Was muss ich über Marcel Proust wissen, Jochen Schmidt?
Es klingt ungewöhnlich. Ein Schriftsteller setzt sich ein halbes Jahr hin und liest das literarische Monumentalwerk des 20. Jahrhunderts durch. Von vorne bis ganz hinten, jeden Tag zwanzig Seiten „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Diese täglichen Happen fasst er zusammen, notiert die Handlungsverläufe, schreibt die schönsten Sätze heraus und führt nebenbei noch ein eigenes Tagebuch. Erstmal macht er das alles für sich, dann für die Leser seines Blogs und schließlich wird ein Buch daraus – immerhin noch 600 Seiten dick. Es bietet nicht nur eine intelligent konzentrierte Übersicht über die „Suche nach der verlorenen Zeit“, sondern ist durch die Tagebucheinträge von Jochen Schmidt wunderbar kurzweilig und mehrdeutig. Jetzt.de hat den Berliner Autor vor seiner Lesung in München getroffen.
Herr Schmidt, wie ist das gedacht, soll man erst ihre Notizen zu Proust lesen und dann das Hauptwerk, oder andersrum? Ich habe das vor allem für mich selbst geschrieben, weil man beim Lesen ja gleich wieder so viel vergisst. Im Prinzip bin ich nicht für dicke Bücher, ich lese langsam und sitze immer da und denke: Hä wie ging der vorige Satz noch mal zu Ende? Man kann mein Buch aber unabhängig von Proust lesen, finde ich. Es ist alles sehr aktuell, was er da schreibt, im Grunde gibt es keinen großen Unterschied zwischen meiner Weltsicht und seiner. Warum ist die „Suche nach der verlorenen Zeit“ dann so ein vergleichsweise selten gelesener Klassiker? Es ist anstrengend. Im Grunde ist das Service, was ich damit mache. Es ist ja nur das, was jeder im Prinzip im Kopf macht, wenn er liest. Man kann heute von niemandem verlangen, dass er solche Bücher liest. Unser Leben ist so interessant, wenn man sich dann ein halbes Jahr für ein Buch wie dieses Zeit nehmen muss, dann ist das einfach ein bisschen viel verlangt. Die großen Bucherfolge heute kommen von Lesern, die lesen um abzuschalten – bei Proust wird man aber eher wach, es gibt eine Menge festzuhalten und zu merken, wenn man das liest.

- Der Panda in mir vor 23 Std.
- „Es muss eine klare Zuordnung geben“ vor 23 Std.
- "Ich würde ihr keinen Rassismus bescheinigen" 24.05.2012
- "Seit Aristoteles wird geklagt, die Jugend sei nicht leistungsfähig" 22.05.2012
- „Ein bisschen geil“ 20.05.2012
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ besteht aus sieben bänden. dennoch ist es wenig inhalt, der sehr aufgebläht ist. von daher hast du recht. ;o)
und ich will immer noch auf die titelseite....
danke max. gute fragen und wohl ausformulierte antworten.
klasse kommentar von eisengrau :)
Aber in diesem kurzen Interview ging mir als Marcel Proust-Fan ehrlich gesagt die Hutschnur hoch, denn ich mag seine Urteile und Aussagen nicht, die sich teils widersprechen und er meiner Ansicht nach Proust nicht versteht. Ich greife einige heraus:
„..weil er alle Frauen als Projektionsfläche missbraucht.“
->Missbrauch – dieses Wort ist völlig fehl am Platz.
Proust zeigt durchgehend auf, dass die ganze Welt nur eine individuelle Projektion des Einzelnen ist und damit jeder in seiner eigenen Realität lebt. Und er zeigt durch die tiefe, innige und sogar fast verrückte Liebe der Männer in seinen Büchern auf, dass diese Männer nichts zulassen, was ihre Wirklichkeit, ihre Sicht von der Frau stören könnte. Die ganze Welt weiß beispielsweise, dass Odette, die Frau, die Swann innigst liebt, eine Kokette ist. Doch er blendet alles aus, obwohl es offensichtlich ist. Und selbst als er einen anonymen Brief bekommt, der ihm darüber die Augen öffnen soll, ist er nur verletzt darüber, dass einer seiner Freunde ihm so schlecht gesonnen ist, so etwas zu schreiben. Ein weiteres Beispiel ist die Liebe von Saint Loup zu Rachel.
„Seine Konzeptionen von Eifersucht und Liebe habe ich bisher noch nirgends widerlegt gefunden.“
->Hä? Gibt es eine generelle Konzeption von Eifersucht und Liebe, die man beweisen oder widerlegen könnte?
„Er regt nicht unbedingt zum Rätseln oder Nachdenken an.“
->Hä? Er regt nicht zum Nachdenken an?
Er regt Schmidt nicht zum Nachdenken an, das ist allerdings richtig!
„…man kann nichts weglassen, sonst hat man den Faden verloren…..“
„…man hätte das schon noch mal überarbeiten können, er hatte schon die Tendenz das aufzublähen.“
->Also was jetzt? Man kann nichts weglassen, aber der Roman ist aufgebläht? Weiß Schmidt was er da sagt?
„Bei Proust interessiert mich die Biografie nicht.“
->Gerade das gehört meiner Ansicht nach unbedingt dazu, um Proust zu verstehen!
„Wenn man als Schriftsteller in das Werk eines schreibenden Genies eintaucht…“
„…kann man sich vor allem bestimmte Sachen selber sparen…“
->Weil also Proust viele Dinge vor Schmidt geschrieben hat, kann sich Schmidt das heute sparen. Also an Selbstüberschätzung fehlt es dem guten Mann nicht. Ich empfinde diese Aussage schlichtweg als eine Frechheit.
„Das letzte Buch ist eine Belohnung. Man muss gelitten haben…“
->Sie hätten besser nicht gelitten, lieber Herr Schmidt. Wer bei Proust leidet, der sollte ihn nicht lesen – und vor allem nichts darüber sagen oder schreiben!
Alle Kommentare anzeigen








0
23.11.2008 - 19:19 Uhr
querspieler