29.12.2008 - 18:31 Uhr

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„Wir brauchen eine radikale Demokratie-Reform“

Text: peter-wagner - Foto: Paul Sturm

Der Autor Klaus Werner-Lobo erklärt, was man aus der Wirtschaftskrise lernen sollte – und warum Lachen das beste Mittel gegen die Angst ist

Vor sieben Jahren schrieb der Österreicher Klaus Werner-Lobo, 41, den Bestseller Schwarzbuch Markenfirmen, in dem er zeigte, dass große Konzerne häufig nicht wirtschaften können, ohne Menschen zu schaden. Jetzt ist der Nachfolger da: Uns gehört die Welt! (Hanser) ist eine angenehm verständlich verfasste Abhandlung über den globalen Handel und die Macht der Konzerne sowie die Forderung an uns, an diesem Leben mehr Anteil zu nehmen. Charlotte Roche bezeichnet den Band als ihr „Buch des Jahres“. jetzt.de spricht mit Werner-Lobo über den Zustand der Welt und über Clowns.

jetzt.de: Herr Werner-Lobo, eigentlich will ich mit Ihnen über Wirtschaft reden, aber eben lese ich, dass Sie im Nebenberuf Clown sind. Warum?
Werner-Lobo:
Ich habe fast vier Jahre in Brasilien gelebt. In Rio de Janeiro habe ich einen Clown gesehen und gemerkt, dass Clownerei politische Komponenten hat. Ein Clown hat die Angst vor der eigenen Lächerlichkeit verloren und wird dadurch gefährlich für Mächtige. Lachen ist das beste Mittel gegen die Angst, auch die Angst vor Autoritäten.

jetzt.de: Reden wir über die Rotnasen aus dem Zirkus oder die Sorte Clowns, die in München unter anderem gegen die Sicherheitskonferenz demonstriert haben?
Werner-Lobo:
Meine Vorbilder sind Clowns wie Charlie Chaplin, Dario Fo, Jango Edwards oder Leo Bassi, die allesamt als so subversiv galten, dass sie sogar verhaftet wurden. In indigenen Gesellschaften hat der Clown eine wichtige soziale Funktion. Er ist dafür zuständig, dass dem Häuptling die Macht nicht über Kopf wächst. Und heute zeigt die so genannte Clownrebellenarmee durch die gezielte Irritation von Polizei und Mächtigen die Absurdität autoritärer Systeme auf.

jetzt.de: Was sagt der politische Clown Werner-Lobo: Soll ich entspannt oder besorgt aus diesem Jahr ins nächste gehen?
Werner-Lobo:
Naja, es war für uns alle ein besonderes Jahr: Finanzkrise, zu Jahresbeginn eine weltweite Nahrungskrise, die Klimakrise manifestiert sich und das Bedürfnis nach Veränderung ist so stark, wie ich es in meinem Leben nicht erlebt habe.

jetzt.de: Leiten Sie diese Beobachtung aus der US-Wahl ab?
Werner-Lobo:
Obama hat Menschen mobilisiert wie lange niemand. Das hat auch mit den Krisen zu tun – weltweit. Es gibt nicht mehr die eitel-wonnige Mittelstandsgesellschaft, dieses Erfolgsmodell der 80er Jahre. In Deutschland gibt es weit mehr als fünf Millionen Hartz IV-Empfänger, 2010 wird es weltweit 50 Millionen Klimaflüchtlinge geben, wir haben die Finanzkrise – die nationalstaatlichen Demokratien können darauf nicht richtig reagieren. Sie funktionieren nicht mehr wie früher.

Klaus Werner-Lobo

jetzt.de: Wie meinen Sie das? Was ist die Alternative zur Demokratie, wie sie bei uns existiert?
Werner-Lobo:
Eine radikale, globalisierungstaugliche Demokratie-Reform. Das nationalstaatliche Demokratiemodell entstand nach der französischen Revolution. Es ist überholt.

jetzt.de: Erklären Sie die Alternative.
Werner-Lobo:
Nach dem so genannten Subsidiaritätsprinzip werden Entscheidungen, die nur lokale oder regionale Bedeutung haben, auch auf diesen Ebenen getroffen. Hier sollten alle das Recht auf Mitbestimmung haben, auch Jugendliche und nicht nur Menschen mit deutschem Pass. Der Haushalt der brasilianischen Millionenstadt Porto Alegre zum Beispiel wird partizipativ verwaltet. Die Einwohner entscheiden, wofür die Steuern verwendet werden. Ergebnis: Das meiste Geld geht in soziale Infrastruktur wie Abfallbeseitigung oder Wohnungsbau. Und wissen Sie was: Das nutzt auch den Reichen. Porto Alegre hat heute die niedrigste Kriminalitätsrate in Brasilien. Dann gibt es Probleme, die lassen sich nicht regional lösen: Klimaschutz, globale Konflikte, internationaler Handel. Die müssen von überregionalen Institutionen wie der UN und der EU angegangen werden. Aber auch die müssen radikal demokratisiert werden. Die Welthandelsorganisation WTO zum Beispiel macht de facto globale Gesetze – und unterliegt keiner demokratischen Kontrolle! Die machen Gesetze im Interesse der Unternehmen und nicht der Bevölkerung und erlauben zum Beispiel gentechnisch veränderte Produkte in der Landwirtschaft, obwohl der große Teil der Bevölkerung die nicht will.

jetzt.de: Sie haben Angst, dass sich die Wirtschaft schon zuviel vom Staat angeeignet hat, oder? Trauen Sie deswegen dem politischen System nicht mehr?
Werner-Lobo:
Das derzeitige Wirtschaftssystem belohnt es, wenn Einzelne Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit machen. Aber ein Land wie Deutschland müsste es in der Gesetzgebung belohnen, wenn wirtschaftstreibende Unternehmen dem Gemeinwohl dienen.

jetzt.de: Eine Zeitlang schien es, als könne das Prinzip „ethisch korrekter Konsum“ die Welt umkrempeln. Wird sich die Idee behaupten?
Werner-Lobo:
Ich sehe die Bewegung ja mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Lohas geben es sich zu billig, wie man in Österreich sagt: Sie reden nur über die Kraft des Konsums und blenden die Notwendigkeit zum aktiven politischen Engagement aus. Außerdem ist der so genannte ethische Konsum ein Minderheitenprogramm für die, die es sich leisten können.

jetzt.de: Es reicht also nicht, wenn man einen aufgeklärt konsumierenden Mittelstand hat?
Werner-Lobo:
Information ist die Grundlage für Veränderung. Außerdem braucht es eine gewisse Wut auf die bestehenden Verhältnisse, damit man überhaupt etwas ändern will. Und ich glaube, dass dieses Jahr ernsthaft die Ahnung erwacht ist, was passieren kann, weil sich mehr Menschen von Ausbeutung, Sozialabbau und Umweltzerstörung betroffen fühlen. Ich halte seit Jahren Vorträge gegen den Kapitalismus, habe aber das Wort dabei nie in den Mund genommen, um nicht als Kryptokommunist abgestempelt zu werden. Seit einem Jahr aber kann ich auch in konservativen Gemeinden und Schulen den Kapitalismus kritisieren und ernte Zustimmung dafür.

jetzt.de: Wenn Sie in Ihren Büchern Wirtschaft erklären, nutzen Sie immer die Bekanntheit großer Marken, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Profitieren Sie nicht eigentlich von der Bekanntheit dieser Konzerne?
Werner-Lobo:
Mit dem Weg über die Marken kann ich Leute begeistern, die sich noch nie mit Wirtschaftspolitik beschäftigt haben. Markenfirmen investieren Hunderte Millionen, um ihr Image mit emotionalen Werten aufzuladen. Jugendliche haben eine große Verbundenheit zu Coca Cola oder Nike. Wenn ich nachweise, welche Formen der Ausbeutung hinter diesen Images stecken, fühlen sich die Jugendlichen betrogen – das ist, als ob eines ihrer Familienmitglieder ein Krimineller wäre!


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Aporia
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Mag ich Mag ich nicht

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29.12.2008 - 20:29 Uhr
Aporia

Gute Argumente. Danke!

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

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29.12.2008 - 20:40 Uhr
MorbusBahlsen

Ey, mal ehrlich, aber die Roche hab ich jetzt noch nicht so als verkaufspotente Marke gesehen... nun gut, mag ja sein:
Charlotte Roche bezeichnet den Band als ihr „Buch des Jahres“. [...] Wenn Sie in Ihren Büchern Wirtschaft erklären, nutzen Sie immer die Bekanntheit großer Marken, um Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Was hat die da jetzt eigentlich wirklich zu suchen? Fast gar nix, oder. Außer dass sie halt so ne Jugendmarke ist.

ruebezahl
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30.12.2008 - 08:39 Uhr
ruebezahl

was frau roche denkt, interessiert in der tat nicht.
dafür ist das interview lesenswert.

afrirali
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30.12.2008 - 09:37 Uhr
afrirali

meine güte, wie platt. da verstehe ich rufe nach wirtschaft als pflichtfach in schulen schon besser.

"Die Einwohner entscheiden, wofür die Steuern verwendet werden." Als ob genau das nicht durch Parlamente gesichert ist.

MrSaintTropez
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30.12.2008 - 11:49 Uhr
MrSaintTropez

Wahrscheinlich meint er das in Form einer direkten Demokratie und nicht durch Parlamente. Ich frage mich nur, ob die Steuersummen auf lokaler Ebene überall so hoch sind, dass man wirklich Projekte damit finanzieren könnte oder wie das dann mit der Allokation von Geldern aussähe.

oekorealist
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30.12.2008 - 12:17 Uhr
oekorealist

mein gott, was für ein nachdenklicher und überragender geist! und so originell! kein wunder, dass aporia und ruebezahl vor bewunderung nur so dahinschmelzen - das ist genau das, was sie schon immer mal lesen wollten - wahrscheinlich, weil sie es so oder so ählich schon 2 millionen mal gelesen haben.

die these, heute gäbe es plötzlich probleme, die nur auf globaler probleme gelöst werden könnten, hat heute jeder drittklassige lokalpolitiker drauf. und natürlich stellt es sich hänschenklein so vor, dass eine weltregierung dann automatisch tooootaaaaal demokratisch und subsidiär organisiert wäre.

in der praxis wäre eine weltregierung - und das ist mit verlaub etwas gründlicher gedacht als dieses gewäsch - wohl die größte gefahr für die menschheit, die es jemals gab. es bedeutet, dass schon eine leichte totalitäre schlagseite des regimes auf die schnelle nicht mehr rückgängig zu machen wäre - denn wohin auf der welt soll man vor einer weltregierung flüchten? und das bei den heutigen informationstechnischen möglichkeiten?

vor den nazis, vor den russen, vor dem mccarthy-amerika konnte man irgendwohin flüchten, fast immer in der historie gab es eine konkurrenz der wertesysteme, die unsere freiheit voran gebracht hat. der individualistische kapitalismus fördert diese wertekonkurrenz noch, und wir sollten uns nicht von öko-kollektivisten, die von einem ultimativen klimakollaps als einigender gefahr für das große menschheitskollektiv fantasieren, für dumm verkaufen lassen. auch wenn sie, wie im fall vom herrn werner-lobo, vielleicht selbst einfach nur etwas du...ähhh...gutgläubig sind ;)

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Mag ich Mag ich nicht

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30.12.2008 - 12:17 Uhr
oekorealist

nur auf globaler ebene sollte das im 2. absatz heissen ;)

MasterFowl
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Mag ich Mag ich nicht

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30.12.2008 - 12:51 Uhr
MasterFowl

Das Buch kaufe ich mir!!

Gut argumentiert! Viele sagen das die Demokratie so nicht mehr funktioniert und hier wäre eine Lösung!

oekorealist
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Mag ich Mag ich nicht

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30.12.2008 - 13:04 Uhr
oekorealist

MasterFowl sagte:
Das Buch kaufe ich mir!!

Gut argumentiert! Viele sagen das die Demokratie so nicht mehr funktioniert und hier wäre eine Lösung!


ja, sehr unauffällig ;)

also nochmal: wenn unsere demokratie im kleinen nicht funktioniert, dann machen wir einfach ne viel größere? gleich ne globale? mit noch mehr unschärfen?

aber klar doch.

MasterFowl
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Mag ich Mag ich nicht

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30.12.2008 - 14:28 Uhr
MasterFowl

oekorealist sagte:
ja, sehr unauffällig ;)

also nochmal: wenn unsere demokratie im kleinen nicht funktioniert, dann machen wir einfach ne viel größere? gleich ne globale? mit noch mehr unschärfen?

aber klar doch.


Achso dann nehme ich jetzt an du bisd entweder Kommunist oder für eine Diktatur??
Aber klar doch (-;

Natürlich ist eine globale Demokratie notwendig!!! Es geht einfach nicht mehr national und wenn dir die bisherige Alleinherschaft der globalen Führer lieber ist ok, MIR ABER NICHT.

Jedes argument ohne gegenargument ist nicht schlagkräftig also überleg dir lieber erst mal was.

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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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