Zeitsalz.
1. „Sagen Sie mal, ich kenne sie doch?“ Normalerweise hätte ich auch nichts dagegen gehabt, wenn mich eine hübsche Apothekenhelferin kennen würde. Peinlich war nur, dass sie mir gerade eine Salbe gegen Hämorrhoiden verkauft hatte. Wahrscheinlich denkt sie jetzt ich wäre ein Hinterlader mit Rektaleinriss. Einer der sich wie ein Mädchen in den Arsch pimpern lässt, statt selbst den Schwengel zu versenken, wie sich’s gehörte. Eigentlich wollte ich zunächst in die andere Apotheke um die Ecke, weil da ein alter Mann bedient, doch dann hatte ich Bedenken: Ist der vielleicht verkappt schwul? Bumst der seit 30 Jahren die Ehefrau, denkt dabei aber immer mit zusammengepressten Lippen an knackige Jungs-Popos? Das Leben steckt so voller verfickter Überraschungen. Da weiß man eben nie. Also schwenkte ich noch einmal um und lenkte meinen Schritt doch zur Doc Morris Filiale, in der heiße Apothekenmiezen Aspirin, Gelomyrtol und ähnliches über die Theke reichten. Jetzt stand ich also hier mit einer Tube Faktu Akut in der Hand. Mein Hintern juckte brutal. Meine Augen blickten in ein ebenmäßiges Gesicht, umrahmt von blonden Haaren. Und meine Gedanken schweiften ab. „Woher könnten sie mich denn kennen?“ Ich stecke die Tube schnell in meine Tasche und machte sie so zumindest für mich völlig vergessen. „Ich habe sie doch mal auf RTL gesehen...DSDS, du warst da doch vor 3 Jahren oder so dabei, oder nicht?“ Sie schien sich wirklich dafür zu interessieren. Und sie schwenkte gleich zum „Du“, als wenn wir uns kennen würden. Als wenn wir wirklich eine Verbindung hätten die über digitale Schnittstellen zur Programmverbreitung hinausgehen würde. „Sie müssen mich mit jemand aus dem Dschungelcamp verwechseln, gnädiges Fräulein.“ So sprach ich, drehte mich um und dachte, was sie wohl dachte, dass ich daran gedacht hatte sie „gnädiges Fräulein“ zu nennen. Immerhin: Das grün leuchtende Doc Morris Kreuz gab meinem Abgang einen gewissen Hoffnungsschimmer. 2. Ich hatte mir abgewöhnt Fernsehen zu schauen. Höchstens noch die Tagesschau von vor 20 Jahren drang in mein Bewusstsein vor. Jeden Tag auf Eins Extra um exakt 22.45 Uhr. Ich fand auch, dass es keinen Unterschied machte. Die Nachrichten der Vergangenheit waren aktuell wie eh und je: Gazastreifen, Intifada, Kosovo, Unistreik, Frauen sollen genau so viel verdienen wie Männer. Für eine Alttagsdepression reichten sie alle mal. Wenn man sich Werner „Jeanny“ Veigel und Miss Tagesschau Dagmar Berghoff wegdachte, hätte das auch heute weggesendet werden können und niemandem wäre es aufgefallen. Mir gab das alles Trost: Die Welt verändert sich immer schneller, aber die Themen änderten sich nicht. Wir reden heute über die gleichen Probleme wie damals. Das gab Halt. Und die Gewissheit, dass die Zukunft ziemlich alt aussah. Ansonsten schaute ich mir nur aufgezeichnete DSDS Folgen an. Ja, ich war Kandidat gewesen. 2006. Die Apothekerin hatte Recht. Ich war damals auf dem 6. Platz gelandet. Nichts schlecht, aber auch nicht gut. Mein Platz im kollektiven Gedächtnis war beschränkt. Was ich gut und dann doch wieder nicht gut fand. Mit einer Tube Faktu Akut vor einer schönen Frau in der Hand weniger toll. Ach ja, meine Vorname lautet Dirk, vielleicht erinnern sie sich jetzt an mich. Ich war der Rocker mit der Schmusestimme. Einer jener Nachnamenlosen Medienfuzzis, die ihre Würde an der Sendergarderobe abgeben und nie mehr abholen. Na, macht es jetzt Klick? Mein bester Auftritt war eine Ballade: Nickelback – Hero. Erinnern sie sich noch daran? Dieter meinte, der Auftritt wäre Oberaffengeil gewesen. Was die anderen beiden sagten und wer das war, habe ich vergessen. Darauf kommt es auch nicht an. Nach der Mottoshow „Neue Deutsche Welle“ war für mich Schluss. Ich sang „Ich geb Gas, ich will Spaß.“ Von Markus. Der, der mit Nena geschnackselt haben soll. Ich fand mich gar nicht so schlecht. Dieter meinte: „Wenn du Gas gibst überholt dich jede Schnecke.“ Was die anderen beiden sagten und wer das überhaupt war, habe ich vergessen. Darauf kommt es auch nicht an. Danach wurde es ruhig. Vor allem in meinem Leben. Ich ging wieder dahin zurück, wo ich hergekommen war. Ein normaler Job, der normal latent bedroht war. Ich machte irgendwas mit Dienstleistungen. Die Leistung dieses Dienstes war aber noch nicht einmal denen klar, die diesen Dienst leisteten. So viel sei verraten: ich telefonierte recht häufig. Nach der Arbeit sah ich ausschließlich 20 Jahre alte Nachrichten. Es ging um Arbeitsplatzsicherung, Inflationsraten, Bundesligaergebnisse (wenn mein Verein gewann freute ich mich) und das Wetter von morgen, das eigentlich von vorgestern war. Von Klimawandel keine Spur. Ich fühlte mich zwischen den Zeiten geborgen und verloren zugleich. Wenn es mir ganz schlecht ging, zog ich eine Line schlechten Straßen-Kokains und schaute mir meinen legendären Auftritt bei DSDS an. Hero von Nickelback. Die schmusige Rockröhre erfüllte die Unsinnhaftigkeit meiner Existenz. War das wirklich von mir? Hatte ich mal 2 Minuten und 30 Sekunden in meinem Leben etwas gut gemacht. Beziehungsweise „Oberaffengeil?“ Danach ging es mir ein wenig besser. Aber auch nicht richtig gut. Dieter sagte was von „einer der besten Auftritte während meiner gesamten Zeit bei DSDS.“ Dann wieder und wieder die Stille nach dem Stuss. Schließlich änderte ein Anruf alles. 3. Eine freundliche Stimme meldete sich am anderen Ende meines Telekom-Festnetzanschlusses – etwa so modern, wie die Tagesschau von vor 20 Jahren. Die Stimme war jung. Wahrscheinlich eine nicht bezahlte Praktikantin, die alle die Jobs machen musste, für die Festangestellte zu dumm oder unmotiviert waren. Freundlich war sie, weil sie was wollte – nicht von mir persönlich, sondern von meiner Medienprojektion. „Wir würden sie unheimlich gerne – Dirk – bei einer unserer nächsten Sendungen des „Perfekten Promidinners“ dabei haben.“ „Wie komme ich zu der Ehre?“ Ich starrte auf das Poster neben dem Telefon, dass mich bei meinem persönlichen Woodstock zeigte: Auf der Bühne von DSDS, Hero von Nickelback singend. Es gab mir Kraft. „Sehen Sie lieber Dirk: beim „Perfekten Promidinner“ wollen wir unseren Zuschauern einen Einblick in das Leben der Promis geben. Ganz zwanglos und vor allem für einen guten Zweck: 5000 Euro bekommt der Gewinner...“ „5000 Euro? Ich bin dabei...“ Sie wusste nicht wie gut ich das Geld gebrauchen konnte. Der Kredit von der Citibank musste auch noch abbezahlt werden. „Die 5000 Euro sind aber nicht für Sie, sondern für einen guten Zweck.“ Da klang die Stimme eher so unsicher freundlich. „Haben Sie die Sendung nicht schon einmal gesehen?“ Sollte ich ihr sagen, dass ich nur die Tagesschau von vor 20 Jahren ansah? „Leider noch nicht.“ „Also sie bereiten ein 3-Gängiges Menü zu und laden 3 andere Promis zu sich ein. Jeder bewertet den anderen mit einer Punktzahl von 1 bis 10, wobei die 10 nur für einen perfekten Abend vergeben wird. Der- oder diejenige mit der höchsten Punktzahl gewinnt die 5000 Euro und spendet die Summe an eine karitative Einrichtung seiner Wahl.“ Ihre Stimme wurde wieder zunehmend freundlicher. Leider sagte eine schöne Stimme noch nichts über die Fickbarkeit des dazugehörigen Körpers aus. „Hört sich doch toll an“, log ich Pflicht schuldigst, und überlegte schon, wem ich das Geld spenden würde. Vielleicht einer Aktion für traumatisierte Ehemänner nichtbeschnittener Frauen. Die müssen mit den echten Muschis auch erst umgehen lernen. Am besten im Puff. Sponsored by mir. Oder ein Hilfsfonds für entlassene Topmanager aus dem Bankenbereich. Die können die 5000 Euro noch gut gebrauchen, die armen Schlucker haben ja nur einige Millionen Abfindung bekommen. „Wir freuen uns, dass sie dabei sind.“ Die freundliche Stimme verabschiedete sich ebenso. 4. Zunächst waren wir bei einer Moderatorin die verdammt gut aussah, aber leider nicht so kochte. Sie moderierte früher Big Brother V und heute Möbelhauseröffnungen. „Hat sich nicht viel geändert, IKEA sieht ja auch aus wie ein Container, nur größer.“ Ich gab 7 Punkte, aber nur weil ich sie unter dem Tisch anfüßeln durfte und sie es geschehen ließ. Der zweite Abend lief bei einem ehemaligen Bandleader einer ehemaligen Late-Night-Show eines Privatsenders. Den Sender gab es zumindest noch. Zwischen den Gängen spielte er uns Hits auf seinem Piano vor, die ich mit meiner Schmusestimme untermalte. Das Kamerateam forderte uns auf in seinen persönlichen Sachen zu kramen, während er in der Küche stand. Das ich dabei auf seine Kinderpornosammlung stieß wurde aber nicht gesendet. Wer weiß warum. Ich gab 6 Punkte, weil ich schlechte Laune hatte. Die Moderatorin meinte ganz laut zum Gastgeber - gerade als mein besockter Fuß zwischen ihren Beinen rumfummelte - „Habt ihr einen Hund?“ Da verging mir der Appetit aufs Essen und auf sie. Und drittens tummelten wir uns bei einer Sportlerlegende aus den Achtziger Jahren. Leider war sie nur eine Legende in einer Randsportart wie Bogenschießen. Da aber sehr erfolgreich. Sie traf auch meine Geschmacksnerven. Es gab 9 Punkte. Die Moderatorin ließ ich auch in Ruhe. Dann kam mein großer Abend. Es gab Vitello Tonnato, Osobucco und zum Nachtisch Tiramisu. Natürlich selbst gemacht Aber das Essen war Nebensache. Ich soff so viel, dass ich in der Küche ein wenig den Überblick verlor. Die Moderatorin half mir, weil das Chaos dann doch unübersehbar war. Keine Ahnung, was passiert wäre, wenn nicht ständig die Kamera dabei gewesen wäre. Als ich genug im Tee hatte, sang ich sogar Hero von Nickelback. Alle waren begeistert. Gewonnen hatte ich aber trotzdem nicht. Es war die Olympiasiegerin. Die war gewinnen gewöhnt. Ich nicht. Das Geld spendete sie „Der Arche“, also so einem Gutmenschen Mainstreamscheiß für LOHAS mit schlechtem Gewissen. Dann gingen alle und es war wieder Still. 5. Ich schaute auf die Uhr. Mein Arsch juckte tierisch. Es war 22.44 Uhr. Gleich würde die Tagesschau anfangen. Aber vielleicht war es doch langsam Zeit für ein bisschen Zukunft in meinem Leben. Lief nicht gerade das Dschungelcamp? --- Dies ist ein Storytauschtext. Er ist nicht von melan. Von wem ist er dann? alcofribas, AllesOderNichts, amplifythegoodtimes, anneliese, CommodoreSchmidtlepp, getupkid, glassonion, irrgaertnerin, Jollscherl, phoneybone, rose, sommerhaus, synthie_und_roma, weltherrrschaft, WieJetztAber Ratet in den Kommentaren mit! Wenn alle 16 Texte gepostet sind, gibt’s die Auflösung – und die Verkündung der besten Rater. ACHTUNG: Tipps für alle Storytauschtexte bitte bis Donnerstag, 12 Uhr mittags, abgeben!- Dehnungstreifen auf der Seele. 19.01.2009
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22.01.2009 - 12:07 Uhr
AllesOderNichts
Tippannahme geschlossen.
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