2009
Diesen Text schrieb alcofribas: Er hatte offenbar falsch gelegen, diese Nacht. Nicht falsch gelegen im Sinne von „die geht noch mit mir mit“ oder von „England war zweimal Weltmeister, da wette ich mit dir eine Kiste Bier“, sondern wohl die halbe Nacht auf der linken Seite, mit dem Arm in einer so ungünstigen Position, dass dieser eingeschlafen war, oder sowas. Verrenkt. Verspannt. Jedenfalls weit weg von fit sein für dieses Jahr. „Büro“ dachte er. Scheißjob. Scheißverlag. Scheißleben. Nun, es nährte seinen Mann, genug für eine annehmbare Wohnung, okaye Klamotten, täglich Kaiser‘s statt Aldi und die monatliche iTunes-Rechnung und genug zu trinken, um von Freitagabend bis Montagmorgen nicht an Klappentexte denken zu müssen. Klappentexte waren nämlich der direkte Verantwortungsbereich von Benedikt Zumtobler, M.A. Während er vor dem Badezimmerspiegel, der ihn unnatürlich vergrößerte, seine Zähne putzte und wiedermal vor seinen Augenringen erschrak, schrieb er seinen großen Roman, sein Erstlingswerk weiter. Ein Spiegelbild seiner Generation, keine Feuchtgebiete, keine Vermessung, keine Häutung, einfach so wie es ist. War. Denn natürlich würde der Roman frühestens 2030 erscheinen, wenn die Gegenwart soweit verklärt sein würde, dass man sogar das - an sich normale, durchschnittliche - Leben eines M.A. Zumtobler als „authentisch“ bewerten würde. Er schrieb natürlich nicht, er dachte, konstruierte, was er schreiben würde, wenn. Und was, wenn es wirklich so ist? Wenn alle wichtigen Sachen im Leben wirklich an diesen drei oder vier Orten passieren, an die ich grade denke? Und das nicht nur bei mir, sondern bei jedem Menschen? Zum Beispiel verbindet mich wenig oder gar nichts mit Trier - eine schöne Stadt, sicher, ich war nie dort. Oder Hannover. Ich war dort, für ein Wochenende, es ist nichts passiert, was dieser Stadt auch nur einen Absatz in diesem Buch bescheren könnte. Genauso ist es aber doch sicher kein Zufall, dass das Büro, in dem ich mein allererstes Vorstellungsgespräch, noch im Studium, hatte, zwei Bushaltestellen von C.s Wohnung entfernt ist. Oder damals, die Buchmesse, als ich mich für diesen ganzen Quatsch entschieden hatte, mich vom Glamour „meiner“ Branche habe blenden lassen und ich dieses Praktikum beim ***-Verlag bekam - wieso bin ich fast genau zehn Jahre später mit J. denselben Weg gegangen, am Fluss entlang? Müßte man natürlich noch sprachlich glätten, dachte Zumtobler, aber ich schreibe im Moment ja nicht in echt, ich stehe in meinem Bad und putze mir die Zähne. Der Verlag, für den Zumtobler arbeitete, war jetzt - vorsichtig ausgedrückt - nicht in erster Linie dafür bekannt, dass das Feuilleton seine Veröffentlichungen an prominenter Stelle besprach. Unvorsichtig ausgedrückt, hatte seine Leserschaft große Schnittmengen mit der Zuschauerschaft nicht-öffentlicher Sender außerhalb der Prime Time. Direkt gesagt verlegte der Engel-Verlag Schund. Historische Romane, im Titel musste immer was mit „Hure“, „Hexe“ oder zumindest eine ausgestorbene Berufsbezeichnung vorkommen. Der bisher größte Erfolg war unter diesen Gesichtspunkten „Das Hexenkind des Stellmachers“ gewesen (gegen den Titel „Das Hexenkind der Stellmacherhure“ hatte sich der - obwohl unter Pseudonym schreibende - Autor erfolgreich gewehrt). Benedikt Zumtobler verspürte ein leichtes Würgen, das zu gleichen Teilen verschluckter Zahnpasta, seiner Kettenraucherei und Baldur F. Georgij geschuldet war, dem erfolgreichsten (Pseudonym-)Autoren des Verlags. Was hätte ich an diesem Tag, in diesen Wochen und Monaten anders machen können? Sollen? Wir funktionieren nicht, meinte sie damals. Weil sie nicht mit einem Klappentextdichter des Engel-Verlags zusammen sein konnte (wollte?) - des Verlags, dessen billig designte Cover sich so unprätentiös ausnahmen, dass man sie unmöglich im Regal haben wollte - umso weniger natürlich den Urheber dieser Cover im Bett. Ja, es hatte nach ihr andere gegeben, sogar sehr unmittelbar, fuck se pain away - in einem Buch, das in diesen wilden Jahren M.A. Zumtoblers spielte, musste dieser Satz natürlich vorkommen, so my-space-profilmäßig, weißt Du noch, MySpace, Gott, waren wir bekloppt - ...andere gegeben, Erzählfaden, Und dass ich damals, „dabei“, immer an sie gedacht hatte? Würde das etwas ändern? Dass ich in jenem Jahr öfter in ihrer Stadt war, als es nötig und für mich üblich war? Und erst jetzt verstehe, dass der Grund vielleicht war, dass der Bus, der vor der Kneipe vorbei fährt, dieselbe Farbe hat, wie der, der vor ihrem Fenster vorbei fährt? Zumtobler spuckte aus. Nein, das kann man nicht so schreiben, das ist übelster Emoschmarrn, das kauft 2030 keine Sau mehr. Vielleicht ein Archiv von Jugendkulturen in Göttingen, oder wo die sitzen mögen. Und dann macht irgend so ein chinesischer Austauschstudent eine Magisterarbeit in Germanistik draus, Befindlichkeitsliteratur des frühen 21. Jahrhunderts in informellen Kontexten oder so. Und man ist nur Forschungsobjekt. Baldur F. Georgij. Dieser Idiot. Hatte einen Vertrag über sechs weitere Bände (nicht unter 900 Seiten) seines Mittelalterzyklus bekommen. Nach dem „Hexenkind“ ging Ende des Monats der „Pilgerweg des Klostergärtners“ in Druck, ihm würde zum Ostergeschäft „Der Erzbischof und die Bettlerin“ folgen und als Finale dieses Jahr „Der Schwur des Küfners“. Zumtobler hatte die Klappentexte schon „fertig“, will sagen: die Satzbausteine waren ihm Samstagmorgen im Taxi eingefallen, es würde wohl wieder auf den üblichen Schmonzes hinauslaufen, „der exzellente Mittelalterkenner und Kirchenhistoriker Georgij nimmt den Leser mit auf eine Reise in das „finstere Mittelalter“, wo sich unter Dogen, Rittern und Bauern ein bunter Bilderbogen entspinnt, der den Vergleich mit Schnitzlers „Reigen“ nicht fürchten muss.“ Dann noch eine „Rezension“, etwa: „Der neue Georgij läßt in gekonnter Weise die Liebe des Autors für die Geschichten hinter der offiziellen Geschichtsschreibung aufblitzen (Passauer Neue Presse)“, vielleicht noch nachgeschoben: „Wunderbar. (Magdeburger Volksstimme)“. Gut so. Konnte er sich den Rest der Woche im Büro wieder der Pflege seiner MySpace-Seite widmen. Natürlich gibt es keine Zufälle, oder nicht nur. Wenn jemand, der für einen Verlag arbeitet, in Frankfurt dies und das erlebt, hängt das natürlich damit zusammen, dass man an der Buchmesse nicht vorbei kommt. Wäre die in - sagen wir - Münster, hätte ich vielleicht Schönes und Tragisches am Aasee erlebt. Oder wäre ich IT-Hoschi, ich hätte sicher nette Erinnerungen an die Leine. Meine erste Messe hat mir meinen ersten Job verschafft, der mich wieder dorthin geführt hat, usw. usf. etc. pp. Trotzdem. Es stand nirgendwo, dass ich mich mit jemandem aus Frankfurt treffen muss, der nichts, aber auch gar nichts mit der Buchmesse zu tun hat. Dann kämen aber andere Zufälle (?) ins Spiel. Beknackt. Kein Mensch arbeitet, wenn der 2. Januar auf einen Freitag fällt, dachte Zumtobler, während er sich, auf seinem Bett sitzend, die Socken anzog. Aber gewisse personalrechtliche Verwicklungen hatten seine Urlaubsplanung verzögert, so dass er nicht nur einen Sitzplatz in der Bahn bekam, sondern auch das Büro nur unterbesetzt war und er nach dem Mittagessen Feierabend machen konnte. Die einzige Mail an diesem Tag kam vom Volontär des Feuilletons der Neuen Osnabrücker Zeitung (Zumtobler grinste kurz ob dieser Kombination), der - die Tippfehler ließen das vermuten - seinen Silvesterrausch noch nicht ausgestanden hatte und um ein Rezensionsexemplar des „neuen Pistorius“ bat - „Der Verrat des Zeugmachers“. Während das neue Jahr anfing und das alte langsam hinter den Häusern verschwand, sich die Menschen küssten und das Sektglas in meiner Hand unangenehm kalt wurde, fragte ich mich, ob sie wohl noch manchmal an mich dachte. Montag. Vorher würde er das Rezensionsexemplar nicht nach Osnabrück schicken. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. --- Dies ist ein Storytauschtext. Er ist nicht von WieJetztAber. Von wem ist er dann? alcofribas, AllesOderNichts, anneliese, amplifythegoodtimes, CommodoreSchmidtlepp, getupkid, glassonion, irrgaertnerin, Jollscherl, melan, phoneybone, rose, sommerhaus, synthie_und_roma, weltherrrschaft Ratet in den Kommentaren mit! Wenn alle 16 Texte gepostet sind, gibt’s die Auflösung – und die Verkündung der besten Rater.- Zeitsalz. 20.01.2009
- Dehnungstreifen auf der Seele. 19.01.2009
- Was sind die Optionen? 19.01.2009
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- Fisch sucht Fleisch 15.01.2009
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21.01.2009 - 18:15 Uhr
Jollscherl