16.12.2008 - 18:30 Uhr

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Das kann dein Hirn wirklich!

Text: felix-stephan - Foto: privat

Torkel Klingberg ist Professor für Kognitive Neurowissenschaft am renommierten Karolinska Institut in Stockholm. Gerade ist in Deutschland sein Buch über Multitasking erschienen. Im Interview erklärt er, wie wir unseren Alltag mit einem Steinzeitgehirn bewältigen können und warum Multitasking überschätzt ist

jetzt.de: Guten Tag Herr Klingberg, tun Sie gerade noch irgendwas anderes nebenbei, während wir dieses Interview führen? Torkel Klingberg: Nein, nein. Nur das Interview. Aber in Ihrem Multitasking-Buch heißt es, dass man seine Produktivität bis zu 150 Prozent steigern kann, wenn man mehrere Dinge gleichzeitig macht. Ist es dann nicht etwas unverantwortlich gegenüber Ihrem Institut, sich nur auf das Interview zu konzentrieren? Das Diagramm, auf das Sie sich beziehen, ist sehr vereinfacht. Aber im Prinzip stimmt es: Man schafft mehr, wenn man mehrere Dinge gleichzeitig macht, wenn man zum Beispiel zur Arbeit fährt und gleichzeitig ein Telefoninterview gibt. Sofort haben Sie 20 Minuten gespart. Dieser einfache Umstand ist es ja gerade, der die Menschen dem Multitasking in die Arme treibt. Man schafft einfach mehr. Andererseits hat man nun einmal nur eine begrenzte Kapazität und die sorgt dafür, dass die Präzision, die Sorgfalt, mit denen man die einzelnen Aufgaben bearbeitet, sinkt. Wenn ich während dieses Interviews noch Auto fahren würde, würden sich meine Reaktionszeiten erhöhen und ich hätte ein höheres Unfallrisiko. Und ich könnte Ihnen außerdem nicht so konzentriert Antworten geben. Wenn ich Interviews gebe, versuche ich also nichts anderes zu machen. Wenn man multitasket, macht man mehr, wenn nicht, macht man es besser. Ungefähr so? Ja. Ziemlich genau so. Wann fängt Multitasking überhaupt an? Man macht doch immer mehrere Sachen gleichzeitig, wie Fahrrad fahren, Musik hören und in Gedanken den Tag durchgehen. Sie haben natürlich recht: Man kombiniert ständig verschiedene Tätigkeiten und bei manchen Tätigkeiten klappt das auch völlig problemlos, zum Beispiel beim Gehen und Sprechen. Man kann gleichzeitig atmen, denken, sprechen und so weiter. In die Quere kommen sich verschiedene Tätigkeiten erst, wenn sie auf das Arbeitsgedächtnis zugreifen. Gehen oder Musikhören sind vollkommen automatisierte Vorgänge, die keine aktive Hirnleistung erfordern. Wenn man aber zum Beispiel eine anspruchsvolle Diskussion führt, bei der man sich die Fragen merken und seine Antworten strukturieren muss, arbeitet das Arbeitsgedächtnis und dessen Kapazität ist nicht unendlich. Was ist das Arbeitsgedächtnis? Das Arbeitsgedächtnis ist die Fähigkeit, innerhalb einer kurzen Zeit alle notwendigen Informationen verfügbar zu machen; sich zum Beispiel an Anweisungen zu erinnern oder an die eigenen Pläne, was Sie als nächstes machen wollen, solche Dinge. Wenn Sie von einem Raum in einen anderen gehen und dann in der Mitte des Zimmers stehen und nicht mehr wissen, warum Sie hergekommen sind, hat Ihr Arbeitsgedächtnis versagt. Das Langzeitgedächtnis ist zum Beispiel etwas vollkommen anderes. Damit merkt man sich Namen und Fakten für später. Das Arbeitsgedächtnis ordnet die Dinge hier und jetzt. Man löst damit Probleme. Wenn Sie 7 mal 14 im Kopf rechnen wollen, benötigen Sie mehrere Schritte: Zuerst rechnen Sie 7 mal 10, merken sich 70 und addieren das dann mit 7 mal 4 und wissen dann auch noch auf die Frage zu antworten. Für solche Dinge, an die man sich unmittelbar erinnern muss, gibt es das Arbeitsgedächtnis. In Ihrem Buch heißt es, dass das Arbeitsgedächtnis und die Multitasking-Fähigkeit eng miteinander verbunden sind ... Meine Hypothese – und es ist wirklich nur eine Hypothese – lautet, dass die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses die Fähigkeit zum Multitasken beschränkt. Je besser das Arbeitsgedächtnis also in Form ist, umso besser kann man multitasken. Außerdem bestimmt das Arbeitsgedächtnis auch die Fähigkeit, Ablenkungen zu widerstehen. Das hängt ja eng zusammen.
Wird heute mehr gemultitasket als vor hundert Jahren? Unbedingt. Das hat zwei Gründe: Der erste ist der technologische Fortschritt. Heute haben Sie ein Handy, einen Blackberry, einen Laptop mit drahtlosem Internet oder solche Multitasking-Maschinen wie das iPhone, mit dem man alles gleichzeitig machen kann. Oder GPS-Navigationsgeräte, die unsere Konzentration verlangen, während wir uns in unserer direkten Umwelt orientieren müssen. All das sind Geräte, mit denen wir heute konfrontiert sind und die uns die Fähigkeit zum Multitasking abverlangen. In ein paar Jahren wird das Surfen im Internet auf der Straße so selbstverständlich sein wie das Telefonieren heute. Der zweite Grund ist, dass wir heute auch einfach mehr erledigen als vor hundert Jahren. Gerade weil heute so vieles von uns erwartet wird, werden wir geradezu in ein permanentes Multitasking gezwungen. Die Folge ist, dass wir nicht mehr die optimale Qualität abliefern können. Und all das müssen wir mit einem Gehirn bewältigen, das sich seit etwa 40.000 Jahren nicht signifikant verändert hat. Das ist das Paradoxe. Ich glaube nicht, dass irgendjemand eine schlüssige Erklärung dafür hat, wie es unser Steinzeit-Hirn schafft, dass wir mit den heutigen Anforderungen nicht komplett überfordert sind. Zumindest eine Teilantwort ist die Formbarkeit unseres Gehirns: Das Gehirn lernt und verbessert je nach Anforderung bestimmte Fähigkeiten. Es gibt Versuche, herauszufinden, wie das genau funktioniert: Ob das Gehirn unausgelastete Regionen aktiviert oder ob sich in bestimmten Hirnregionen je nach Beanspruchung mehr Neuronen bilden. Aber im Prinzip weiß man darüber noch gar nichts. Mit Medikamenten dem Hirn helfen? Lieber nicht, sagt Klingberg und schlägt Meditation vor. Auf der nächsten Seite.
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