das glück ist ein ein permafrost konservierter theaterkritiker, denke ich, und seine füße sind kalt
Ich werde so glücklich sein im neuen Jahr, das schwöre ich, so glücklich werde ich sein.Damit hatte ich wochenlang meiner Umgebung in den Ohren gelegen und dass ich ein neuer schöner Mensch in einer neuen schönen Umgebung sein würde, nur kurz müsse der Umzug bewältigt werden und dann läge es zum Greifen nahe, glitzernd in der Sonne zu meinen Füßen, das Glück.
Oh, hallo Glück, würde ich zu ihm sagen, wenn ich morgens im neuen Stadtteil auf die Straße vor meinem Haus treten würde und dann würde das Glück mich ein Stück zum Biobäcker begleiten, kein Nagelstudio würde dabei meinen Bäckerweg kreuzen wie noch 2008 und an der Kreuzung würde ich sagen, bis später, weil dann kommt ja das Glück auch schon zum Kaffee vorbei in meiner tollen warmen Wohnung.
Damals war ich naiv und jung, zuletzt in den Dezemberwochen 2008, das war bevor mir eingefallen war, dass ich die Kaffeemaschine das letzte Mal vor einem Jahr benutzt und dann ohne Abwasch voll schlechten Gewissens wieder auf den verstaubten Küchenschrank gestellt hatte und selbst wenn es jetzt noch kommen sollte zu Besuch, das Glück, das blöde, ich müsste erst einmal die Kaffeemaschine desinfizieren.
Anfangs zuckte ich noch freudig zusammen, wenn es an der Tür klingelte, aber es war nie das Glück gewesen, sondern nur der Hausmeister, der mir mitteilen musste, dass das warme Wasser ( Kalenderwoche 1) und die Heizung ( Kalenderwoche 2) vorübergehend nicht funktionieren würden, wegen des plötzlichen Kälteeinbruchs. Und dann war sie da gewesen, die Kälte, war uneingeladen hereingekommen und hatte sich breit gemacht in meinem Wohnzimmer zwischen den unausgepackten Bananenkisten und den Schraubentüten. Nach zweimaligem partiellen Kaltduschen meinerseits und folgendem Mützevergessen war ihr wohl langweilig geworden, der Kälte und so hatte sie sich eines alten Kumpels erinnert und den spontan hinzugebeten.
Was machstn so zur Zeit, altes Haus, hatte die Kälte gefragt und Öhömm, grade nicht so viel, hatte der grippale Infekt geantwortet, ich komm mal vorbei, ja? Kein Problem, hatte die Kälte gesagt, zu zweit ist eh schöner.
Von beiden Besuchern nachhaltig gezeichnet liege ich jetzt im Schlafzimmer, habe mich verbarrikadiert, habe literweise Tee getrunken, 2 Kinder-DVDs geschaut und nichts gearbeitet, habe unter Anstrengung schleimige Flüssigkeiten aus meinem Kopf katapultiert, habe gejammert, habe 18 Stunden am Stück geschlafen. Jetzt ist mir langweilig. Jetzt wirken die Medikamente nicht mehr und ich beschließe zu halluzinieren.
Halluzinieren erfordert eine Raumtemperatur von mehr als 13 Grad, also halluziniere ich nicht, sondern mache mir Gedanken über die Fensterisolierung, nachdem die Bronchibon-Duftkerze am Fenster binnen kürze wieder ausgeweht wurde von dem, was da an Winden und Kälte von außen so hereinmöchte.
Ich hasse Altbauten. Ich hasse schlecht isolierte neue Wohnungen. Ich will endlich das Glück treffen.
Stünde nun ein nackter Mann in meinem Schlafzimmer, auf den 3 Metern zwischen Fenster und Türe, man könnte wohl sein Schamhaar flattern sehen in der Zugluft, die fröhlich an meinem Bett vorbei huscht.
Aber Moment, wieso sollte dort ein Nackter stehen? Wäre dies ein Mensch meines Herzens so hätte ich ihn längst beherzt an den Füßen gezogen, um die Hüfte gepackt und in die, unter die rettenden Deckenberge meines Bettes verschleppt, ihm mehrfach meinen Schal um die kalten, geröteten Ohren geschlungen. Hätte beruhigende Krippentierlaute ausgestoßen und vernehmlich darum gebeten, meine Füße zwischen ein paar Oberschenkel klemmen zu dürfen, bis der bronchitöse Atem tief und ruhig geworden wäre an meinem Hals.
Wäre der Nackte hingegen ein Fremder, stünde er auch nicht lange flatternd vor meiner Nase herum. Scheißeverdammte, würde ich laut fluchen, immerhin wollte ich es mir doch schon vorige Woche angewöhnt haben, so einen Schlüssel immer an den selben Ort zu hängen und vor allem immer zu zu sperren, eine Türe, die man selbst als Mädchen mit einem leichten Schubser aufbrechen kann, sollte man immer zusperren, auch von innen. Das schützt ungemein vor ungewollten Besuchern, zumal Nackten.
Scheißemist, würde ich noch mal lauter schreien, Sowas sagt man nicht, würde mich der Nackte in herablassendem Tonfall belehren, Aber wohl, würde ich wiedersprechen.
Man kann doch auch Scheibenkleister sagen, sagte der Nackte, das hat den gleichenden kathartischen Effekt und klingt nicht so schmutzig. Die deutsche Sprache ist viel zu fäkalüberlastet.
Verpiss dich, du, schnaubte ich. Und: Spießerstadtteilbewohner, dächte ich. Und überhaupt, was soll das denn bitte hier, ihre Nacktheit, vor meiner Nase, im Winter, das macht doch gar keinen Sinn, das ist doch veraltet, das holt doch keinen mehr hinterm Ofen her, das langweilt und provoziert gar keinen. Pfui, Nackter, brüllte ich, Sie haben sich doch billig benutzen lassen um seine schmutzige Phantasie zu verkörpern, mach dich los, du Opfer, du Antiliteratur, du Pseudobürgerschreck du Regietheaterheini.
Der Nackte blickt erstaunt, sichtlich um seine Fassung bemüht. Er schwankt leicht, seine Stirn unter dem dünnen Haaren rötet sich nervös, Flecken verbreiten sich hastig auf dem schmächtigen Oberkörper. Auch weil ich jetzt - mit Auswurf- dröhnend in seine Richtung huste.
Damit hatte er nicht gerechnet, damit nicht, aber wenn man als Nackter in einem Schlafzimmer erscheint, in dem der Bewohner dringend aktuelle Regietheaterdebatten auf 16 Seiten für sein Seminar ausführen müsste, dann sollte man mit sowas gerechnet haben. Da muss man als Kleidungsloser erst mal gegen Vorurteile ankommen, bevor man dann dazu kommt eventuell sein Haar flattern zu lassen im Eiswind.
Selber Regietheater, meckert er, Sie schreien doch selbst gerade total laut und unmotiviert.
Ich schreie nicht unmotiviert, ich drücke gerade einen Zustand aus, dessen hohen emotionalen Wert ich durch die Lautstärke gerade nicht anders darstellen kann. Ausserdem ist das kein Kammerspiel hier! Ich erzeuge gerade direkte Präsenz du Penner! Und jetzt zieh Leine!
Ich scheine gewonnen zu haben. Der Nackte stolpert in Richtung Türe davon, dabei balanciert er vorsichtig zwischen Taschentüchergebirgen und Teetassen, in deren zuckerverklebten Böden sich welke Bronchialteebeutel zu organischen Skulpturen wölben. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt.
Wenn andere Wohnungen fußkalt sind, dann ist deine Wohnung fußpermafrostig, hatte meine Freundin letzte Woche gesagt und meinen ungläubigen Blick dadurch entkräftet, dass sie mir von den sibirischen Exkursionen ihrer Kindheit erzählt hatte, wie sie als Sechsjährige mit ihren Eltern und anderen russischen Geologen am Ural herumgezogen und Geröllhaufen im Permafrost untersucht hätte. Anstatt Weihnachtsferien.
Jetzt muss der Nackte mit blossen Füßen das dauertiefgefrorene Laminat berühren. Er winselt. Nimm das Altpapier mit runter, rufe ich ihm hinterher, dann fällt die Wohnungstür ins Schloß.
Es ist still. Fast vermisse ich ihn, was mir merkwürdig vorkommt und daher beschließe ich, die Dosis Grippostad zu erhöhen und mir eine Portion Eukalyptuskapseln zu gönnen. die ich dann mit Knoblauchtee herunterspüle, altes sibirisches Hausmittel.
Munter bollert meine Heizung gegen die aliblimäßige Scheibe, die mich von einer soliden Außentemperatur von Minus achtzehn grad trennt. Immerhin, sie bollert wieder. Es ist ruhig. Fast scheint es mir, als hätte der Nackte meine beiden neuen Mitbewohner mit nach unten genommen, so wenig Geräusche dringen aus dem Wohnzimmer zu mir herüber. Ich liege bewegungslos und wage nicht nach zu sehen. Ich atme rasselnd.
Draußen auf der Straße hört man das Jaulen der sich gegen das Anspringen wehrenden Autos, das Scharren von Schneeschaufeln auf dem Kopfsteinpflaster und vielleicht sogar das berühmte Klirren der Kälte. Meine Vorhänge flattern in der Zugluft, die Kerze ist aus.
Noch Wochen, noch Monate bis zum meteorologischen Frühlingsanfang. Aber dann wird es kommen, das Glück und die Abdrücke nackter Füße werden aus meinem permigen Fußboden tropfen. Bestimmt.
Alle Kommentare anzeigen
"Nimm das Altpapier mit runter." haha. .
(und herzliche Einladung: ich wohne mit nicht zu regulierenden übermotivierten Fußbodenheizung. Nur im Sommer muss ich Pizza backen, damit die Wohnung warm wird.)
Alle Kommentare anzeigen








0
15.01.2009 - 16:55 Uhr
WieJetztAber