„Ich schreibe auf keinen Fall Popliteratur!“
Benedict Wells, 24, gilt als die Entdeckung des Jahres: Sein Buch „Becks letzter Sommer“ verkaufte sich schon mehr als 15.000 Mal und soll wohl verfilmt werden. Das jetzt.de-Interview über falsche Inhalte im Deutschunterricht, die Fragen der Lektorin und Einsamkeit in Berlin
jetzt.de: Benedict, du hast dich nach dem Abitur bewusst gegen ein Studium entschieden, um schreiben zu können. Denkst du, dass dir dadurch etwas fehlt?Benedict Wells: Ja, wahrscheinlich schon. Ich schließe auch nicht aus, dass ich vielleicht in ein paar Jahren aus Spaß ein Studium beginne. Ich kenne ältere Leute, die zwar schon 50 oder 60 sind und dennoch nach wie vor manchmal in die Uni gehen, das finde ich bewundernswert. Ich glaube, es ist schön, wenn man Wissen auf eine spielerische und freiwillige Art kennenlernt. Regulär studieren werde ich wohl nie, aber ich denke, dass ich schon etwas verpasse, gerade in Bezug auf das Studentenleben. (lacht)
Macht das Schreiben einsam?
Man ist als Autor natürlich einsamer als gewöhnlich. Auf der anderen Seite stimmt das aber auch wieder nicht. Ich glaube nicht, dass ich vieles verpasst habe, weil ich stattdessen am Schreibtisch saß. Das Schöne am Schreiben ist ja die Flexibilität. Man kann eigentlich immer schreiben – also zum Beispiel auch noch am frühen Morgen, nachdem man von einer Party nach Hause kommt. Man ist als Schriftsteller wahrscheinlich generell einsamer, weil man eben nicht jeden Tag in der Uni sitzt, wo lautes Treiben herrscht, sondern alleine in seinem Zimmer.
Du hast einmal gesagt, individuelle Schülerbegabungen würden in der Schule im Keim erstickt. Hat irgendein Lehrer dein schriftstellerisches Talent entdeckt oder gefördert?
Nein. Es ist im Deutschunterricht ja leider so, dass man nur bis zur siebten Klasse etwas Kreatives schreibt, danach wird das überhaupt nicht mehr verlangt. Dann geht es nur noch um Erörterungen und Interpretationen, also um staubtrockenes und langweiliges Zeug, mit dem du keinen hinterm Ofen hervorlockst. Du windest dich jahrelang nur noch in der ewig gleichen Scheiße. Selbst wenn ein Lehrer einen Schüler mit ganz großem Schreibtalent in der Klasse sitzen hätte, würde das wohl nicht bemerkt werden, weil gar nicht danach gefragt wird.
Im Deutsch-Unterricht wird das Falsche unterrichtet?
Ja. Das sieht man auch daran, dass es zu wenig junge deutsche Geschichtenerzähler gibt. In Amerika gibt es das Prinzip des „Creative Writing“ und dort heißt der Deutschunterricht auch Literatur. Das Geschichtenerzählen hat dort eine große Tradition und ist ein schönes Gut, junge Schriftsteller werden in ihrer Kreativität gefördert. Bei uns gibt es das überhaupt nicht und deshalb gibt es in Deutschland auch kaum junge Autoren, die sich mal hinsetzen, um eine Geschichte zu schreiben.

Hast du literarische Vorbilder?
Ja. Ganz wichtig für mich war John Irving, vor allem seine Bücher „Hotel New Hampshire“ und „Garp – wie er die Welt sah“. Das waren Bücher, bei denen ich beim Lesen erstmals den Wunsch hatte, selbst solche Geschichten zu erzählen und solche Figuren zu erschaffen, die anderen Menschen einmal so viel bedeuten wie mir seine Figuren. Ich orientiere mich auch ein bisschen am frühen Nick Hornby, als er noch so richtig Pfiff hatte. Aber mit der Zeit entwickelt man natürlich auch eine eigene Note, was ohnehin sehr wichtig ist. Natürlich lese ich immer wieder Bücher, die mich beeindrucken und inspirieren – „Das Attentat“ von Harry Mulisch zum Beispiel oder die Bücher von Wolf Haas mit ihrem wunderbaren Sprachwitz. Unter den jungen Autoren orientiere ich mich vor allem an Joey Goebel, dessen Buch „Vincent“ ich großartig fand.
Du hast bereits mehrere Lesungen gegeben – wie waren deine Erfahrungen?
Bei mir gibt es eigentlich zwei Gründe, warum ich schreibe: zum einen, um Frauen zu beeindrucken (lacht), zum anderen, um mit Lesern in Kontakt zu kommen. Wenn einem Leute nach einer Lesung sagen, wie gut es ihnen gefallen hat, wenn sie während einer Lesung lachen oder an einer traurigen Stelle still sind, gespannt lauschen – das sind großartige Momente; das ist der Grund, warum ich schreibe. Das Blöde an einer Lesereise ist nur, dass man immer von A nach B kommen muss und ständig im Zug sitzt. Die Mitarbeiter der Deutschen Bahn sind fast schon so etwas wie Familienmitglieder, die man jeden Tag sieht. (lacht) Das nervt natürlich gewaltig.
Welche Tipps würdest du jungen Menschen geben, die ebenfalls davon träumen, Schriftsteller zu werden?
Eben davon zu träumen und alles dafür zu tun, was man hat. Man hat nur ein Leben und es wäre doch fahrlässig, würde man nicht alles dafür tun, sein Ziel zu erreichen. Wenn man weiß, dass man schreiben will, ist das ein Geschenk. Es gibt so viele Menschen, die nach der Schule nicht wissen, was sie tun sollen und ich finde das ganz furchtbar. Ich habe selbst manchmal Angstvorstellungen und stelle mir vor, was ich wohl tun würde, wenn ich nichts zu schreiben hätte. Meinem Leben würde dann etwas ganz Elementares fehlen. Wenn du weißt, du willst schreiben, dann musst du also alles dafür tun! Ich selbst bin ganz mies gestartet und war zu Beginn wirklich ein grottenschlechter Schriftsteller. Doch wenn ich es schaffe – und das meine ich jetzt nicht als Klischee -, dann kann es wirklich jeder schaffen. Man muss nur zäh bleiben und Kritik einstecken, dann verbessert man sich über die Jahre ganz von alleine.
Es hat lange gedauert, bis dein Roman veröffentlicht wurde, über viele Jahre hast du nur Absagen erhalten. Hast du nicht irgendwann den Mut oder die Lust verloren?
Es ist ein Unterschied, ob man sagt „Ich habe keinen Bock mehr“ oder ob man auch innerlich loslässt. Ich war Millionen Mal an dem Punkt, wo ich dachte, ich will nicht mehr. Drei Stunden später saß ich dann aber doch wieder am Computer und habe geschrieben. Ich habe einfach nie losgelassen, obwohl ich oft aufhören wollte. Ich glaube, dieses Nie-Loslassen ist der Schlüssel zum Erfolg. Ich jogge zum Beispiel gerne, und das mit einer masochistischen Dauer von einer Stunde täglich. Immer bei Minute 45 denke ich mir: Jetzt höre ich auf, ich habe keine Lust mehr, das ist doch alles scheiße, was mache ich hier? Und trotzdem laufe ich dann weiter und die Stunde ist vorbei. Und so ist es auch beim Schreiben. Das Nicht-Loslassen ist der Schlüssel.
Wie Benedict an den Literaturagenten kam, mit dem er zu Diogenes kam? Lies weiter auf der nächsten Seite.
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