Philipp im Schnee 4
Ich ging die Straße hinauf und als ich unser Haus erreichte, fielen erste noch sehr kleine und unergiebige Schneeflocken. Ich weiß noch, dass man die Berggipfel bereits nicht mehr erkennen konnte, denn die Wolken waren bereits soweit herab gekrochen, dass der Wald direkt in den Himmel überging. Ich fragte Philipp ob er Hunger habe. Ich schlug vor, uns schnell ein paar Nudeln zu machen, doch er hatte wohl schon gegessen, jedenfalls antwortete er nicht. Er saß im Wohnzimmer. Es lief der Fernseher. Es war wie so oft nicht ganz klar, ob er fern sah und nebenbei seinen Hausübung machte. Oder ob er seinen Hausübungen machte und der Fernseher nur nebenher lief. Jedenfalls drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange und er ließ es ohne viel Widerstand geschehen. Ich strich ihm durchs Haar, ging dann in die Küche und roch an meiner Hand, denn ich möchte, wie Philipps Haare rochen. Und es war oft fast so, als könnte ich mit meiner Hand fragen an ihn richten. Meine Hand stellte Philipp eine Frage. Und sein Geruch antwortete ihr.Ich weiß noch genau, dass gegen Abend, als ich für heute meinen Kram erledigt hatte und am Küchentisch saß, der Schneefall schon recht stark geworden war. Es war schon dunkel, nur in den Lichtkegeln der Straßenbeleuchtung sah man den Schnee fallen, und es musste nicht nur dunkel, sondern auch deutlich wärmer geworden sein. Denn die Flocken hatten nichts Verspieltes mehr an sich, sondern fielen groß, schwer und zielstrebig zu Boden. Sie tänzelten nicht mehr durch die Luft, wie sie es bei großer Kälte getan hätten. Sie schienen sich nicht mehr selbst zu genügen, sich in sich selbst zu erschöpfen, sondern standen im Dienst einer Sache. Sie waren ein Mittel zum Zweck geworden. Sie schienen einen Auftrag zu erfüllen. Sie hatten eine Aufgabe gefunden. Sie machten Schnee.
Wie viel, blieb schwer abschätzbar. Es hätte schließlich jederzeit wieder aufklären können, auch wenn diese Vorstellung eigenartig unrealistisch war. Doch im Grunde war es ohnehin egal, wie viel Schnee nun tatsächlich fallen sollte, genauso wie es egal war, ob ich jetzt oder in zwei Stunden schlafen ging. Wichtig war, den Wecker auf halb sieben vorzustellen, denn egal wie viel es nun tatsächlich schneien sollte, morgen musste die Einfahrt freigeschaufelt werden. Und noch wichtiger war dass Philipp schlafen konnte. Friedlich. Sein schweres, tiefes Atmen. Seine geschlossen Augenlider mit den unglaublich langen Wimpern. Sein leicht geöffneter, dicklippiger und doch schnabelartiger Mund.
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14.01.2009 - 13:50 Uhr
tomanic