15.01.2009 - 11:54 Uhr

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Fisch sucht Fleisch

Text: synthie_und_roma

Achtzehn glasige Augen starren mich an. Ich lege meinen Kopf auf die linke Seite, achte darauf, dass sich meine rechte Schulter nicht anhebt, und starre zurück. „Sind sie nicht hübsch?“ Waltraut schaut mich lächelnd an, ein bisschen wirkt es, als erwarte sie eine Reaktion von mir. Das Messer in ihrer Hand blitzt. Sie wartet jedoch nicht lange, sondern beugt sich langsam nach vorn, über den Tisch, über die achtzehn Augen und fängt an. Ich stecke mir ein Stück Apfel in den Mund, beginne zu kauen und enttäusche sie. Ich habe schließlich noch Zeit. Jedes Jahr am 23. Dezember sehe ich diese Augen. Es sind immer achtzehn, also neun Paare, die jedes Jahr einen Tag vor Heiligabend vor mir liegen, meistens auf altem Zeitungspapier ausgebreitet und immer starren sie mich an. Ich habe mich nie richtig an diesen Anblick gewöhnen können. Ich empfand ihn immer als irgendwie falsch, störend, aber nie so falsch, als dass ich vor den Augen weggelaufen wäre. Daran gedacht habe ich oft, aber es nie getan. Und deshalb sitze ich auch heute auf der Bank in der Küche meiner Tante und starre trotzig zurück. Du gehörst dazu, sage ich lautlos zu mir, wie die Augen. So einfach ist das. Waltraut hat ihre Enttäuschung offenbar schnell überwunden, wenn sie denn überhaupt da gewesen ist. Ich beobachte fasziniert, wie sie konzentriert damit beschäftigt ist, den ersten Hering von seinen Gräten zu befreien. Mit ruhigen Handbewegungen schlitzt sie ihn an der Bauchseite auf, klappt ihn auseinander und fährt vorsichtig mit dem Messer an der Innenseite seiner außen silbrig, innen hellrosa schimmernden Haut entlang. Sie wiederholt den Vorgang auf der anderen Seite und entfernt dann vorsichtig die große Gräte in der Mitte. Ich nehme noch ein Stück von dem Apfel. Jetzt sind es nur noch sechzehn, denke ich, also acht Paare, so einfach ist das, denke ich und das kleine Kartoffelschälmesser in meiner Hand fühlt sich plötzlich sehr kalt an. „Guck nicht so viel in der Gegend rum, fang an!“ Waltraut und dritte Hering werfen mir einen ungeduldigen Blick zu. Ich nicke schnell und beginne, den halb aufgegessenen Apfel vor mir in klitzekleine Würfel zu zerkleinern. Die Äpfel sind mein Job. Jedes Jahr. Erst schneide ich die Äpfel, dann die sauren Gurken, und wenn meine Tante mit den Roten Beeten und der Gekochten nicht schnell genug ist, auch noch die Kapern. Die Zwiebeln übernimmt meine Mutter, weil sie die einzige ist, die nie weint, aber die Königsdisziplin sind und bleiben die Heringe und die gehören Waltraut. Ich weiß gar nicht, wie lange das schon so geht. Ich weiß nur, dass in meiner Familie seit Generationen jedes Jahr am 23. Dezember Heringssalat „geschnibbelt“ wird. Und ich gehöre dazu. So einfach ist das. Das sechste Paar Augen klatscht auf das Zeitungspapier neben meinem Schneidebrettchen. Ich blicke auf die Seite mit den schwarzen Kästen. „Wir werden Dich nie vergessen“, lese ich. Tot zu tot, denke ich, wie passend. Und vergesse es. Es gab mal ein Jahr, irgendwo zwischen den unendlich vielen Jahren, in denen ich Heringssalat geschnibbelt habe, in dem ich keine Augen sah. Es war das Jahr, in dem meine Oma ein paar Tage vor Heiligabend ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Grund war eine leichte Bronchitis, die sich jedoch vehement wehrte zu verschwinden und der Hausarzt deshalb meine Oma in Hinblick auf ihre neunzig Jahre lieber in der Klinik sah. Dazu kam, dass meine Oma damals noch für die Königsdisziplin verantwortlich war. Keine Oma, keine Heringe, so einfach war das. Am 23. Dezember saß ich also in diesem Jahr nicht wie gewohnt auf der Küchenbank, sondern an ihrem Bett im Krankenhaus und nahm Abschied. Es sah plötzlich sehr schlecht für meine Oma aus. Am Tag zuvor noch lediglich von einem hartnäckigen Husten geplagt, zitterte sie jetzt am ganzen Körper, hatte schlimme Muskelzuckungen, den stärksten Schüttelfrost, den ich jemals gesehen hatte und hohes Fieber. Zusätzlich schien sie in einem Delirium ähnlichen Zustand und nicht ansprechbar zu sein. Waltraut, damals noch für die Rote Beete und für die Gekochte zuständig, stand am Fenster und weinte, meine Tante saß auf der Bettkante und meine Mutter lief ständig im Zimmer umher. Oma würde heute sterben, davon waren sie überzeugt. Und niemals würden wir wieder am 23. Dezember Heringssalat schnibbeln können. Niemals wäre das noch möglich! Nicht an dem Todestag unserer lieben Oma, Mutter und Freundin! Jeder in dem kleinen Krankenzimmer außer mir, so dachte ich, schien nichts anderes als den Salat im Kopf zu haben, während ich an die toten Augen dachte, die wirklich toten, und die Welt nicht mehr verstand. Zwei Wochen später wurde meine Oma sehr lebendig entlassen. Die Ärzte im Krankenhaus hatten ein Medikament namens Bromazanil, was meine Oma seit Jahrzehnten aus Gründen, die heute nicht mehr wichtig sind, einnahm, versehentlich abgesetzt und am Abend des 23. Dezember hatten wir alle dabei zugesehen, wie meine Oma mit ihren neunzig Jahren einen Entzug der Extraklasse hatte durchmachen dürfen. So einfach war das. Die Tradition war gerettet. Meine Mutter, meine Tante und Waltraut weinten vor Glück und das alte Heringsmesser wurde wieder aus der Vitrine im Wohnzimmer geholt und in der Küche in der Schublade deponiert. Ich verstand die Welt wirklich nicht mehr. „Die Stückchen sind viel zu groß. Du musst sie viel kleiner schneiden.“ Wieder klatscht es neben mir. „Ich weiß“, antworte ich und es ärgert mich, dass es genervter klingt, als es der Realität entspricht. Ich esse keinen Heringssalat. Und werde ihn auch nie essen. Ich hasse seine Zutaten, seinen Geschmack. Und nicht ein einziges Mal habe ich von ihm gekostet oder auch nur mit dem Gedanken gespielt, es zu tun. Trotzdem sitze ich hier und die Zeit läuft ab. Ich blicke zur Seite, zu der Stelle, wo das Klatschen verstummt ist. Ein bisschen sieht es so aus, als würde das siebte Paar Augen schielen. Hübsch finde ich das nun wirklich nicht. Ein Jahr nach ihrem unfreiwilligen Entzug war alles wieder beim Alten. Wir saßen in der Küche und jeder schnibbelte, was er schnibbeln durfte. Die Stimmung war gelöst. Waltraut, meine Mutter und meine Tante unterhielten sich laut und lachten dabei, während sie konzentriert arbeiteten und meine Oma stand am Kopfende des Tisches, vor ihr das Zeitungspapier. Sie stand einfach da, ließ ihren Blick schweifen und blieb schließlich an meinem hängen. Wir sahen uns an. Sekundenlang. Ohne ein Wort. Und ich erinnere mich, dass es mich traurig machte, weil ich spürte, dass ich sie nicht verstand. Dies alles hier nicht verstand. Und ich hatte das Gefühl, dass die Augen noch glasiger als sonst starrten. An diesem 23. Dezember wäre ich gern weggelaufen. Ich tat es aber nicht. „Ich bin gleich fertig... .“ Waltraut wirft mit einem Schwung das achte Augenpaar auf ihr Brett. Das Messer blitzt mich wieder an und meine Mutter hat die Schüssel mit dem Heringssalat mittlerweile auf ihrem Schoß und rührt kräftig. Gleich ist es vorbei, denke ich. Sind es wirklich die Augen? Ich weiß es plötzlich nicht mehr. „So, jetzt bist du dran.“ Ich schrecke hoch, als mich plötzlich das neunte Augenpaar von unten anstarrt. Waltraut hält mir herausfordernd das Messer hin, was seit Jahrzehnten von Hand zu Hand gegeben wird und lächelt wieder. Wie zu Beginn, als es alle achtzehn Augen noch gab. Nur diesmal enttäusche ich sie nicht. Diese Augen gehören mir. Ich wusste es die ganze Zeit. Als ich mit dem rasiermesserscharfen Messer den Bauch des Herings aufschlitze, spüre ich kaum Widerstand und wundere mich darüber. Lautlos gleitet das Messer durch das Fleisch. Wie einfach das ist, denke ich. Ich ersteche einen Hering. Waltraut lässt sich auf die Bank fallen. Sie wirkt zufrieden. „Weißt Du, ich mag eigentlich gar keinen Heringssalat.“ Ihre Stimme klingt im Raum nach. „Ist das nicht wirklich sehr komisch?“ Das Messer in meiner Hand blitzt kurz auf. Sie erwartet keine Antwort. Das weiß ich. Denn es fühlt sich großartig an. Dies ist ein Storytauschtext. Er ist nicht von synthie_und_roma. Von wem ist er dann? alcofribas, AllesOderNichts, amplifythegoodtimes, anneliese, CommodoreSchmidtlepp, getupkid, glassonion, irrgaertnerin, Jollscherl, melan, phoneybone, rose, sommerhaus, weltherrrschaft, WieJetztAber Ratet in den Kommentaren mit! Wenn alle 16 Texte gepostet sind, gibt’s die Auflösung – und die Verkündung der besten Rater.


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Jollscherl
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16.01.2009 - 08:18 Uhr
Jollscherl

anneliese. so.

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16.01.2009 - 08:19 Uhr
Jollscherl

oder hatte ich die schonmal gesagt? scheiße... ich verlier den überblick...

mrsbratmaxe
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16.01.2009 - 20:14 Uhr
mrsbratmaxe

schon wieder: anneliese
das kann ja was werden...

tilly
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Mag ich Mag ich nicht

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19.01.2009 - 12:58 Uhr
tilly

schon ziemlich sommerhausig
aber eigentlich nicht ganz
dennoch
mein tip
sommerhaus

cuthbert
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Mag ich Mag ich nicht

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19.01.2009 - 13:06 Uhr
cuthbert

Jollscherl

kleinestrandperle
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Mag ich Mag ich nicht

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19.01.2009 - 23:20 Uhr
kleinestrandperle

das muss einfach sommerhaus sein ;0)

WieJetztAber
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Mag ich Mag ich nicht

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21.01.2009 - 15:14 Uhr
WieJetztAber

sommerhaus

Jollscherl
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21.01.2009 - 18:22 Uhr
Jollscherl

endgültiger tipp: rose

chippyq
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22.01.2009 - 11:02 Uhr
chippyq

sommerhaus, glaube ich.

AllesOderNichts
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Mag ich Mag ich nicht

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22.01.2009 - 12:05 Uhr
AllesOderNichts

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