09.11.2008 - 18:30 Uhr

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Schlammschlacht für ein besseres Land

Text: matthias-kolb - Fotos: Reuters, privat

„Die Ukraine ist kein Bordell“: In Kiew kämpfen Studentinnen gegen den Verfall ihres Landes und für die Rechte der Frauen

Bis heute hat die Organisation kein Büro und trifft sich drei Mal pro Woche in einem Café. Zum engen Kreis der Gruppe zählen 30 Frauen, doch die Zahl der Sympathisanten wächst: Bei vkontakte.ru, dem russischsprachigen StudiVZ, hat FEMEN 11.000 Mitglieder und viele lesen den Blog femen.livejournal.com. Im Café diskutiert Anna mit den Anderen nicht nur den Sextourismus. Die Stadt hat die Preise für U-Bahn und Busse vervierfacht und die Studenten sprechen über neue Proteste. „Wir könnten einen Sitzstreik machen“, schlägt Alischa vor. „Warum bilden wir nicht ein Eisenbahngleis mit unseren Körpern nach?“, fragt Sascha. Schon am letzten Wochenende hatten sie im U-Bahn-Untergeschoss demonstriert. Wie vor einem Abistreich begrüßten sich die Jungs und Madchen verschwörerisch. Rosa Luftballons wurden aufgeblasen, Plakate mit der Aufschrift „VIP Zone METRO“ geschrieben und sechs junge Frauen mimten in Uniformjacken und kurzen Röcken die Kontrolleurinnen, die in Kiew jeden U-Bahn-Eingang bewachen. Ein Mädchen hielt ein Plakat „Keine Preiserhöhungen“ in die Höhe, die Jungs spielten Passanten, die von den Kontrolleurinnen abgewiesen werden. Das Ganze wirkte albern, aber die Zeitungsfotografen waren zufrieden.
Anna Hutsol Dass die Frauen von FEMEN bei ihren Protesten so auf nackte Haut setzen, wurde kritisiert. Aber Anna winkt ab: „Man würde uns nicht beachten, wenn wir lange Schürzen anziehen würden.“ Sie weiß, wie Medien funktionieren. Nach ihrem BWL-Studium organisiert sie jetzt Konzerte ukrainischer Bands. Viele verbringen seit Wochen jede freie Minute in der Gruppe, die Anna ins Leben rief. „Hier werde ich ernst genommen“, sagt beispielsweise die 18-jährige Irina. Sie studiert Modedesign. „Vielleicht vielleicht werde ich später Premierministerin“. Die Freundinnen kichern, ihr Idealismus und ihre Energie sind ansteckend. „Jede Woche kommen mehr Leute oder schreiben E-Mails“, sagt Nastja. „Wir können die Ukraine europäisch machen.“ „Diese Art des Protests ist neu in der Ukraine“, sagt Kyrill Savin, der das Kiewer Büro der Heinrich-Böll-Stiftung leitet. FEMEN setze wichtige Themen auf die Tagesordnung. Für Savin beweisen die Aktionen, dass sich die Gesellschaft seit der Orangenen Revolution vor vier Jahren verändert habe: „2003 war es undenkbar, dass jeder seine Meinung sagt, ohne dass die Polizei einschreitet.“ Anna saß 2004 frierend mit 100 000 anderen auf dem Maidan und demonstrierte gegen die gefälschte Präsidentschaftswahl. Sie stimmt Savin zu, relativiert aber: „Die freie Meinungsäußerung ist auch die einzig gute Sache, die von damals geblieben ist.“ Im September bildeten Aktivistinnen mit ihren Körpern den Slogan „Ukraine ist kein Bordell“ nach – gegenüber dem Regierungsgebäude. „Wir fordern, dass die Polizei strenger gegen Bordelle vorgeht und dass wieder über die Visumpflicht diskutiert wird“, sagt Anna und Nastja fällt ihr ins Wort: „Heute werden in der Ukraine nur die Hure und ihr Zuhälter bestraft, aber nicht die Sextouristen.“ Keine Argumente, nur Dreck Doch die Politik reagiert nicht wirklich und das macht Anna wütend. Premierministerin Julia Timoschenko erhielt von FEMEN einen Brief mit Vorschlägen, wie man die Situation ändern könnte. Doch zurück kam nur ein Schreiben vom Komitee zur Aidsbekämpfung, in dem es hieß, man sei nicht zuständig. „Dabei hatten wir die gar nicht kontaktiert“, sagt Anna. Die Politik sei losgelöst vom Alltag der Menschen, klagt sie. Während die Welt von der Finanzkrise geschüttelt werde, stritten sich die Parteien nur über einen Termin für Neuwahlen. FEMEN reagierte: Auf dem Maidan bewarfen sich drei Mädchen in Bikinis mit Schlamm. Die Farbe der Bikinis symbolisierte eine der drei großen Parteien. „So funktioniert hier die Politik“, sagt Viktor, als er die Fotos der plakativen Aktion auf dem Notebook zeigt: „Keine Argumente, aber viel Dreck.“ Anna hofft, dass sich auch in anderen Städten wie Lwiw oder Odessa FEMEN-Gruppen bilden und Irina denkt über die nächste Aktion nach. „Sobald es das erste Mal schneit, bauen wir Schneemänner vor ausländischen Botschaften.“ Und daneben werden sie selbst stehen. Vielleicht wieder in Bikinis. Egal, wie kalt es ist.
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