11.12.2008 - 18:30 Uhr

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„Im Schatten der Akropolis“ – Warum die griechische Jugend randaliert

Text: johannes-graupner - Fotos und Video: Thomas Schörner

Thomas Schörner ist 24 und verbringt sein Auslandssemester in Athen. Er wohnt in Sichtweite der Polytechnischen Hochschule, dem Krawall-Schwerpunkt im Zentrum. In seinem Blog berichtet er detailliert über Molotow-Cocktails und Tränengas direkt vor seiner Haustür. Ein Anruf in Athen

Hallo Thomas, wie sieht die momentane Lage aus?
Thomas Schörner: In der Stadt ist es momentan äußerst ruhig. Es gibt gerade keine Krawalle und man sieht keine Polizei. Bei mir in der Straße öffnen die Geschäfte wieder, das kleine Café hat Stühle rausgestellt. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, laufen auch die Aufräumarbeiten.

Wie war die letzte Nacht? Konntest du schlafen?
Ich habe so ungefähr fünf Stunden Schlaf bekommen. Bis drei Uhr waren auf jeden Fall noch Krawalle direkt vor unserem Haus. Vorher habe ich zur Sicherheit eine Nacht bei einem Freund verbracht, der weiter weg wohnt. Jetzt sind mein Mitbewohner und ich zurückgekehrt. Wir haben trotzdem eine Tasche mit dem Nötigsten gepackt, falls es nochmal richtig schlimm werden sollte.

Normalerweise studierst du Kommunikationswissenschaft im eher beschaulichen Münster. Wie hast du denn die letzten Tage erlebt?
Mir waren die Probleme in Griechenland schon vorher bewusst. Aber ich hätte nie gedacht, dass das plötzlich so explodiert. Auslöser war natürlich der tödliche Schuss auf den Jugendlichen. Man ist solche Krawalle aus Deutschland ja nicht gewohnt. In Griechenland gab es öfter mal Unruhen, aber das Ausmaß hat auch die Griechen überrascht. Wenn man hier die Verwüstungen in den Straßen sieht, das hat etwas Surreales. Solche Bilder kennt man nur aus dem Fernsehen – und plötzlich ist man mittendrin. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mal Tränengas einatmen und davon erbrechen muss.



"Ich mag es nicht, wenn sich Leute vor brennenden Autos fotografieren lassen. Griechenland hat auch sehr schöne Seiten!"


Deinem Blog nach zu urteilen hast du dich ja auch ziemlich nah an die Ausschreitungen herangetraut.
Das ist auch ein Problem der Außendarstellung. Man kann hier abends auf die Straßen gehen, wenn man nicht direkt im betroffenen Bereich wohnt. Zudem sind auch viele Schaulustige in den Straßen unterwegs. Als Passant wird man auch nicht attackiert.

Aber in deinem Blog schreibst du über Molotow-Cocktails, Explosionen, Tränengas und „Gefechtszonen“.
Ich hab die Ereignisse so aufgeschrieben, wie ich sie in diesem Moment erlebt habe. Die Situationen kamen einem teilweise tatsächlich außer Kontrolle vor. Aber hier herrschen nicht flächendeckend bürgerkriegsähnlichen Zustände. Der Alltag geht auf jeden Fall weiter.


Thomas filmt die Geschehnisse in den Straßen

Warum randalieren die Jugendlichen eigentlich?
Da kommen sehr viele unterschiedliche Einzelmotivationen zusammen. Es gibt hier auch friedliche Proteste und Mahnwachen. Aber es ist kein rein politischer Aufstand, der an einem Strang zieht. Die Medien halten der Jugend hier ständig vor Augen, dass sie wenige Zukunftschancen hat. Selbst 25 Prozent der Jura-Studenten bekommen nach dem Studium keinen Job. Außerdem wird die Einführung von Studiengebühren diskutiert. Griechische Studenten leben meist eh schon zu Hause und haben wenig Geld, die wollen und können keine Studiengebühren zahlen.
Die Schüler dagegen sehen, dass selbst ein anschließendes Studium ihnen keinen Job verschafft. Es sind natürlich auch welche dabei, die den toten Jungen kannten. Die haben eine persönliche Motivation. Viele Schüler sehen die Ausschreitungen aber nur als Abenteuer und wollen mal ungestraft randalieren.
Es sind aber nicht nur Schüler und Studenten, die protestieren. Die Autonomen sehen für sich die Möglichkeit, die Anarchie auszurufen. Die Griechen sagen zudem, bei den Plünderungen in den letzten Nächten seien oft Jugend-Gangs aus den Vororten aktiv gewesen. Die sind nach der ersten Nacht ins Zentrum gekommen, weil sie gemerkt haben, dass die Polizei nichts unternimmt. Wie gesagt, es mischen sich sehr viele unterschiedliche Beweggründe.

Auf der nächsten Seite: Thomas über die passive Polizei, jugendlichen Frust und die Frage, ob sich überhaupt etwas in Griechenland verändern wird
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johannes-graupner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.