15.12.2008 - 16:54 Uhr

6 0 Über Twitter weiterempfehlen

Ma Cherie

Text: derien

Sie hat mich geküsst - oder war ich es, der sie geküsst hat? Es geschah so rasch. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie in diesem Moment alles um mich herum langsamer wurde; das hektische Treiben der Menschen, die grellen, bunten, nervös flackernden Lichter und die lärmenden Geräusche. Alles schien mit einem Male anders zu sein; das Treiben der Leute glich mehr einem Schlendern, die Farben der Lichter waren warm und beruhigend, und die Geräusche klangen nach Zufriedenheit. Wir hatten uns nicht richtig geküsst. Für einen sehr kurzen Moment hatten sich unsere Lippen zärtlich berührt. Das war alles, dann war es auch wieder vorbei. Das Treiben, die Lichter und die Geräusche wurden wieder hektisch, grell und lärmend. “Ich bin keine Frau für eine Nacht”, sagte sie. Der Takt der Musik ließ unsere Becken miteinander tanzen. Sie war mir so nah. Ich konnte ihr Parfum riechen, dabei hatte ich nicht mal ihren Namen gekannt. Es geschah so schnell. Vor einer viertel Stunde haben wir die ersten Worte gewechselt und im nächsten Moment wippten unsere Becken miteinander. "Ich mag dich", sagte ich. Sie gefiel mir. Vielleicht lag es an ihrer natürlichen, unarroganten Geselligkeit, die mich faszinierte. Vielleicht lag es an ihrem schönen Körper und dem hübschen Gesicht, welche mich verzauberten. Oder es war nur die Art und Weise, wie sie ihren Körper im Takt zu der Musik an meinen schmiegte. Seit langem hatte ich nicht getanzt und noch länger keine Frau mehr berührt. Als der Song zu Ende war nahm sie mich bei der Hand. Wir verließen das Etablissement. Ahnungslos ließ ich mich von ihr durch die Sommernacht führen. Zuerst die Straße entlang, dann durch mehrere Gassen, bis wir schließlich in einem Park an einer Parkbank ankamen, an welcher sie stehen blieb. Dort berührten sich unsere Lippen zum zweiten Mal. Diesmal war es ein richtiger Kuss. Der Kuss war sehr leidenschaftlich. Während sie leicht seufzte, drückte sie mich gegen die Parkbank, so dass ich mich setzen musste. Sie stieg auf meinen Schoß und küsste mich abermals, dabei fühlte sie, wie mich die Leidenschaft überkam. Sie zog ihren Rock an ihren Beinen hoch und fing an meine Hose zu öffnen. Wir liebten uns. Es kam mir wie ein Augenblick vor aber es müssen Stunden gewesen sein, die wir auf dieser Parkbank zusammen verbracht haben. Als es schließlich wieder Tag wurde haben wir uns getrennt. Ich gab ihr meine Telefonnummer, und sie versicherte mir, dass sie sich gegen Abend melden wird. Als wir uns trennten war mir ihr Name immer noch unbekannt. Das Warten auf den Anruf war wie die Ewigkeit aber kein klingelndes Telefon unterbrach dieses Ungefühl. Sie meldete sich einfach nicht. Vier Tage waren vergangen und ich hatte noch immer keinen Anruf erhalten. In dem Etablissement, in welchem ich sie kennen gelernt habe war sie auch nicht mehr anzutreffen. Vier Wochen vergingen und ich hörte immer noch kein Lebenszeichen von der Frau, die keine für eine Nacht ist. Nach einer Weile habe ich die Hoffnung aufgegeben und traf nach vier Monaten eine nette Frau, mit der ich eine ernsthafte Beziehung beginnen wollte. Da sie sicher sein wollte, dass es keine gesundheitliche Bedenken gäbe, ließ sie einen Test machen. Und ich gleich mit. Als ich damals an dem Aidstest teilgenommen hatte, dachte ich nicht ernsthaft über irgendwelche Komplikationen nach. Ich bin H.I.V. positiv.


Neue Texte zum Label 'derien':
Textoptionen
Mehr Texte von
derien
Mehr Texte zum Label
derien
Abonniere Kommentare oder Texte von derien
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

derien offline

derien

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.


Würzburg