Was sind die Optionen?
Klar, denkt sich Marie, als sie die Rolltreppe hochfährt. Klar, der steht schon da. Typen sind ja meistens so überpünktlich. Und so, wie sie Roman einschätzt, wartet der schon seit ner halben Stunde am Fischbrunnen. Er sieht sie noch nicht, tippt 'ne SMS oder spielt irgendwas an seinem Handy herum. Und er schaut auf die Uhr. Es ist immerhin schon nach eins. Fünf Minuten sogar. Marie hat die Bahn verpasst, weil sie noch aufs Klo musste und das länger dauerte, als sie vorher dachte. Ja, sowas passiert auch Mädchen. Jetzt hat Roman Marie wahrgenommen. Er hebt etwas linkisch die rechte Hand und winkt, dann kommt er auf sie zu. Sie umarmen sich, und dann gibt er ihr einen Kuss auf die Wange. Aber weil sie sich in dem Moment schon wieder weggedreht hat, landet der eher so zwischen Nase und Mundwinkel. "Na, die akademische Viertelstunde?", sagt Roman zur Begrüßung. Das ist ein Ausdruck, den Marie ganz fürchterlich findet, zumal weder sie noch Roman Akademiker sind und es außerdem kleinkariert ist, so penetrant witzig auf die paar Minuten Verspätung hinzuweisen. Deshalb murmelt sie irgendwas von S-Bahn-Trouble, an der Hackerbrücke hätte sich einer vor die Bahn geschmissen, der arme Fahrer, kannmandochauchandersmachen. aber echt, ey. Plötzlich sieht sie, dass Romans Augenbrauen in der Mitte irgendwie zusammenwachsen. Komisch, an dem Abend bei Nele war ihr das gar nicht aufgefallen. Vielleicht, denkt sich Marie, zupft er sie sich ja einmal die Woche, und hat es vor ihrer Verabredung .... Nein, das würde einer wie Roman nicht machen. Der trägt, wie sie verblüfft feststellt, Trekkingstiefel. Einer, der Trekkingstiefel trägt, zupft sich nicht die Augenbrauen. Roman läuft rechts von ihr, schirmt sie quasi vom Verkehr ab. Stand sicher in irgendeinem Herrenmagazin, dass man das eben so macht. Ist ja auch sinnvoll: Würde jetzt zum Beispiel der Fahrer des Linienbusses, der da vorne wartet, einen Herzinfarkt bekommen, im Todeskampf das Gaspedal in einer etwas unglücklichen Position verkanten, die Lenkung leicht linksseitig eingestellt haben und deshalb auf den Gehweg zuschießen, dann würde er Roman erwischen. Sie vielleicht nur an der Hand. Marie stellt sich vor, wie sie mit bandagiertem Arm auf dem Friedhof an der Thalkirchener steht, wie sie den Eltern kondoliert. Und wie die vielleicht beim Leichenschmaus in irgendeinem gutbürgerlichem Restauant in Obersendling fragen würden, woher sie Roman denn kennt, pardon kannte. Und ob sie dann antworten würde, dass sie auf Neles Party so betrunken war, dass sie mit ihm im Gästebadezimmer rummachte und sich dann eher aus reiner Höflichkeit noch einmal mit ihm traf, oder ob so etwas unangemessen wäre. "Inappropriate", hatte Sam, ihr Gastvater in Duluth, immer gesagt. Eigentlich ein viel schöneres Wort. "Wo willst Du gerne hin, Marie?", fragt Roman. "Was sind die Optionen?", fragt Marie. Sie könnten in die kleine Pizzeria am Stadtmuseum gehen, sagt Roman, aber die sei jetzt wahrscheinlich zu voll. Das Hey Luigi sei auch immer ganz nett, aber so weit weg, und überhaupt möge er das Glockenbachviertel nicht so gerne, wegen der vielen Möchtegerns und Medienleute und so. Maries zarten Einwand, dass es da aber auch noch viele andere Läden gäbe, man also auf jeden Fall nicht verhungern müsse, ignoriert Roman. Als es nach 20 Minuten Irrlauf durch die City zu regnen beginnt, flüchten die beiden sich ins Vapiano. Roman holt sich eine Pizza Diavolo, Marie Nudeln mit einer Sauce aus Zitronensahne, Fenchel, Kichererbsen und Putenbrust. Klingt leckerer als es ist, denkt sie sich nach zwei Gabeln und schaut Roman an, der nicht isst, sondern frisst, schlingt und schmatzt. Ab und zu lächelt er sie an. Nach dem Essen trinken sie einen Espresso, und Roman erzählt von seiner Indienreise. Plötzlich holt er Fotos aus seinem Rucksack. Ein gutes Dutzend dieser komischen Papiertüten, Marie wusste gar nicht, dass es die noch gibt. Die Bilder sind ziemlich unspektakulär. Bauwerke mit Kuppeln, Bauwerke ohne Kuppeln. Inder, die irgendwie seltsam aussehen. Alte Autos. Kühe, vermutlich heilig. Schiffe, ein schmutziger Fluss. Ein Typ mit Wursthaaren, der an einer Art Tresen sitzt, der offenbar als Rezeption für ein Hostel dient. Noch mehr Inder, alle lachen sie so saublöd. Noch mehr heilige Kühe. Marie kann sich echt nicht mehr konzentrieren, und sie sind noch nicht mal halb durch. Vorsichtig fragt sie nach, ob er denn die Bilder irgendwie sortiert hätte, also ob sie da gerade eine Vorauswahl sähe oder wirklich jedes verdammte Foto aus sechs Wochen Rucksackunsinn. "Ich fotografier' ja nicht digital. Da im Nachhinein jetzt groß zu ordnen, fände ich auch den Motiven gegenüber unangemessen. Ich will ja meine Eindrücke möglichst ungefiltert an dich weitergeben", erklärt er. Marie weiß nicht so recht, was sie sagen soll und lächelt. Unterm Tisch schreibt sie Lisi eine SMS: "Hippiealarm. Hol mich hier raus!" Drei Minuten später klingelt das Telefon, Marie sagt Hmm und Jaa und Klar und Ooh und erklärt dann Roman mit besorgter Miene, dass sie wirklich gehen müsse, weil der Freund ihrer besten Freundin Schluss gemacht habe. "Die braucht mich jetzt. Ich ruf Dich an." Sie umarmt Roman zum Abschied, versucht dabei, nicht mit der Tomatensauce in seinen Mundwinkeln in Kontakt zu kommen und verlässt den Laden. Als Roman das Wohnzimmer seiner WG betritt, sitzt Nils auf dem Boden und rupft an zwei Shirts herum. "Ich hab von dem Polo hier das Krokodil rausgeschnitten und tackere das jetzt an das andere, direkt neben den Lorbeerkranz. So hab' ich eines, das gleichzeitig Lacoste und Fred Perry ist. Geil, ne?" Roman murmelt irgendwas, nimmt einen Schluck aus einem offenen Orangensaft-Tetrapack und zündet sich erst mal eine Zigarette an. Nils fragt, wie sein Date war, Roman antwortet, dass es "eigentlich sehr cool" gelaufen wäre, also auf jeden Fall "Option auf mehr" bestünde, er aber nicht sicher wisse, ob er das wolle. "Sie ist halt ganz schön oberflächlich, weißte? Für die Indien-Stories hat sie sich auch kaum interessiert. Ich glaube, die denkt echt nicht weiter als bis zur nächsten Party. Naja, mal schauen." Erst Mal schaut er aber Nils weiter dabei zu, wie er sich auf das MGMT-Konzert vorbereitet. Am Ende trägt er sein neu designtes Polo, eine pinke und sehr enge Cheap-Monday-Hose, ein blaues Haarband und fliederfarbene Espandrillos, dazu eine gelbe Windjacke, auf deren Rückseite in blauer Beflockung "Dentists for Ross Perot" steht. Er schnorrt sich noch 'ne Kippe bei Roman und haut dann ab. Eigentlich wäre Roman gerne mitgegangen. In einem Anflug jugendlichen Übermutes hat er aber sein Ticket verschenkt. Vermutlich, so dachte er sich vorher, würde der Nachmittag mit Marie nahtlos in den Abend übergehen, vermutlich würden sie irgendwann in ihrer Altbauwohnung in der Hohenzollernstraße landen und übereinander herfallen. Er schenkt sich ein Glas Merlot ein, seufzt und geht in sein Zimmer. Er fährt seinen Rechner hoch, vielleicht hat Marie ja bei Lokalisten oder Facebook geschrieben. Nix is. Er spielt ein bisschen World Of Warcraft, kann sich aber nicht konzentrieren und checkt noch mal seine Botschaften. Anschließend schaut er einen Porno an, den ihn Niko weitergeleitet hat. Er versucht, sich einen runterzuholen, was aber irgendwie nur so halbgut klappt, trinkt noch zwei Glas Rotwein und schläft irgendwann auf der alten Cordcouch im Wohnzimmer ein. Als Nils zwei Stunden später heimkommt, deckt er ihn liebevoll zu und schaltet dann das Wohnzimmerlicht aus. --- Dies ist ein Storytauschtext. Er ist nicht von sommerhaus. Von wem ist er dann? alcofribas, AllesOderNichts, amplifythegoodtimes, anneliese, CommodoreSchmidtlepp, getupkid, glassonion, irrgaertnerin, Jollscherl, melan, phoneybone, rose, synthie_und_roma, weltherrrschaft, WieJetztAber Ratet in den Kommentaren mit! Wenn alle 16 Texte gepostet sind, gibt’s die Auflösung – und die Verkündung der besten Rater.- Zeitsalz. 20.01.2009
- Dehnungstreifen auf der Seele. 19.01.2009
- Eine gepflegte Pleite 18.01.2009
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das ist so getupkid und gleichzeitig so allesodernichts und gleichzeitig ein wenig wiejetztaber.
ich hätte jetzt gern eine dreiseitige münze.
19.01.2009 - 08:43 Uhr
alcofribas
ich glaub ich hab schon mindestens 3x wiejetztaber geraten.
ach, was weiss ich, ich will eh keine jetzt kulis und t shirts haben. ich habs jedenfalls gern gelesen und haette gerne ne fortsetzung
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19.01.2009 - 08:11 Uhr
octopussy
Doch wer hats geschrieben? rose?