Philipp im Schnee 2
Wie immer begann ich mit dem Badezimmer. Ich war mit der Zeit zwar kaum schneller, aber deutlich gründlicher geworden. Jedenfalls weiß ich noch, dass es diesbezüglich kaum mehr Beschwerden gab. Ich reinigte die Duschtasse, die Duschwand und das Waschbecken. Ich polierte die Armaturen und sah dabei die eigentümlich verzerrten Zügen meines Gesichts. Dass einen ein paar Rundungen z.B. jene des Wasserhahns, oder jene der Stange der Duschaufhängung nur derart entstellen konnten, dachte ich und las die gebrauchten Handtücher vom Boden auf. Dann ließ ich den Kloreiniger ein wenig einwirken, und ich weiß noch, dass ich während der Kloreiniger einwirkte, eine Weile durchs Fenster hinaus schaute. Die Scheibe war von fast mikroskopisch kleinen Eiskristallen punktiert und ich sah, wie sich von Westen kommend Schneewolken über den Himmel zogen. Deshalb also erschien mir alles viel dunkler. Deshalb auch waren draußen wie drinnen alle Schatten nun deutlich weniger scharf. Die Farbe des Waldes war vom Bläulichen ins Schwarze gekippt und die aperen Ecken und Kanten der Hänge waren nun eher grau als braun. Sie wirkten nun eher wie graue Fehlstellen im weißen Lacken der Landschaft, und nicht mehr wie braune, langsam abheilende Wunden. Der Raureif wird heute wohl gar nicht mehr zum Glitzern kommen, dachte ich, und empfand einen eigentlich ganz angenehmen, mich nur ganz sanft umarmenden Hauch von Enttäuschung. Ich schruppte die Klomuschel, betätigte dann zwei, drei Mal die Spülung, bis das Wasser völlig klar blieb und sich auch keine neuen Schaumkronen mehr bildeten. Dabei versuchte ich diesen Hauch von Enttäuschung noch ein wenig bei mir zu behalten, doch ich weiß noch, es gelang mir nicht. Also wischte ich, wieder fast empfindungslos geworden, den Badezimmerboden auf und aß dann ein Stückchen Schokolade, dessen Papierchen ich schnell in meiner Hosentasche verschwinden ließ. Zwei andere Stückchen Schokolade legte ich auf die Kopfkissen des frisch gemachten Doppelbetts und ich weiß nicht wieso, ich konnte das Geräusch des Staubsaugers einfach von Arbeitstag zu Arbeitstag weniger ertragen. Deshalb kramte ich meinen PM3-Player aus meiner Handtasche hervor und stoppelte mir die Kopfhörer in die Ohren. Ich machte mir die Haare auf und kontrollierte im Spiegel, ob meine Haare nicht nur die Kopfhörer, sondern auch ihr Kabel so verdeckte, dass man nichts merkt. Ich weiß noch, dass ich das immer tat und erst wenn ich sicher war, dass man auch das Kabel nicht sehen konnte, den MP3-Player anstellte. Früher war die Minibar oft das Erste gewesen, doch bald war es meist das Letzte, den Bestand der Minibar zu kontrollieren. Früher ließ ich oft eine der winzigkleinen Wodka-Fläschchen in die Tasche meines Arbeitskittels gleiten. Doch das Fehlen des Fläschchens wäre aufgefallen. Deshalb hatte ich immer ein identisches Fläschchen dabei. Früher nahm ich also ein Fläschchen aus der Minibar und ließ es schnell in meiner linken Kitteltasche verschwinden. Dann griff ich in meine rechte Kitteltasche und stellte das mitgebrachte Fläschchen in die Minibar. Ich weiß noch, es dauerte etwa einen Monat bis ich mir die Sinnlosigkeit des Ganzen eingestehen konnte. Denn nüchtern betrachtet möchte ich gar keinen Wodka. Und nüchtern betrachtet, war das winzige Glück, das ein gelungener Diebstahl auslösen konnte, die Zweieurozwanzig für das Ersatzfläschchen einfach nicht wert.***
- Philipp im Schnee 10 18.03.2009
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08.01.2009 - 18:30 Uhr
GMG
Was bitte ist eine Duschtasse ?