"Hier sind fast eine halbe Million Menschen HIV-positiv"
Text: matthias-kolb - Fotos: rtr
In keinem Land Europas ist HIV/Aids so verbreitet wie in der Ukraine. Der Regisseur Karsten Hein zeigt in seinem Film "Am Rande", der am Montag auf Arte läuft, die Hintergründe der Epidemie auf. Ein Interview
jetzt.de: Die ukrainische Gesellschaft setzt sich aber kaum mit HIV/Aids auseinander.
Karsten: Das stimmt. Es liegt vor allem daran, dass die meisten Ukrainer die Krankheit mit der Schicht der Drogensüchtigen, Alkoholiker und Gefängnisinsassen verbinden. Vor fünf Jahren haben wir oft gehört, diese Leute seien der „Abfall“ der Gesellschaft und hoffentlich stürben sie schnell. Lange war das Milieu auch sehr abgeschlossen, doch nun ist es in einigen Regionen wie Donezk oder Odessa so weit, dass das Virus über Sexualkontakte auf die Allgemeinbevölkerung übergesprungen ist. Leider ist der Gebrauch von Kondomen in der Ukraine nicht sehr beliebt und viele Menschen wissen kaum, wie sie sich infizieren können.
Karsten Hein
jetzt.de: Welche Rolle spielt die Polizei? Wenn es so viele Drogensüchtige gibt, dann muss es ja auffallen.
Karsten: Natürlich weiß das die Miliz. Es gibt in der Ukraine sehr viele Polizisten, die schlecht bezahlt werden. Also erpressen manche Polizisten die Drogensüchtigen oder verkaufen ihnen sogar selbst Drogen. In der Ukraine wird schon der Besitz kleinster Mengen sehr hart bestraft und immer wieder haben wir Berichte gehört, dass die Polizei den Süchtigen Drogen zusteckt und verhaftet – denn die von oben vorgegebenen Zahlen müssen ja erfüllt werden. Wer sich nicht freikaufen kann, hat Pech gehabt. In den Gefängnissen gibt es keine Therapie, sondern wieder Drogen und verunreinigte Spritzen, die sich viele Häftlinge teilen.
jetzt.de: Was macht die Regierung?
Karsten: Es ist einiges in Bewegung hier. Präsident Wiktor Juschtschenko hat die Bekämpfung von Aids zur nationalen Aufgabe erklärt. Das ist ein großer Fortschritt, aber zugleich muss man wissen, dass für viele Abgeordnete Aids einfach kein Thema ist: Unsere ukrainischen Partner berichten, dass von den 450 Parlamentariern 400 Dollarmillionäre sind und denen ist es offenbar egal, wenn die Unterschicht krepiert. Es ist in diesem Land so, dass man sich einen Platz auf der Kandidatenliste kaufen kann – je weiter vorne, desto teurer natürlich. Dabei sind es vor allem die jungen Erwachsenen, die Drogen nehmen und sich infizieren – also diejenigen, die eigentlich arbeiten sollten und das Land voranbringen könnten.
jetzt.de: Was kann der Westen für die Situation in der Ukraine tun?
Karsten: Es gibt seit einiger Zeit viel Unterstützung aus dem Ausland und von der Uno. So wird etwa die Behandlung durch die antiretrovirale Therapie (ART) finanziert: Heute bekommt zwar erst ein Drittel der ukrainischen Patienten diese Medikamente, aber es ist ein wichtiger Schritt. Da fließen Millionenbeträge und auf einmal ist das Thema für die Verwaltungen interessant. Es kommt darauf an, dass der Staat in die Pflicht genommen wird, nach dem Anschub von außen selbst die Verantwortung zu übernehmen – auch finanziell. Mittelfristig wäre es sicher wichtig, dass die Ukraine eine europäische Perspektive bekommt – also näher an die EU rückt, um etwas gegen die Chancenlosigkeit vieler junger Menschen zu tun.
Szenenbilder aus dem Film:
jetzt.de: Du hast selbst mit deiner Frau und Freunden ein Projekt gegründet. Welche Unterstützung bietet ihr?
Karsten: Wir haben eine Partnerschaft zwischen der Berliner Auguste-Viktoria-Klink und dem Aidszentrum Donezk aufgebaut und helfen mit technischem Gerät und dem Austausch von Fachwissen. Der zweite Schwerpunkt ist die Ausbildung von ukrainischen Pflegekräften, die mit Aidspatienten arbeiten. Geld bekommen wir von Stiftungen und vom deutschen Gesundheitsministerium. Zum Glück sind wir nicht die Einzigen, die etwas machen. Die deutsche Regierung hat gerade ein Partnerschaftsabkommen mit der Ukraine unterzeichnet, um im Gesundheitsbereich zu helfen. Noch besser wäre es natürlich, wenn sich die deutschen Firmen, die hier investieren, auch im sozialen Bereich stärker engagieren und gute Projekte unterstützen.
jetzt.de: Mein Eindruck ist, dass in Deutschland kaum jemand mehr über Aids spricht – dabei gibt es doch auch bei uns weiterhin Neuinfizierungen.
Karsten: Ich denke auch, dass viele nachlässig geworden sind. Natürlich ist das Niveau in Deutschland viel niedriger als in Osteuropa und die Leute sind besser informiert. Aber es gibt eine Präventionsmüdigkeit, gerade unter Schwulen. Die vielen Kampagnen haben offenbar zu einem Überdruss geführt und wahrscheinlich braucht man da eine neue Strategie. Wenn man zu oft „Feuer“ ruft und es brennt nicht, dann hört wohl irgendwann niemand mehr zu. Aber auch für den Westen gilt: Es gibt kein Heilmittel gegen Aids. Antiretrovirale Therapie kann nur dafür sorgen, dass sich der Virus im Körper langsamer ausbreitet.
Der Dokumentarfilm „Am Rande. Sechs Kapitel über Aids in der Ukraine“ von Karsten Hein wird am Montag den 1. Dezember (Weltaidstag) im Rahmen eines Themenabends um 23.25 Uhr auf Arte ausgestrahlt. Weitere Informationen zu den von Karsten mitinitiierten Projekten und den Film über „Aids in Odessa“ gibt es auf der Website aids-ukraine.org. Es gibt viele andere deutsch-ukrainische Kooperationen, über die man sich auf hiv-initiative-ukraine.org informieren kann. Allgemeine Infos zum Weltaidstag unter: unaids.org.