02.11.2008 - 18:30 Uhr

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Siebenmal Auslandserfahrung

Text: julia-finger - Foto: photocase.de/che; privat

Leben im Slum, Heimweh und ein Heiratsantrag - was man bei Arbeits- und Studienaufenthalten in der Fremde lernen kann

Freiwilligendienste sind in Mode, seit Anfang des Jahres gibt die Bundesregierung sogar Stipendien für junge Erwachsene, die sich in Hilfsprojekten engagieren wollen (mehr unter weltwaerts.de). Schon seit Jahren gibt es ASA, das gemeinnützige Programm für Arbeits- und Studien-Aufenthalte, das unter anderem auch von der Bundesregierung gefördert wird. Jeden Sommer reisen 200 Stipendiaten in fremde Länder, um für mehrere Monate in Hilfsprojekten zu arbeiten und sehr viel zu erleben. Hier schildern sieben von ihnen ihren besonderen Moment, der den Aufenthalt geprägt hat. ** Malaysia: "Heiratest du mich?" "Mirahs Fragen waren anfangs noch sehr schüchtern, wurden aber neugieriger, nachdem sie herausfand, dass ich Single bin und noch eine Weile im Ort. Sofort wollte sie meine Nummer und Adresse haben. Ich fühlte mich gebauchpinselt, gab sie ihr und wir quatschten weiter darüber, dass Ehepartner in Malaysia von den Eltern ausgesucht würden. Ich habe ihr erzählt, wie anders es in Deutschland ist und dass Scheidungen völlig alltäglich sind. Auch Sex vor der Ehe, was in Malaysia als Schande gedeutet werden würde. Zwei Tage später bekam ich die erste Nachricht von Mirah per SMS: "I miss you." Die nächsten Tage wurde ich mit Kurzmitteilungen und Anrufen bombardiert, in denen sie mir schlussendlich gestand, dass sie sich in mich verliebt habe und mich unbedingt wiedersehen möchte. Sie rief zigmal am Tag an, drängte auf ein Wiedersehen und redete irgendwann von Ehe. Bitte?, dachte ich. Ich kannte sie doch gar nicht. Gegen ein Date hätte ich nichts gehabt, hätte sich nicht herausgestellt, dass sie seit sechs Jahren verlobt ist. Das Interesse war also eher, einen Europäer zu heiraten, um mit nach Deutschland kommen zu können. Aber ohne mich." Jochen Wißmach sollte zuerst mit Multiple Sklerose Patienten in Georgien arbeiten, ging dann aber nach Malaysia.
Anders als Zuhause: Drei Monate in einem Hilfsprojekt im Ausland können lehrreicher sein als vier Jahre Studium. ** Honduras: "Nehmt uns mit!" "Die Hinfahrt verlief ohne Probleme. Wir saßen auf der Ladefläche des Pick-Ups, die Sonne schien, unsere Haare wehten im Wind und wir konnten die hervorragende Aussicht auf Wasserfälle und Maisfelder genießen. Als wir uns abends mit Bäuchen voll frischer Tortillas und selbstgemachtem Käse wieder auf den Rückweg machen wollten, fiel uns ein, dass der einzige Bus des Tages schon weg war. Wir mussten per Anhalter zurück. Nach einer Weile hielt ein Auto, das schon andere Personen und Tiere geladen hatte - man kann sich gar nicht vorstellen, wieviele Menschen auf eine kleine Ladefläche passen. So fuhren wir mit zwölf Leuten, einem Schwein und mehreren Hühnern über die schlaglochreiche Straße zurück in unseren Ort. Und natürlich begann es zu regnen. Es war eine sehr lustige Situation: Wir Großstadtkinder aus dem ASA-Programm, eingepfercht mit Tieren und Locals. Die Stimmung war lustig, Witze wurden gerissen und sich über alles lustig gemacht, was den Weg kreuzte. Selbst plötzlicher Hochlandnebel und fallende Temperaturen taten der Laune keinen Abbruch."
Elisabeth Peters half in Honduras in einem Projekt zur Frauenförderung. ** Kenia: Verprügelt und verjagt "Kenia ist zwiegespalten. Schillernde Farben und süße Früchte auf der einen Seite, verseuchte Flüsse und Müllberge auf der anderen. Man trifft auf gastfreundliche und immer lächelnde Mensche, deren Gesichtsausdruck sich jedoch in dem Augenblick ändert, in dem man ihnen erklärt, weder eine Cola noch ein Ticket nach Europa für sie kaufen zu können. Ich lebte in den Slums von Nairobi, den Eastlands, wo man die Welt der weißen Reichen aus den Westlands nicht kennt. Hier kämpfen die Einwohner täglich mit Strom- und Wasserausfällen. Aber es ist dennoch erstaunlich, wie schnell man das Elend nicht mehr sieht. Man spaziert irgendwann wie selbstverständlich durch die menschhohen Müllberge am Flussufer und fühlt sich dennoch wie im Film "Jenseits von Afrika". Aus diesen Umständen resultiert ein anderes Verständnis von Respekt gegenüber einem Menschenleben, als wir es in Europa kennen. So ist das mittelalterliche Prinzip der Massengerechtigkeit in den Slums von Nairobi alltäglich. Entlarvte Diebe, die aus Hunger Essen gestohlen haben, werden von der wütenden Menge ohne viele Fragen verprügelt, durch die Stadt gejagt und in den meisten Fällen umgebracht. Beginnt man darüber eine Diskussion mit Argumenten wie Nächstenliebe, die jeden Sonntag flächendeckend mit Inbrunst in den kenianischen Kirchen besungen werden, stößt man nur auf lächelndes Unverständnis."
Nicole Herzog half in Kenia in einem Sportprojekt.
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julia-finger

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


Berlin