. Dann bemerken sie, dass erst noch ein Musikstück kommt, bevor der Eagle landet und machen sich erleichtert an die Arbeit.

Die Sache ist schnell erledigt und noch während es in der Glotze fiedelt bin ich wieder draußen und auch gleich im Auto. Grade rechtzeitig für den großen Moment. Während ich über die Kreuzung in die Hauptstraße einbiege, beginnt Barack, bei dem es bis zuletzt nicht klar war, ob man ihn als „Barack Obama“, Barack Eitsch Obama“ oder „Barack Hussein Obama“ adressieren würde, die großen Worte nachzusprechen.

Na ja, nachsprechen hört sich so einfach an. Er verhaspelt sich ein paar Mal und spricht viel zu schnell. Verschluckt halbe Sätze. Hätte er ja auch vorher mal üben können, der Gute. Ist ja jetzt nicht soooo viel Text. Wie kommt das denn jetzt rüber? Wie ein Schuljunge, der sich beim Abfragen an der Tafel verhaspelt. Steht er etwa nicht zu dem, was er da sagt? Andererseits: Vielleicht kann er die Sprache nicht so gut. Er ist ja schließlich Ausländer, sieht man ja auch an der Hautfarbe.

Buuaahaahaahaahaa, das ist ein Brüller! Diesen Gag muss ich mir für morgen früh für die Abteilungsküche aufheben.

Schließlich stolpert er sich doch ganz passabel zu Ende und ich drücke einmal kräftig auf die Hupe. Niemand außer mir lässt sich sonst zu einer ähnlich spontanen Begeisterungskundgebung hinreißen. Ignorantes Pack, erkennt ihr denn nicht die historische Dimension dieses Augeblicks? Als Antwort auf diese Frage gibt mir jemand von Hinten die Lichthupe und ich sehe, wie er mir im Rückspiegel den Vogel zeigt.

Der Kommentator sagt, dass sich kein anderer Präsident, den er erlebt hat, mehr Versprecher beim Amtseid geleistet hat aber dann ist der Chef persönlich am Rohr. Barack spricht. Eine tolle Rede. Eine politische Rede. Eine herzzer- und mitreißende Rede. Kein Geschwafel. Direkt auf den Punkt. Und der Simultanübersetzer ist toll. Solche Leute arbeiten halt noch bei öffentlichen Rundfunksendern. Okay – wo anders bekämen sie vermutlich auch keinen Job. Egal. Immerhin, allein für diese Übersetzung lohnt sich schon meine halbe monatliche GEZ-Gebühr, wenngleich ich sonst dem Thema gebührenfinanziertem Rundfunk äußerst skeptisch gegenüberstehe. Dieser mir unbekannte Herr übersetzt einen Satz Baracks mit den Worten:

„Dieser Weg wird keine Reise für die Saumseligen sein.“

Wahnsinn, oder? Die Saumseligen. Wer redet heute noch so? Wunderschön. In der Firma, in der ich arbeite, halte ich Einführungsveranstaltungen für neue Mitarbeiter, das ist ein Teil meines Jobs. Beim nächsten Mal werde ich vorne mit erhobenem Zeigefinger im Konferenzraum stehen und wie Barack mit lauter Stimme rufen: „Eure Arbeitszeit in diesem Unternehmen wird keine Reise für die Saumseligen sein!“

Leider bekomme ich die letzten Sätze Baracks nicht mehr mit, denn ich bin zu Hause angekommen. Ich schließe die Tür auf, gehe ins Wohnzimmer und stelle den Fernseher an. Nachrichtenkanal. Während ein Prediger ein Gebet spricht, ziehe ich mir die Stiefel aus, werfe mich aufs Sofa und lüfte meine Schweißfüße. Im Prinzip ist jetzt die Show schon vorbei. Zum Abschluss stehen wir auf und singen die Nationalhymne. Ich stehe nicht auf, singe aber im Liegen mit. In Zeiten zunehmender internationaler Verflechtungen erachte ich es für wichtig, ein paar Nationalhymnen auswendig zu können. Ist außerdem ganz interessant zu wissen, was die anderen so singen. Die Italiener zum Beispiel haben einen Text, in dem sie „bereit bis zum Tod“ sind. Fand ich immer ein bisschen makaber, wenn Schumi mit Ferrari gewonnen hatte und die das dann spielten, als er auf dem Podest stand. Ob sich Ayrton Senna dabei ins Fäustchen lachte? Die Franzosen hingegen intonieren Zeilen, in denen es um blutgetränkte Ackerfurchen geht. Dagegen ist unsere Hymne ja ein harmloses Wiegenlied! Die Amis sind nicht wirklich besser mit dem roten Schein von Raketen und berstenden Bomben in der Luft.

Bei der letzen Zeile „dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen“ muss ich immer an Dan denken. Dan Bodah. Dan war einer meiner Mitbewohner, als ich in Massachusetts studierte. Wir teilten uns damals zu fünft ein Haus. An einem der ersten Tage saß ich abends mit Dan am Küchentisch (wir saßen eigentlich immer alle abends am Küchentisch) und musste erzählen, wie das Leben so ist in Deutschland. Wir redeten und redeten bis tief in die Nacht, es floss reichlich Bier und mit jeder Stunde wurden unsere Zungen schwerer. Irgendwann fragte er mich, ob es wahr sei, dass es auf deutschen Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzung gäbe. Ich bejahte dies mit der Einschränkung, dass dies nur auf manchen Teilstrecken gilt, aber nicht überall. Das hat ihn furchtbar wütend gemacht. Er dachte bisher, das wäre nur ein Märchen. Dass dies aber tatsächlich so ist und ihm von einem Deutschen bestätigt wurde, hat ihn so sehr aufgeregt, dass er sich total in Rage redete, am Ende aufsprang, die geballte Faust in den Himmel reckte und schrie: „They call this the land of the free and the home of the brave and allow you to go only sixty-five fucking miles an hour on the highway??“ Danach setze er sich wieder, rülpste so laut, dass die Scheiben klirrten, öffnete das nächste Bier und sprach den Rest der Nacht kein Wort mehr.

Ich hingegen liege jetzt meinem Sofa, gröle „oh, say does that star-spangled banner yet wave“ und denke an Dan und seinen rostigen Chrysler Voyager. Dann ist die Amtseinführung beendet. Barack verlässt die Terrasse des Kapitols und ich sollte eigentlich was tun.

Wäsche waschen.

Küche kehren.

Was zu essen machen.

Müll runtertragen.

Ist aber so gemütlich hier auf dem Sofa. Ich könnt grade den Abend so liegen bleiben und meine einunddreißig Programme rauf- und runterzappen. Soll ich jetzt wirklich hier um diese Zeit, Dienstagabend um neunzehn Uhr, noch häusliche Aktionen starten? Och nööö....

„Yes, we can!“, sage ich und schalte den Fernseher aus.



Neue Texte zum Label 'Obama':
Textoptionen
Mehr Texte von
Tastentiger
Mehr Texte zum Label
Obama
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
7 Kommentare

speichern
maid
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.01.2009 - 08:50 Uhr
maid

sehr schön.
über dan musste ich schallend lachen! =)

emmy44
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.01.2009 - 12:18 Uhr
emmy44

hach, haste wieder schön geschrieben..
deine ausführungen sind immer eine bereicherung..
dicker punkt!

Aporia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.01.2009 - 12:19 Uhr
Aporia

Sehr, sehr schön beobachtet.

mushummel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.01.2009 - 13:15 Uhr
mushummel

klasse.
arethas neckisches schleifchen war aber echt der schreier!

Aporia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.01.2009 - 13:16 Uhr
Aporia

Hehe, Aretha, die Torte...

virgina
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.01.2009 - 13:52 Uhr
virgina

wunderbar!

Only_Me
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.01.2009 - 08:55 Uhr
Only_Me

*


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

Tastentiger offline

Tastentiger

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.