06.01.2009 - 18:30 Uhr

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Das Facebook-Paradox: Freunde ohne Freunde - und nie allein sein

Text: felix-stephan

Anders als all die Come-Together-Imperative der Sechzigerjahre-Popmusik und der Werbewelt behaupten, sind Beziehungen zwischen Menschen ja in erster Linie dies: Arbeit. Keine Konzentrations-Arbeit vielleicht, aber emotional aufwühlend, erschöpfend und verschleißend wie kaum etwas anderes. Kein Film, kein Roman kann die Qualen hervorrufen, die ich erleide, wenn sich etwa mein Sandkastenfreund als der viel passendere Geschlechtspartner für meine Freundin herausstellt, was die beiden früh bemerken, bald umsetzen, aus Rücksicht aber nicht verraten, jedenfalls nicht mir. Schließlich will der gute Mensch niemanden verletzen und tut es gerade deshalb. Alles kein Geheimnis.



„Happiness only real when shared“ - Screenshot aus dem Film "Into the Wild"

Das ist im Prinzip auch gut so. Ohne Leiden gäbe es die abendländische Philosophie nicht. In der Antike waren Melancholiker und Denker untrennbar miteinander verbunden. Sehnsucht, Einsamkeit, Desillusion, Illusion – ständig hat man Probleme. Ohne Leiden käme es nie zu Fragen wie: Ist mein Leiden Selbstsucht? Ist meine Liebe Besitzdenken? Welche Vorstellung von der Welt sorgt dafür, dass ich mein Freund und meine Freundin einander nicht gönne? Bin ich ein Tyrann? Ich liebe doch bloß meine Freundin. Meine Ex-Freundin.

Die Beziehungen zu den Leuten um uns herum sind in ihrem Wesen unbequem und dass der Mensch immer nach größtmöglicher Bequemlichkeit und Entlastung strebt, ist ein altes Credo der kapitalistischen Produktordnung und – neben der Verlängerung und Verstärkung der Sinnesorgane – der wahrscheinlich wichtigste Grund, aus dem es technischen Fortschritt überhaupt gibt. Die Zentralheizung befreit uns von der Notwendigkeit eines Ofens. Jahrhundertelang galt das Versprechen, das uns die Technik von umständlichen Arbeiten befreit, damit wir uns um die wesentlichen Dinge kümmern können, oder was die Kommunikationsstrategen dafür hielten. Das erste Mal wurde dieses Versprechen gebrochen, als die Geräte so kompliziert wurden, dass es mehr Zeit und Aufwand kostete, ihre Bedienung zu erlernen, als ihr Einsatz letztlich Zeit und Aufwand sparte. Und zum zweiten Mal wird das Versprechen gerade jetzt gebrochen. Von den sozialen Netzwerken im Internet.

Was aber ist denn dieses Wesentliche, für das wir so viel mehr Zeit haben sollen? Wahrscheinlich glücklich werden. Endlich nicht mehr abwaschen, sondern glücklich sein; die Zeit genießen. Aber gleichzeitig gilt: „Happiness only real when shared“, wie der Held in Sean Penns Erfüllungsepos „Into the Wild“ kurz vor seinem Tod zu erkennen bereit ist. In dem relativ neuen Genre des Partypics in den sozialen Netzwerken sind üblicherweise junge Menschen betrunken, unterwegs und glücklich, doch eins sind sie nicht: allein. Die Wendung „Ich will heute allein sein“ ist makelhaft und bedeutet: „allein mit meinen Problemen, allein mit meinen Gedanken, allein mit meiner Melancholie“.

Wenn man empfohlen bekommt, sich mal eine Weile zurückzuziehen, dann als Regenerationsmaßnahme, bis man wieder „voll durchstarten kann“, wie derzeit ein Hautcreme-Spot androht. Auch hier: Voll durchstarten geht nicht allein. „Wenn du ganz nach oben willst, brauchst du ein Team“, reimt Sido umstandslos auf „Aggro Berlin“. Ganz nach oben, voll durchstarten – willkommen 2009. Der moderne Begriff für alles „Soziale Kompetenz“ bezeichnet alles, was man sich darunter vorstellen möchte, nur eines nicht: Alleinsein.
Weil diese neueste Idee des abendländischen Über-Ichs aber natürlich nichts mit der Realität zu tun hat – man würde wahnsinnig, wenn man nie allein wäre; der Entzug des privaten Rückzugsgebietes ist ein erprobtes Folterinstrument - gibt es Dienstleister, die das übernehmen, das Nie-Allein-Sein. Wann immer man sein Profil im sozialen Netzwerk seiner Wahl aufruft, steht dort die Zahl der Freunde, mit denen man verbunden ist. Selten sind es zehn, meistens hundert, bisweilen dreihundert. Man stelle sich vor, man stehe wirklich mit dreihundert Menschen in Kontakt. Dreihundert Mal Vertrauen, Vertrauensbruch, Ränkelspiele, Lebensentwürfe, subtile und offene Konflikte, Missverständnisse, doppelte Böden, Geschlechterkampf. Dreihundert Mal echte Beschäftigung mit der Person.

Doch darum geht es gar nicht. Man steht nämlich nicht als Person mit der Person in Kontakt, sondern sollte genauer sein: Das eigene standardisierte Profil ist mit dem ebenfalls standardisierten Profil des Gegenübers befreundet. Wir müssen nicht mal mehr wirklich befreundet sein. Dafür haben wir Bots oder Avatare, die wir über einen einfachen Fragebogen erstellen und um ein vorteilhaftes Foto ergänzen. Eine Person, die wir gerne wären, ist mit einer Person, die sie gerne wäre, befreundet. Mit einem Mal haben wir auch „das Wesentliche“ outgesourcet.

Der slowenische Kulturkritiker Slavoj Žižek hat der Konsumgesellschaft vorgeworfen, sie würde alles wollen, ohne es wirklich zu wollen. Fettarme Milch oder die Idee der intelligenten Bomben wären solche Beispiele. Milch ohne Fett. Bomben ohne Opfer. Milch ohne Milch. Bomben ohne Bomben. Die sozialen Netzwerke haben für Millionen Menschen auch den eigenen Freundeskreis konsumierbar gemacht. Endlich haben wir Freunde ohne Freunde.


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andinin
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 13:42 Uhr
andinin

le-ben sagte:
"...wie der Held in Sean Penns Erfüllungsepos „Into the Wild“ kurz vor seinem Tod zu erkennen bereit ist."

ist die information über das ableben jetzt unwichtig für den verlauf des films, also z.b. schon früh klar das er stirbt? oder ist das jetzt ein spoiler (sagt man doch so?) gewesen? wenn zweiteres: muss das denn sein?
tut mir leid wenn ich hier das thema verfehle, aber sowas kann ich ja leiden wie die haare an meinem hintern. und die hab ich nicht so wirklich lieb.


Ich halt mich mal raus aus dem Thema, aber da muß ich le-ben recht geben. SPOILERN GEHT GAR NICHT! Wollte den Film gerne die nächsten Wochen gucken, aber so vergeht einem der Spaß.

palolem
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 15:10 Uhr
palolem

braucht der mensch denn nur wahre und gute freundschaften, oder sind nicht auch die unverbindlichen und zeitlich begrenzten begegnungen essentiell?

DarkStar77
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 19:00 Uhr
DarkStar77

Cobretti_Rec sagte:
Hier wird etwas verteuflischt, nur, weil in diesem Zusammenhang das Wort "Freunde" auftaucht. Man könnte es auch Kontakte nennen und doch würde es identisch bleiben. Die Frage ist doch nicht, wie das heißt, sondern, wie man das ganze anwendet.

Danke, da spar ich mir das Tippen und stimme einfach zu. Ich fände es aber auch besser, wenn diese Kontaktlisten dann auch tatsächlich NICHT "Freunde" heißen würden. Einfach wegen der Assoziationen.

oekorealist
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 19:14 Uhr
oekorealist

DarkStar77 sagte:
Cobretti_Rec sagte:
Hier wird etwas verteuflischt, nur, weil in diesem Zusammenhang das Wort "Freunde" auftaucht. Man könnte es auch Kontakte nennen und doch würde es identisch bleiben. Die Frage ist doch nicht, wie das heißt, sondern, wie man das ganze anwendet.

Danke, da spar ich mir das Tippen und stimme einfach zu. Ich fände es aber auch besser, wenn diese Kontaktlisten dann auch tatsächlich NICHT "Freunde" heißen würden. Einfach wegen der Assoziationen.


ausgerechnet in den kapitalistischen business-netzwerken ist in der regel von kontakten die rede, nicht von freunden. was sagt der autor dazu? hört sich manchen etwas zu klinisch an, und wetten, dann würde der autor einen artikel schreiben, wie kalt und menschenfeindlich diese kapitalistische welt ist, dass sie aus freunden nur noch "kontakte" macht ;)

man kann es halt nicht allen recht machen. innerhalb des netzwerkes wählen zu lassen, ob man seine freunde lieber kontakte nennt oder seine kontakte lieber freunde wäre eine unnötige komplizierung, und unnötige komplizierungen kosten user.

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 19:45 Uhr
MorbusBahlsen

MySpace straft diese Aussage Lügen, öko...

oekorealist
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 19:52 Uhr
oekorealist

MorbusBahlsen sagte:
MySpace straft diese Aussage Lügen, öko...


stimmt. die hatte ich vergessen. mich persönlich überfordert der laden jedenfalls, hab da nen account bei dem ich alle halbe jahr mal vorbeischaue ;) meine 20jährige gespielin kommt mit denen aber irgendwie zurecht ;)

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

1

08.01.2009 - 20:03 Uhr
MorbusBahlsen

Ich hab noch keine ansprechende MySpace-Seite gesehen bisher. Vielleicht hab ich insgesamt zu wenig gesehen davon, aber es sagt mir gar nicht zu. Fühlt sich alles so ziemlich 1.0 mit aufgesetztem Player an.

ClarissaH
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 21:27 Uhr
ClarissaH

Zu viele versuchen sich, über die Anzahl ihrer Kontakte/ Freunde zu profilieren und identifizieren - das ist das Problem, aber seinen eigenen Wert kann man nicht über den Zuspruch bestimmen, den man von anderen bekommt

the-wrong-girl
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2009 - 22:40 Uhr
the-wrong-girl

hab leider keine zeit die kommentare zu lesen :-/
aber bei mir sind einige internetfreunde auch zu echten freunden geworden. und echte, dadurch dass sie weiter weg sind, zu mehr oder weniger internetfreunden.
und momentan überlege ich, dass ich wirklich mal mehr zeit für mich allein brauche.

kotznase
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2009 - 03:05 Uhr
kotznase

"Into the wild" ist auch so schoen, hab das Buch zwar vorher gelesen und wusste was kommt. Aber allein schon wegen der tollen Aufnahmen ein schoener Film.
Also, Fazit: mal so mal so; jeder halbwegs intelligente und normale Mensch wird sich nicht im Teufelskreis Freunde ohne Freunde wiederfinden. Man sollte halt auch manchmal vor die Tuer gehen.
Ich glaube aber dass fuer die Kids von morgen die damit aufwachsen angeleitet werden sollten diese Netze sinnvoll und vorsichtig zu nutzen. Genauso wie Atomstrom und Genmanipulation.
soviel dazu!

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