Das kann dein Hirn wirklich!
Torkel Klingberg ist Professor für Kognitive Neurowissenschaft am renommierten Karolinska Institut in Stockholm. Gerade ist in Deutschland sein Buch über Multitasking erschienen. Im Interview erklärt er, wie wir unseren Alltag mit einem Steinzeitgehirn bewältigen können und warum Multitasking überschätzt ist
jetzt.de: Guten Tag Herr Klingberg, tun Sie gerade noch irgendwas anderes nebenbei, während wir dieses Interview führen? Torkel Klingberg: Nein, nein. Nur das Interview. Aber in Ihrem Multitasking-Buch heißt es, dass man seine Produktivität bis zu 150 Prozent steigern kann, wenn man mehrere Dinge gleichzeitig macht. Ist es dann nicht etwas unverantwortlich gegenüber Ihrem Institut, sich nur auf das Interview zu konzentrieren? Das Diagramm, auf das Sie sich beziehen, ist sehr vereinfacht. Aber im Prinzip stimmt es: Man schafft mehr, wenn man mehrere Dinge gleichzeitig macht, wenn man zum Beispiel zur Arbeit fährt und gleichzeitig ein Telefoninterview gibt. Sofort haben Sie 20 Minuten gespart. Dieser einfache Umstand ist es ja gerade, der die Menschen dem Multitasking in die Arme treibt. Man schafft einfach mehr. Andererseits hat man nun einmal nur eine begrenzte Kapazität und die sorgt dafür, dass die Präzision, die Sorgfalt, mit denen man die einzelnen Aufgaben bearbeitet, sinkt. Wenn ich während dieses Interviews noch Auto fahren würde, würden sich meine Reaktionszeiten erhöhen und ich hätte ein höheres Unfallrisiko. Und ich könnte Ihnen außerdem nicht so konzentriert Antworten geben. Wenn ich Interviews gebe, versuche ich also nichts anderes zu machen. Wenn man multitasket, macht man mehr, wenn nicht, macht man es besser. Ungefähr so? Ja. Ziemlich genau so. Wann fängt Multitasking überhaupt an? Man macht doch immer mehrere Sachen gleichzeitig, wie Fahrrad fahren, Musik hören und in Gedanken den Tag durchgehen. Sie haben natürlich recht: Man kombiniert ständig verschiedene Tätigkeiten und bei manchen Tätigkeiten klappt das auch völlig problemlos, zum Beispiel beim Gehen und Sprechen. Man kann gleichzeitig atmen, denken, sprechen und so weiter. In die Quere kommen sich verschiedene Tätigkeiten erst, wenn sie auf das Arbeitsgedächtnis zugreifen. Gehen oder Musikhören sind vollkommen automatisierte Vorgänge, die keine aktive Hirnleistung erfordern. Wenn man aber zum Beispiel eine anspruchsvolle Diskussion führt, bei der man sich die Fragen merken und seine Antworten strukturieren muss, arbeitet das Arbeitsgedächtnis und dessen Kapazität ist nicht unendlich. Was ist das Arbeitsgedächtnis? Das Arbeitsgedächtnis ist die Fähigkeit, innerhalb einer kurzen Zeit alle notwendigen Informationen verfügbar zu machen; sich zum Beispiel an Anweisungen zu erinnern oder an die eigenen Pläne, was Sie als nächstes machen wollen, solche Dinge. Wenn Sie von einem Raum in einen anderen gehen und dann in der Mitte des Zimmers stehen und nicht mehr wissen, warum Sie hergekommen sind, hat Ihr Arbeitsgedächtnis versagt. Das Langzeitgedächtnis ist zum Beispiel etwas vollkommen anderes. Damit merkt man sich Namen und Fakten für später. Das Arbeitsgedächtnis ordnet die Dinge hier und jetzt. Man löst damit Probleme. Wenn Sie 7 mal 14 im Kopf rechnen wollen, benötigen Sie mehrere Schritte: Zuerst rechnen Sie 7 mal 10, merken sich 70 und addieren das dann mit 7 mal 4 und wissen dann auch noch auf die Frage zu antworten. Für solche Dinge, an die man sich unmittelbar erinnern muss, gibt es das Arbeitsgedächtnis. In Ihrem Buch heißt es, dass das Arbeitsgedächtnis und die Multitasking-Fähigkeit eng miteinander verbunden sind ... Meine Hypothese – und es ist wirklich nur eine Hypothese – lautet, dass die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses die Fähigkeit zum Multitasken beschränkt. Je besser das Arbeitsgedächtnis also in Form ist, umso besser kann man multitasken. Außerdem bestimmt das Arbeitsgedächtnis auch die Fähigkeit, Ablenkungen zu widerstehen. Das hängt ja eng zusammen.
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