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Leben| 25.11.2008 18:30"Mein Ich zerfiel in viele tausend Splitter"
Text: philipp-mattheis Illustration: Katharina Bitzl
Seite 1
Julia ist psychisch krank - hier erzählt die Münchnerin ihre Geschichte; eine Freundin und die Ärztin berichten, wie sie die Krankheit sehen
Die Betroffene: "Das ist schwer zu verstehen"Julia, 32, leidet an einer paranoiden Psychose seit sie 18 Jahre alt ist. ![]() In der U-Bahn war es stickig und eng. Irgendwie richtig beklemmend. Ich fühlte mich nicht wohl. Hinter mir hörte ich ein menschliches Zischen. Schweiß strömte aus meinen Poren. Da flüsterten zwei. Aus den Augenwinkeln versuchte ich sie zu erkennen. Sie tuschelten, zischten und lästerten. Sie sprachen über mich! Ich begann zu zittern und blickte in die andere Richtung auf die Sitzplätze. Aber auch da saß ein Pärchen, das sich gegenseitig etwas ins Ohr flüsterte. Ein bisschen glaubte ich zu verstehen - sie sagten: "Schau mal die Dicke da", oder "Hässlich, die ist hässlich". Ich bekam Panik, ich wollte raus. Als die U-Bahn an der nächsten Station hielt, rannte an die Oberfläche. Ich war klitschnass geschwitzt. Ich wollte nach Hause. Sofort. Ich konnte nicht mehr. Die Panik schnürte mir die Kehle zu. Bis zu diesem Tag war eigentlich alles ganz normal. Ich war 18 und jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag unterwegs. Ständig war irgendwo eine Party, ich kannte viele Leute, denn ich bin immer ein kommunikativer Mensch gewesen. Kurz bevor es losging, war ich sogar wahnsinnig gut drauf. Ich hatte kaum geschlafen und war aufgedreht. Solche Phasen - das weiß ich heute - gehen einem Schub oft voraus. Was danach folgte, fällt mir immer noch sehr schwer zu beschreiben. Anfangs merkte ich noch, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich konnte aber nicht genau sagen, was es war. Ich reagierte sehr empfindlich auf Geräusche. Plötzlich war die Trambahn, die unter meinem Fenster vorbeifuhr unerträglich laut. Früher hatte sie mich nie gestört, jetzt konnte ich nur mit Ohropax schlafen, aber selbst dann hörte ich sie immer noch. Ich dachte mir: Das geht bald wieder vorbei. Doch es ging nicht vorbei. Stattdessen wuchs meine Angst. Ich fing an, alles um mich herum auf mich zu beziehen. Zu dieser Zeit lief im Radio oft "Dieser Weg wird kein leichter sein" von Xavier Naidoo. Ich war felsenfest überzeugt, dass jedes seiner Worte für mich bestimmt war! Irgendwann konnte ich keine U-Bahn mehr betreten. Das hat natürlich keine rationalen Gründe mehr, aber der Verstand schaltet sich nach und nach aus. Die Angst aber bleibt und wächst. In späteren Phasen ging diese Angst so weit, dass ich mich nicht von einem Stuhl auf den anderen setzen konnte. Gleichzeitig wurde mir mein eigener Körper fremd. Auch das ist schwer nachzuvollziehen für jemanden, der gesund ist. Meine Hand gehörte irgendwie nicht mehr zu mir. Sie war wie ein Ding, das zwar mit mir verbunden ist, aber mit meinem Ich nichts mehr zu tun hat. Das ist ein schreckliches Gefühl. Ich ging Joggen und duschte mehrmals am Tag, um das Gefühl für meinen Körper zurückzuerlangen. Es half nichts. Bei meinem dritten Schub - der stärkste bisher - zerfiel mein Ich in viele tausend Splitter. Das hat aber nichts mit dem zu tun, was man umgangssprachlich oft als "schizophren" bezeichnet. Ich habe mich nie für Napoleon oder jemand anderen gehalten. Ich konnte einfach nichts mehr tun. Ich saß tagelang in meinem Zimmer und war bewegungsunfähig. Erst Medikamente konnten mir helfen. Heute bin ich 32 Jahre alt. Der letzte Schub ist drei Jahre her. Aber es kann jederzeit ein neuer kommen. Ich habe mich damit abgefunden und mittlerweile geht es mir dank der richtigen Medikamente eigentlich sehr gut. Auf der nächsten Seite: Die Sicht der Freundin. Dieser Text von jetzt.de ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen: hier klicken!
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