07.01.2009 - 17:46 Uhr

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Philipp im Schnee 1

Text: mamau in Tagebuchschreiber (1132)

Ich weiß noch, eines Morgens saß ich am Küchentisch, hatte mir noch einmal Kaffee nachgeschenkt und starrte, denn morgens starrte ich immer. Oft starrte ich bis in den frühen Vormittag hinein meine Kaffeetasse an, oder zum Fenster hinaus, wo die Landschaft ruhig dalag und sich zu recht nicht beobachtet fühlte. Es war niemand mehr da. Ich hatte Philipp bereits zur Schule geschickt. Ich saß also allein in der Küche, sah zum Fenster hinaus und begann mir die Großwetterlage zu verdeutlichen. Es hatte geschneit. Das musste nun etwa drei Wochen her sein. Der Schnee fiel vielleicht zwei Tage lang vom Himmel, ehe er wieder in Regen überging. Seitdem war das Wetter schön und die Luft kalt und trocken, so auch heute. Doch der Regen von damals hatte den Schnee in sich zusammensacken lassen. Seitdem übersäten kleinen Mulden und Dellen die Schneeoberfläche, und die Kälte der letzten Tage und Wochen hatte sie bis heute konserviert. Vielleicht wegen alldem, vielleicht nur auf Grund dieser Vorgeschichte, die ich mir immer wieder verdeutlichte, erschien es mir denkbar, dass selbst die Landschaft manchmal ein wenig leiden könnte. Unter ihren braun entblößten Flanken etwa, oder an ihrer Unfähigkeit zu interagieren. Oder unter der hart verkrusteten Schneedecke, die an ihren Weichteilen kratzte und den vielen kleinen Dellen, die ihre Oberfläche übersäten. Vielleicht, dachte ich, war selbst die Landschaft leidensfähig und litt folglich auch manchmal. Zum Beispiel im Frühjahr an den tausenden von Spatenstichen in all den Gärten unserer Gegend, oder momentan an ihrer unschönen Orangenhaut.
Ich weiß noch, dass die Schneedecke auf den Wiesen unterm Haus vielleicht fünfzehn Zentimeter dick war und von einer Schicht Raureif überzogen. Um diese Jahreszeit erreichte die Sonne die Wiesen erst am frühen Nachmittag. Vormittags gelang es ihr nur die steilen Hänge hinterm Haus zu bestrahlen, doch dort verlor sich der Raureif im Geflecht des brauen, fauligen Grases, und konnte also nicht glitzern. Noch war also alles matt. Das Tal war stumpf. Noch glitzerte nichts.
Als ich mich endlich aufraffte und nach draußen ging, schien mich vor dem Haus eine befremdliche Stille schon zu erwarten. Die Kälte war zahm, denn es gab so gut wie keinen Wind, der mir die Kälte ins Gesicht blasen und durch die Nähte meiner Jacke hätte pressen können. Oben jedoch, wo das Gebirge mit seinen schwarzen Gneiszähnen in den klaren Himmel biss, war es vielleicht direkt stürmisch. Es gab dort vielleicht Stellen, an denen man ein bestimmtes Pfeifen hätte hören können. Es wäre die monomentalere Variante desselben Geräusches gewesen, das entsteht, wenn man die Atemluft gewaltsam durch eine Zahnlücke presst.
Doch ich hörte nichts. D.h. ich hörte nur den Lärm der Bundesstraße, denn ich weiß noch, ich stand bereits unten im Tal, bei der Bushaltestelle und hatte keine Zahnlücke, mit der ich hätte pfeifen können. Und die Zahnlücken der Berge waren viel zu weit entfernt. Dass es aber oben stürmisch war, sah man nun ganz deutlich. Denn überall dort, wo die Grenze zwischen Himmel und Erde glatt war und nicht zwischen Luft und Fels, sondern zwischen Luft und Schnee verlief, war sie unscharf. An diesen Stellen wurde das Weiß der Erde vom Wind ins Blau des Himmels hineingewischt. So entstanden diese eigenartig weichen Stellen, die die ansonsten gnadenlose Schärfe des Horizonts milderten. Ich weiß noch, dass ich glaubte die Entfernung des Horizonts recht genau schätzen zu können. Und als ich bereits im Bus saß und taleinwärts fuhr, überlegte ich, ob es eine Eigenart von mir war, die Entfernung des Horizonts auf vielleicht einen Kilometer genau schätzen zu können. Doch es gelang mir schnell zu begreifen, dass es vielmehr eine Eigenart meines Horizonts war, dass sich seine Entfernung vielleicht sogar auf einen halben Kilometer genau schätzen ließ.


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2 Kommentare

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garconne
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Mag ich Mag ich nicht

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07.01.2009 - 18:34 Uhr
garconne

*

riesenherz
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Mag ich Mag ich nicht

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12.01.2009 - 14:48 Uhr
riesenherz

*lese ich jetzt mal alle drei

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