23.11.2008 - 18:30 Uhr

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Was muss ich über Marcel Proust wissen, Jochen Schmidt?

Text: max-scharnigg

Es klingt ungewöhnlich. Ein Schriftsteller setzt sich ein halbes Jahr hin und liest das literarische Monumentalwerk des 20. Jahrhunderts durch. Von vorne bis ganz hinten, jeden Tag zwanzig Seiten „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Diese täglichen Happen fasst er zusammen, notiert die Handlungsverläufe, schreibt die schönsten Sätze heraus und führt nebenbei noch ein eigenes Tagebuch. Erstmal macht er das alles für sich, dann für die Leser seines Blogs und schließlich wird ein Buch daraus – immerhin noch 600 Seiten dick. Es bietet nicht nur eine intelligent konzentrierte Übersicht über die „Suche nach der verlorenen Zeit“, sondern ist durch die Tagebucheinträge von Jochen Schmidt wunderbar kurzweilig und mehrdeutig. Jetzt.de hat den Berliner Autor vor seiner Lesung in München getroffen.

Herr Schmidt, wie ist das gedacht, soll man erst ihre Notizen zu Proust lesen und dann das Hauptwerk, oder andersrum? Ich habe das vor allem für mich selbst geschrieben, weil man beim Lesen ja gleich wieder so viel vergisst. Im Prinzip bin ich nicht für dicke Bücher, ich lese langsam und sitze immer da und denke: Hä wie ging der vorige Satz noch mal zu Ende? Man kann mein Buch aber unabhängig von Proust lesen, finde ich. Es ist alles sehr aktuell, was er da schreibt, im Grunde gibt es keinen großen Unterschied zwischen meiner Weltsicht und seiner. Warum ist die „Suche nach der verlorenen Zeit“ dann so ein vergleichsweise selten gelesener Klassiker? Es ist anstrengend. Im Grunde ist das Service, was ich damit mache. Es ist ja nur das, was jeder im Prinzip im Kopf macht, wenn er liest. Man kann heute von niemandem verlangen, dass er solche Bücher liest. Unser Leben ist so interessant, wenn man sich dann ein halbes Jahr für ein Buch wie dieses Zeit nehmen muss, dann ist das einfach ein bisschen viel verlangt. Die großen Bucherfolge heute kommen von Lesern, die lesen um abzuschalten – bei Proust wird man aber eher wach, es gibt eine Menge festzuhalten und zu merken, wenn man das liest.
Sie setzen neben die Zusammenfassung jeweils ihre eigenen Erlebnisse, beim Lesen merkt man da irgendwann eine seltsame Überschneidung mit den Romangeschehnissen. Irgendwie war es schon so geplant, ein bisschen Lektüre und bisschen eigene Chronik zu haben. Dass meine eigene unglückliche Liebesgeschichte dann aber zum roten Faden geworden ist, das war natürlich nicht geplant. Das hat es auch für mich an manchen Tagen auch sehr schwer gemacht, das Pensum durchzuhalten. Sie haben ein halbes Jahr ganz in dieser Proust-Welt gelebt, wie reagiert die Außenwelt auf das Projekt? Also richtig begeistert waren sie nur bei der Deutschen Proust-Gesellschaft. Die allermeisten Menschen aber kennen den gar nicht groß. Dann traf ich einige, von dene ich nicht erwartet hätte, dass sie ihn auch ganz gelesen haben. Viele sind dabei schneller als ich, manche schaffen das in ein bis zwei Monaten. Und viele sind auch steckengeblieben, manche im zweiten, manche im fünften Band. Ich muss sagen, vieles steckt auch schon im ersten Band, das ist schon gut, wenn man den liest. Kann man Frauen damit beeindrucken, wenn man sagt, dass man gerade Proust liest? Nein, überhaupt nicht, wenn man einen Autor erwähnt, der anstrengend klingt, ist das meistens nicht gefragt. Aber vielleicht treffe ich auch nur die falschen Frauen. Es sind übrigens meistens auch Frauen, die die Vorstellung von Liebe, die Proust formuliert, ganz falsch finden. Klar, weil Marcel in dem Buch alle Frauen ja nur als Projektionsflächen missbraucht. Was ist denn das Tolle an Proust und an der "Suche..."? Jede Seite ist großartig und sehr genau. Seine Konzeptionen von Eifersucht und Liebe habe ich bisher noch nirgends widerlegt gefunden. Er ist in allem sehr klug. Er formuliert alle Dinge besser, als ich sie hätte sagen können. Aber er regt nicht unbedingt zum Rätseln oder Nachdenken an, bei ihm ist alles ziemlich klar, es gibt Autoren die, naja, tiefgründiger schreiben. Absolut einverstanden bin ich auch mit der Konzeption von Gedächtnis und Bewusstsein und wie er über das Altern schreibt. Wir leben ja auch in einer Proust-Welt heute, die Werbung arbeitet ständig mit dem Proust-Effekt – mit Produkten Assoziationen zu erzeugen. Warum schaffen so wenige, das ganze Buch zu lesen? Jeder Satz ist gleich brillant und schwierig, man kann nichts weglassen, sonst hat man den Faden verloren. Gleichzeitig passiert über weite Strecken nicht viel, da gibt es gerne mal 200 Seiten lang Gespräche von irrelevanten Personen in einem Salon. Es gibt fünf Beispiele, wo auch eines gereicht hätte. Unter uns gesagt, man hätte das schon noch mal überarbeiten können, er hatte schon die Tendenz das aufzublähen. Warum weiß man so wenig über Proust selber? Bei Thomas Mann kennt man ja jede Erkältung. Es erscheint jetzt bald eine neue, 1000-seitige Biographie. Aber komisch, bei Proust interessiert mich die Biographie gar nicht, bei anderen Autoren ist es eher andersrum, bei Heiner Müller zum Beispiel. Aber bei Proust will ich gar nicht wissen, ob das jetzt in echt ein Stück Brot war und kein Kuchen. Man versteht aus den paar nüchternen Lebensdaten auch überhaupt nicht, warum der zu so einem Genie geworden ist. Anfangs hat er sogar ziemlich peinliche Briefe geschrieben. Wenn man als Schriftsteller in das Werk eines schreibenden Genies eintaucht, ist das dann ernüchternd? Naja, man kann sich vor allem einfach bestimmte Sachen selber sparen, auch manch andere Autoren muss man danach nicht mehr lesen, Schilderungen von Partys oder eben einen aristokratischen Salon zu beschreiben, das wird kein anderer so können wir er, das ist klar. Und man läuft danach durch die Gegend und denkt ständig – ah ja, genau wie bei Proust. Komisch oder? Seine aristokratische Kulisse wirkt ja eher museal. Aber das Oberflächliche an sich bleibt bestehen. Heute sind fast alle Ästheten. Jeder versucht sich einzurichten, man kleidet sich ausgewählt, überlässt nichts dem Zufall. Die ganze Popliteratur, das war im Grunde ein Abklatsch der Fin de Siècle-Zeit, nur auf unsere Warenwelt angewendet. Mich hat immer gewundert, dass Popliteratur noch ein Skandal werden konnte. Sie laufen auch Marathon – gibt es Parallelen zwischen Langlaufen und Langlesen? Im Grunde höchstens, dass man bei beidem eine gewisse Disziplin an den Tag legen muss. Und genau wie Muskeln nach zwei Tagen Nichtbenutzung abbauen, wird man ständig dümmer und unkonzentrierter. Es ist schwer, sich geistig fit zu halten, die Kunst einer Konversation, die einen fordert, geht leider völlig verloren. Man verlernt, sich beim Sprechen Mühe zu geben. Lesen ist da das oft Einzige, um sich geistig ein wenig wach zu halten. Sie haben nach Proust angefangen, Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ zu lesen. Wo liegen die Unterschiede in der Lesepraxis, im Gegensatz zu Proust? Ich wollte noch eine andere Stimme zum Thema Leidenschaft und Liebe hören. Luhmann ist ein harter Brocken, eine große Herausforderung. Ihn zu verstehen ist mir schon mal gar nicht möglich, trotzdem spürt man, dass er immer recht hat. Er definiert Liebe, wo andere immer nur so vage reden. Aber man braucht eigentlich Luhmann-Vorbildung um dieses Buch zu verstehen. Zum Schluss bitte noch ein Wort der Aufmunterung für alle die, die irgendwo mitten in „Suche nach der verlorenen Zeit“ feststecken. Das letzte Buch ist eine große Belohnung. Man muss gelitten haben, um das so richtig zu genießen, die letzten 50 Seiten sind pure Lust. Wenn Marcel findet, was er sucht.
"Schmidt liest Proust" ist im Verlag Voland&Quist erschienen. Jochen Schmidt liest außerdem regelmäig in der Chaussee der Enthusiasten in Berlin.


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querspieler
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Mag ich Mag ich nicht

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23.11.2008 - 19:19 Uhr
querspieler

Gut, ich hab ja nur "Eine Liebe Swanns" gelesen, fand aber auch, dass mir das Buch mehr zu sagen hatte und sich ebenfalls mehr mit meinem Leben verflocht als vieles heutiges. Das war eine Lektüre, die wirklich Spaß gemacht hat. Aber ob ich die verlorene Zeit anpacken werde? Mal sehen.

oswald_vintschgau
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Mag ich Mag ich nicht

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23.11.2008 - 19:28 Uhr
oswald_vintschgau

Ich habe Ben Beckers Bibel in 20 Minuten gelesen. Komme ich jetzt auch auf die Titelseite?

MissTruthiness
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23.11.2008 - 19:46 Uhr
MissTruthiness

sehr schönes interview, fragen sowie antworten.

DasFoehn
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23.11.2008 - 20:32 Uhr
DasFoehn

ich will endlich wieder zeit haben, dass ich bücher lesen kann. :(

BeNeDiKt_hEmInGwAy2008
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23.11.2008 - 22:59 Uhr
BeNeDiKt_hEmInGwAy2008

ich lese den zyklus vom "dunklen turm" von stephen king - auch seit einem halben jahr. komme ICH jetzt auf die titelseite???

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

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23.11.2008 - 23:05 Uhr
eisengrau

Ich maße mir nicht an, über Prousts Werk zu urteilen, weil ich es nicht gelesen habe, aber: Ein halbes Jahr lang ein Buch zu lesen und zu analysieren, um dann feststellen zu müssen, dass es wenig Inhalt ist, der sehr aufgebläht wurde - ist das dann nicht auch verlorene Zeit?

BeNeDiKt_hEmInGwAy2008
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23.11.2008 - 23:09 Uhr
BeNeDiKt_hEmInGwAy2008

@ eisengrau:

prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ besteht aus sieben bänden. dennoch ist es wenig inhalt, der sehr aufgebläht ist. von daher hast du recht. ;o)

und ich will immer noch auf die titelseite....

elias_b
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24.11.2008 - 08:30 Uhr
elias_b

das interview gefällt mir sehr gut.
danke max. gute fragen und wohl ausformulierte antworten.

klasse kommentar von eisengrau :)

elfeeva
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Mag ich Mag ich nicht

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24.11.2008 - 09:36 Uhr
elfeeva

Erstens finde ich es gut, dass Schmidt Marcel Proust den Menschen in Erinnerung bringt, weil er - wie Schmidt auch sagt - noch immer sehr aktuell ist.

Aber in diesem kurzen Interview ging mir als Marcel Proust-Fan ehrlich gesagt die Hutschnur hoch, denn ich mag seine Urteile und Aussagen nicht, die sich teils widersprechen und er meiner Ansicht nach Proust nicht versteht. Ich greife einige heraus:

„..weil er alle Frauen als Projektionsfläche missbraucht.“
->Missbrauch – dieses Wort ist völlig fehl am Platz.
Proust zeigt durchgehend auf, dass die ganze Welt nur eine individuelle Projektion des Einzelnen ist und damit jeder in seiner eigenen Realität lebt. Und er zeigt durch die tiefe, innige und sogar fast verrückte Liebe der Männer in seinen Büchern auf, dass diese Männer nichts zulassen, was ihre Wirklichkeit, ihre Sicht von der Frau stören könnte. Die ganze Welt weiß beispielsweise, dass Odette, die Frau, die Swann innigst liebt, eine Kokette ist. Doch er blendet alles aus, obwohl es offensichtlich ist. Und selbst als er einen anonymen Brief bekommt, der ihm darüber die Augen öffnen soll, ist er nur verletzt darüber, dass einer seiner Freunde ihm so schlecht gesonnen ist, so etwas zu schreiben. Ein weiteres Beispiel ist die Liebe von Saint Loup zu Rachel.

„Seine Konzeptionen von Eifersucht und Liebe habe ich bisher noch nirgends widerlegt gefunden.“
->Hä? Gibt es eine generelle Konzeption von Eifersucht und Liebe, die man beweisen oder widerlegen könnte?

„Er regt nicht unbedingt zum Rätseln oder Nachdenken an.“
->Hä? Er regt nicht zum Nachdenken an?
Er regt Schmidt nicht zum Nachdenken an, das ist allerdings richtig!

„…man kann nichts weglassen, sonst hat man den Faden verloren…..“
„…man hätte das schon noch mal überarbeiten können, er hatte schon die Tendenz das aufzublähen.“
->Also was jetzt? Man kann nichts weglassen, aber der Roman ist aufgebläht? Weiß Schmidt was er da sagt?

„Bei Proust interessiert mich die Biografie nicht.“
->Gerade das gehört meiner Ansicht nach unbedingt dazu, um Proust zu verstehen!

„Wenn man als Schriftsteller in das Werk eines schreibenden Genies eintaucht…“
„…kann man sich vor allem bestimmte Sachen selber sparen…“
->Weil also Proust viele Dinge vor Schmidt geschrieben hat, kann sich Schmidt das heute sparen. Also an Selbstüberschätzung fehlt es dem guten Mann nicht. Ich empfinde diese Aussage schlichtweg als eine Frechheit.

„Das letzte Buch ist eine Belohnung. Man muss gelitten haben…“
->Sie hätten besser nicht gelitten, lieber Herr Schmidt. Wer bei Proust leidet, der sollte ihn nicht lesen – und vor allem nichts darüber sagen oder schreiben!

Aporia
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Mag ich Mag ich nicht

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24.11.2008 - 10:02 Uhr
Aporia

@eisengrau: Und dann selbst noch ein 600-seitiges Buch darüber zu schreiben... ;-)

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max-scharnigg

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