29.12.2008 - 18:31 Uhr

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„Ämm, das sind meine Eltern . . .“

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

Wenn Mama oder Papa plötzlich vor deinen Freunden auftauchen – eine Analyse des „Eltern-Outing“ in vier Stationen

Immer Ende Dezember siehst du die beiden alten Menschen wieder, die dich gemacht haben – nur gut, dass die meisten eurer Familienrituale dabei hinter verschlossenen Türen stattfinden. Damit du das auch gebührend schätzen kannst, haben wir für dich die vier wichtigsten Situationen analysiert, in denen deine Eltern öffentlich in dein Leben treten. 1. Abfahrt ins Schullandheim Es gehört offenbar so: Das Höchste, was die siebte Klasse zu bieten hat, beginnt ganz unten – an der Busschleife vor der Schule, morgens um halb acht Uhr an einem Montag. Du wirst an diesem besonderen Tag von deinem Vater im Kombi dorthin gebracht, obwohl du die Reisetasche locker selber tragen könntest. Dein Vater lässt es sich aber nicht nehmen, direkt vor dem Bus zu parken, dir die Tasche bis an die offene Bustür zu tragen und sich dann ganz ungezwungen von dir zu verabschieden – mit einer Emotionalität, die dir eher neu ist. Aber schließlich wart ihr auch noch nie eine Woche lang getrennt, wie er den Umstehenden mehrmals versichert. Dass er bei dieser Gelegenheit auch das mit der Zahnspange sagt, ist ja noch okay, aber dass deine Klasse (und die Deppen aus der Parallelklasse) jetzt auch wissen, dass deine Mutter dir Durchfalltabletten eingepackt hat, ist, du ahnst es, deiner weiteren sozialen Entwicklung eher hinderlich. Leider kann der Bus dann nicht sofort abfahren, weil immer noch mehr Kombis mit Eltern eintreffen, die als großes Plaudergrüppchen die Bustüren blockieren und den Lehrern auf die Schulter klopfen. Alle zehn Sekunden stürmt ein Elternteil in den Bus und ruft: „Tabea? Die Christine hat Binden, falls du welche brauchst, ich habe gerade mit ihrer Mutter gesprochen!“ Während du auf deinem Bussitz hockst und von deinem Nachbar in die Seite geschlagen wirst, fällt dir einiges auf. Zum Beispiel, dass deine schwarze Reisetasche mit der Aufschrift Surfin’ Fun bei weitem nicht das schlimmste Gepäckstück ist, sondern dass einige mit den malvenfarbenen Schrankkoffern ihrer Eltern anrollen. Zum anderen fällt dir auf, dass anscheinend jeder Eltern hat. Sogar der Thorsten mit dem Schlagring! Leider auch Sophie, die du die nächsten sieben Tage nur beinahe küssen wirst. Ihre Eltern sind die einzigen, die in Tracht aus einem Jeep steigen und ihre Mutter ist die Einzige, die schon vor der Abfahrt des Busses heult. Das ist ja schon fast wieder versöhnlich. Als der Busfahrer endlich Gas gibt und die winkenden Eltern verschwunden sind, hast du einen der wichtigsten Momente des Erwachsenwerdens hinter dich gebracht.
2. Der Abiball Zeit ist vergangen und sie spielte eindeutig gegen die Eltern. Immer weniger hatten sie in deinem Schulleben zu sagen und auch immer weniger von allem verstanden. Schon in den letzten Monaten hast du dich kaum noch abgemeldet und deine Mutter hat sogar die ewige Nörgelei mit der schmutzigen Wäsche sein gelassen, damit du in Ruhe lernen kannst. Irgendwie hast du es jetzt also doch geschafft und alle sind froh. So froh, dass dein Vater sich sogar ein neues Jackett kaufen lässt, nur für den Abiball. Im Gegensatz zur Schullandheim-Abfahrt sind sie deswegen aufgeregter als du und verkomplizieren die Sache. Dein Vater lässt die teuren Ballkarten in der Küchenschublade liegen, deine Mutter kriegt auf der Fahrt einen Fußkrampf, und muss noch mal zurückchauffiert werden, um andere Schuhe anzuziehen. Vor Ort bist du abermals von einigen Eltern überrascht, weil manche dieser Anhängsel schon wie veritable Großväter aussehen. An eurem Tisch fassen sich deine Eltern wieder, dein Vater staucht den Kellner zusammen, weil das Pils nicht richtig eingeschenkt ist und deine Mutter fragt, warum eigentlich nicht du die Abiturrede hältst? Außerdem musst du ihr jeden Vorbeigehenden mit vollem Namen, charakterlichen Eigenheiten, Berufsplan und Beziehungsstatus nennen. Immerhin ist es aber nicht dein Vater, der die Stufenschönheit mit dem Spruch „So hübsch und klug, da kann sich mein Sohnemann ’ne Scheibe abschneiden!“ angräbt. Später am Abend, wenn die Jacketts über den Stuhllehnen hängen und sich die ersten Mitschüler schon für immer verabschiedet haben, wirst du auf einem Rundgang zufällig wieder an eurem Tisch vorbeikommen, wo deine alten Eltern alleine sitzen. Dein Vater studiert mit Lesebrille die Abizeitung und deine Mutter streicht die Menükarte glatt, um sie aufzubewahren. Sie lächeln dich an und sagen, dass sie jetzt bald gehen werden und dass es schön war. Ein guter, trauriger Moment ist das. Leider hast du gerade jetzt dafür überhaupt keine Zeit.
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max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Das Problem ist der Konsens.