Anton.
Es kommt einem vor, als wäre es gestern gewesen. Doch eigentlich war es heute. An einem Dienstag, während alle Kinder nach dem Einverleiben von Fett mit ein wenig grünem Aufgetauten am Tellerrand Mittagsschlaf hielten, die Väter der/dem hübschen Angestellten auf die Unterarme glotzten, die Mütter die Messer wetzen, für die Geliebte oder das Filet zum Abendessen, ...erstarrten zwischen tropfenden Weinflaschen und zerkratzten CD's zwei von grün umrandete Pupillen. Zu diesem Zeitpunkt war Anton schon lange in Sicherheit. Anton ist ein ziemlich guter Name, wenn man den -ton nicht in die Länge zieht. Wenn Anton läuft, wippen schwarze Haarsträhnen, stechen penetrant in seinen rechten Augapfel, auch wenn er sie immer wieder energisch aus der Stirn streicht. Doch die Frisur muss so bleiben, sie wird von allen gemocht, zumindest von denen sie gemocht werden soll. So wie die dünne Narbe in der kleinen Kuhle seines Halses. Tracheotomie nach einem Autounfall. Er flog das erste Mal. Nur damals war noch die Autoscheibe im Weg. Sie fand die Narbe geil. Wie alle anderen auch. Nur die Geschichten, die sie dazu kannten, waren unterschiedlich. Autounfälle sind in diesem Jahr nicht mehr spektakulär genug. Und während im Hintergrund schlechte Pop-Platten durch den CD-Wechsler der Anlage rotierten, leckte sie seinen Hals und er weiße Pulverreste von seinem Handrücken. Ihr Haar roch ganz ok, irgendwie mädchenhaft und erinnerte ihn an eine Andere, die ihm anscheinend auch einmal so nah sein durfte. Aber das war so egal, denn die Musik wurde besser und die Zunge ging tiefer. Wen interessieren da noch Namen. Es war immer ein Kampf. Die Schmerzen, die bei jeder fremden Berührung einfach auftauchten und blieben, bis die Nase blutete und das Mädchen endlich wieder von ihm runterstieg. Schmerzen. Schmerzen. Kommen. Weg. Es ist nicht so, dass Anton es nicht versucht hätte. Zu bleiben. Zu lieben. Blieben die Mädchen, kamen die Verletzungen. Finger, deren Abdrücke sich auf seiner Hautoberfläche abzeichneten, als hätte man sie in warmes Wachs versenkt. Ekel, der durch seine Zellen schwemmt und seinen Magen verätzt, bis jeder Kuss ihn kotzen lässt. Sedierung. Wenn er sich nicht mehr erinnern konnte, wie sich warme Haut anfühlt und testen wollte, ob er es dieses Mal schaffen würde. Als sie sich erschöpft neben ihm niederließ, Arm an Arm, Bein an Bein, dachte er, seine linke Körperhälfte würde einfach schmelzen und lange Fäden ziehen, sobald er aufsteht. Nichts passierte. Nur die Musik wurde schlechter, während er sich seine Klamotten überzog. Wohin er wolle, nuschelte sie, eine Zigarette zwischen Zähne geklemmt. Nicht antworten. Gehen. Und fast wäre alles gut gegangen. Da war die Wohnungstür, seine Hand über der Türklinke. Ihre auf seinem nackten Unterarm. Als er sie das erste Mal ins Gesicht traf, war da zunächst nur Verwunderung. Beim zweiten Mal Blut und Rotz. Das zwölfte Mal verdeckten ihre verklebten braunen Haare breiige Masse, von der er schon nicht mehr wusste, wie sie vorher aussah. Kein Gesicht. Keinen Namen. Wein auf dem Teppich, den sie noch dunkler färbt. Er hatte doch nur gehen wollen. Unten auf der Straße, zündete er sich eine der Zigaretten an, die er von ihr mitgenommen hatte. Atmen nach Ersticken wird überschätzt. Es roch verbrannt, als das Feuerzeug schließlich ihre Abdrücke auf seinem Arm verschwinden ließ. Gut. Brandnarben findet jeder cool.- Rebellion. 07.02.2012
- Der Vater. 30.01.2012
- "Kipp mir ein wenig Wasser in den Ouzo. Ich muss noch fahren." 23.11.2011
- Alaska. 24.06.2009
- Anton und das Danach. 20.05.2009
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gut lesbar, flüssig
irgendwie so neutral, gefühllos. übel.
Nice :)
ein großes lob!
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04.12.2008 - 08:38 Uhr
sozialesatom