09.12.2008 - 19:00 Uhr

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Und führe mich nicht in die Irre: Ulrich ehrt fragwürdige Lobbyisten

Text: johannes-graupner - Foto: Screenshot, LobbyControl

In Brüssel verleiht die Organisation "LobbyControl" am Dienstagabend die "Worst Lobbying Awards" - den Preis bekommen unrühmliche Lobbyisten und fragwürdige Kampagnen. Wer gewonnen hat? Was an Lobbyismus so heikel ist? jetzt.de hat Ulrich Müller gefragt. Er gehört zum Vorstand von LobbyControl

jetzt.de: Herr Müller, was ist Lobbyismus eigentlich genau? Ulrich Müller: Wir verwenden bei LobbyControl einen relativ weiten Lobbying-Begriff. Im Kern geht es um die gezielte Beeinflussung von Politik. Gesetze sollen schon bei ihrer Entstehung und auch bei ihrer Umsetzung beeinflusst werden. Dafür werden die Beziehungen zu Politikern und Beamten auf EU-Ebene intensiv gepflegt. Wir fassen auch die Beeinflussung der öffentlichen Meinung unter Lobbying, wenn damit bestimmte politische Maßnahmen populär gemacht werden sollen. Was ist an Lobbying so schlimm? Selbst Greenpeace hat ein Lobby-Büro in Brüssel. Wir sagen nicht, dass Interessenvertretung per se schlecht ist. Einerseits geht es uns um irreführende Lobby-Methoden, die demokratische Entscheidungsprozesse unterlaufen und um problematische Interessenverflechtungen. Andererseits geht es um strukturelle Faktoren, wie den großen Ressourcen-Unterschied im Lobbying. Die Politik müsste eigentlich darauf achten, dass alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen zu Wort kommen können.
Dienstagabend werden die "Worst EU Lobbying Awards" verliehen. Im Internet konnte abgestimmt werden, organisiert wird die Veranstaltung von mehreren Nichtregierungsorgansationen. Wer hat gewonnen? Gewonnen hat die Agro-Sprit-Lobby in der Kategorie „Worst Lobbying“. Sie bekommt die Auszeichnung für ihre irreführenden Kampagnen und das Greenwashing ihrer Agro-Treibstoffe. Die Öffentlichkeit sollte beeinflusst werden, ebenso die europäischen Zielmarken für die Verwendung von Agro-Sprit. Die Schäden für Umwelt oder die Lebensgrundlagen der Bevölkerung vor Ort durch Agrotreibstoffe werden ignoriert. In der Kategorie „Worst Conflict of Interest“ hat Piia-Noora Kauppi gewonnen. Sie hat ihre Funktion als Abgeordnete des Europäischen Parlaments missbraucht, um für die Interessen ihres zukünftigen Arbeitgebers, einer Banken-Lobbygruppe, zu werben. Wie reagieren die „Gewinner“? Kommen die zur Preisverleihung? Es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand von den Nominierten kommt. Es gab allerdings schon eine Reaktion von Frau Kauppi. Sie sieht ihren beruflichen Wechsel als unproblematisch an und hat erklärt, sie habe dem Europäischen Parlament ihren Wechsel in die Banken-Lobby auch angezeigt. Auch, wenn sich das in den Protokollen nicht nachzeichnen lässt. Ansonsten halten sich aber alle Kandidaten bedeckt.
Ulrich Müller Was wollen Sie mit den Awards erreichen? Wir wollen darauf hinweisen, dass in Brüssel problematische Lobby-Arbeit stattfindet. Es geht um die Verhinderung einseitiger Einflussnahme, beispielsweise das „Drehtür-Phänomen“: Lobby-Gruppen kaufen ehemalige Politiker oder Beamte aus der EU-Kommission für ihre Zwecke ein. Wir fordern eine Karenz-Zeit, damit Geld nicht so schnell in politischen Einfluss umgesetzt werden kann. Auch Nebenaktivitäten von Abgeordneten, die schon in den Lobby-Bereich fallen, sind schlecht geregelt. Zudem sind Beratungsgremien der EU-Kommission oft einseitig besetzt und von der Industrie dominiert. Auf der nächsten Seite: Ulrich Müller über "anarcho-kapitalistische Denkfabriken", das Agenten-Image der Lobbyisten und die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik
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johannes-graupner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.