Großstadtbahnhof
Text: MapleLeaf
Fünf Uhr morgens. Der Nachtzug rollt quietschend aus dem regennassen Bahnhof heraus, verschwindet polternd im Dunkel. Die Treppen führen hinunter ins Innere der Station. Neonlampen tauchen die unnatürlich leeren Gänge in beißendes Licht. Die typischen Bahnhofsgerüche nach abgestandenem Bier und vielen Menschen liegen in der Luft, der schmutzige Boden ist rot gefliest. Ein Fahrkartenautomat flackert vor sich hin, das Gebäude ist menschenleer. Niemand scheint zu so früher Stunde auf den Beinen zu sein. Sämtliche Bahnhofsgeschäfte haben noch nicht geöffnet, einige Schaufenster sind nicht einmal beleuchtet, andere starren vor Dreck - das dazugehörige Geschäft ist schon länger geschlossen. Der erste Vorortzug fährt donnernd in die Station ein, der Lärm hallt im gesamten Gebäude wider. In der Ecke neben dem Bahnhofskiosk liegen ein paar schmutzige Bündel Menschen neben einem Einkaufswagen. Obdachlose haben dort vor der feuchtkühlen Frühherbstnacht Schutz gesucht. Einige Rolltreppen sind in Betrieb, sie bewegen sich klackernd.
Der Bahnhofsvorplatz glänzt nass im Licht der trüben Straßenlaternen. Ein frischer Wind treibt einige leere Papiertüten vor sich her. In schmutzigen Betonfassungen wuchert kümmerliches Grün.
Die Einkaufsmeile ist wie ausgestorben. Das einzige Licht scheint aus dem Schnellrestaurant, das schon geöffnet hat. Drinnen sitzen einige Nachtschwärmer über einem Burger und einem Pappbecher voll Kaffee. Der ausgeschlafene, gut gelaunte Verkäufer am Tresen legt pfeifend Papierservietten zurecht. Eine ältere Dame sitzt aufrecht an einem Tisch und rührt gedankenverloren in ihrem Becher. Die gedämpften Unterhaltungen können das wiederholte, penetrante Piepsen aus der Küche nicht übertönen.
Ein Grüppchen Jugendlicher betritt lärmend das Restaurant, Bestellungen schwirren durch die Luft, dann verschwinden sie ebenso schnell wie sie gekommen sind.
Wieder draußen. Die Einkaufsstraße ist immer noch genauso unbelebt wie zuvor, sie wirkt lächerlich breit. Der Tag ist im Kommen, es ist dämmerig geworden, am Horizont erscheint bereits ein heller Streifen. Zwischen sorgsam gepflanzten Bäumchen stehen blecherne, verbeulte Mülleimer. Etwas weiter weg sind ein paar Straßenkehrer bei der Arbeit, ihre Unterhaltungen hallen durch die Straße, ihre Besen schrappen über das feuchte Pflaster, in dem sich die Straßenlaternen spiegeln. Wieder hört man einen Vorortzug einfahren. Irgendwo weit weg hupt ein Auto, der Stadtverkehr erwacht zum Leben. Ein weiteres Schnellrestaurant öffnet. Der Chef, ein korpulenter Mann mit überdimensionaler Schürze, steht rauchend vor dem hell erleuchteten Laden, er blickt unzufrieden drein. Als sich jemand eiligen Schrittes nähert, wirft er seine Kippe weg und beginnt zu schimpfen. Der Angestellte ist offenbar zum wiederholten Male zu spät erschienen. Beide verschwinden im Inneren des Hauses, der eine Verwünschungen schreiend, der andere Entschuldigungen murmelnd.
Die Obdachlosen im Bahnhofsgebäude haben sich inzwischen aus ihren Schlafsäcken gerollt. Eine alte Frau hat den Rollladen des mit Tageszeitungen und Snacks voll gestopften Kiosks hochgezogen, sie verkauft ihnen das erste Bier des Tages. Ein Alter mit rot unterlaufenen Augen hustet rasselnd, er sitzt zusammengesunken neben einem Wägelchen voll Zeitschriften. Am Eingang des Bahnhofs sitzt eine Gruppe Punks beim Sangria, sie haben in den Grünflächen übernachtet und sitzen jetzt frierend, dicht aneinandergedrängt, in feuchten Schlafsäcken. Eine Prostituierte schwankt, aschfahl im Gesicht und schwer auf den Arm ihrer rundlichen Begleiterin gestützt, langsam in Richtung einer entfernten Rolltreppe.
Auf den Bahnhofstoiletten herrscht reger Betrieb. Einige Obdachlose haben sich dort versammelt, sie diskutieren lautstark die nächtliche Schließung vieler U-Bahn-Schächte, die ihnen zunehmend Sorgen bereitet. Ein rauschebärtiger, hünenhafter Penner schimpft lautstark auf die Bahnschützer, die ihn um drei Uhr nachts aus der Station gewiesen haben. Auch der Toilettenmann ist bereits da, er sitzt auf dem weißen Klappstuhl vor einem billigen Keramiktellerchen und hört sich geduldig die großen und kleinen Sorgen seiner morgendlichen Stammgäste an. Man kennt sich gut hier unten, es herrscht eine familiäre Vertrautheit. Selten verirrt sich ein Reisender um diese Zeit hierher.
Aus einer Kabine dringt energisches Räuspern, gefolgt von einem lauten Rotzgeräusch, drei Türen weiter rauscht zum dritten Mal die Wasserspülung, jemand brummelt etwas vor sich hin. Die Toilette ist verhältnismäßig sauber.
Im Vorraum läuft Wasser, ein Bahnhofsbewohner putzt an den schmierigen Waschbecken die Zähne. Nach und nach zerstreut sich das Grüppchen Obdachloser wieder. Der Toilettenmann starrt ins Leere.
Allmählich belebt sich die Bahnhofshalle. Der Duft von frisch Gebackenem durchzieht die Gänge, die Vorortzüge rumpeln jetzt in kürzeren Abständen und erste Reisende hasten mit morgengrauen Gesichtern ihrem Tagewerk entgegen. Die Bahnhofsbewohner treten ins zweite Glied zurück, sie machen Platz für den stetig anwachsenden Menschenstrom, der sich in Richtung der Gleise wälzt. Erste Lautsprecherdurchsagen künden vom beginnenden Berufsverkehr, ankommende Züge spucken nun immer mehr Fahrgäste aus.
Inzwischen ist der grautrübe Tag angebrochen. Eine Polizeistreife patrouilliert über die Bahnsteige, gehetzte Reisende eilen an ihnen vorbei, gelangweilte Lautsprecheransager geben die ersten Verspätungsmeldungen bekannt.
Der Bahnsteig ist voller Menschen, sie warten auf den nächsten Vorortzug, der schließlich, mit zehn Minuten Verspätung, vollkommen überfüllt eintrifft.
Sieben Uhr dreißig. Der Zug ruckt an und rollt langsam aus der Station. Bald verschwindet der Bahnhof im herbstlichen Morgennebel.
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05.11.2008 - 10:28 Uhr
Aporia