Meine Jagd nach dem Autogramm von Obama
Egal, wie die US-Wahl ausgehen wird: Barack Obama ist schon jetzt der Politiker des Jahres 2008 – deshalb wollte unser Autor seine Unterschrift
V. Die Reise durch Amerika Der Gedanke an ein Autogramm kann zur Obsession werden. Als 13-Jähriger hatte ich zum Beispiel einen Traum. Darin klingelt es an der Haustür und Michail Gorbatschow fragt nach einem Glas Wasser. Ohne Zögern laufe ich zum Telefontischchen mit den Zetteln und den Stiften und rolle einen Kugelschreiber nach dem anderen über das Papier, doch keine der Minen färbt ab. Die Kulis sind vertrocknet. Meine Mutter bringt Gorbatschow das Glas Wasser, er trinkt, sagt Danke und verabschiedet sich. Ich eile ihm nach, doch in der Tür gefriert meine Aktion zum Standbild und ich sehe Gorbatschow fahren. Gut 17 Jahre später träume ich Ähnliches. Ich treffe Barack Obama in Frankfurt am Main und frage nach einem Autogramm. Er ist freundlich und will signieren – aber alle meine Filzstifte sind vertrocknet. Anfang Oktober fliege ich in den Westen der USA, nach Idaho. Gemeinsam mit Freunden will ich nach Osten reisen, in der Hoffnung, unterwegs in die Nähe eines der Wahlkampfauftritte von Obama zu kommen, die meist nur drei Tage im Voraus auf seiner Website angekündigt werden. Wir fahren durch den frühen Schnee Montanas, durch den Nebel Wyomings und durch die Kälte South Dakotas, ehe wir im frühlingswarmen Minnesota ankommen. Jeden Tag sehe ich online nach den Terminen, doch immer ist Obama im Osten des Landes, wo in wenigen Staaten viele entscheidende Wahlmännerstimmern vergeben werden. Nur einmal ist seine Frau Michelle in St. Paul, gleich neben Minneapolis, Minnesota. Ich fahre zu der College-Turnhalle, in der sie spricht, in der ihr 4 500 Menschen zujubeln, als sie sagt: „Barack ist einer von den Typen, die glauben, dass sie fliegen können.“ Als ich nach dem Auftritt kurz auf Obamas Website schaue, sehe ich einen neuen Termin: „Donnerstag, 16. Oktober: Community Gathering mit Barack Obama in Londonderry.“ Das ist an der Ostküste. Tickets sind kostenlos, müssen aber persönlich abgeholt werden. Ich rufe im Wahlkampfbüro in Manchester, nahe Londonderry, an und frage, ob es noch Karten gibt. „100 sind noch da“, sagt Kathy. Ich frage, ob sie mir eine beiseite legen kann. Sie sagt: „Nein.“ Als ich am Abend vor Obamas Rede am Flughafen von Manchester, New Hampshire, ankomme, wähle ich wieder die Nummer des Wahlkampfbüros. „Kathy, ich bin jetzt hier.“ – „In Manchester?“ – „Am Flughafen.“ – „Ämm . . . “ – „Habt ihr noch Tickets?“ – „Nein, also, Moment . . . (Pause) Komm mal vorbei.“ Elmstreet 359 in Manchester ist ein Kampagnenbüro, mehr noch ein Callcenter. Von der Decke hängen Telefonkabel und als ich am Abend ankomme, telefonieren Freiwillige und erklären fremden Menschen am Telefon, was Obamas Health Care Plan bedeutet. Der Pressereferent erzählt, dass er vor einem Jahr seinen Job gekündigt habe, um hier zu sein. Er ist 23. Kathy ist 22 und war arbeitslos, ehe sie ihren Platz am Telefon bezog. Mitten im Raum steht eine Pappfigur von Barack Obama. Jemand hat einen Zettel an seinem Kopf befestigt und eine Denkblase aufgemalt. „Thank you!“ steht da. Nie hat ein Kandidat für die Präsidentschaft so viele junge Erwachsene mobilisiert. Der Raum wird dunkel, 21 Uhr, die dritte TV-Debatte zwischen McCain und Obama beginnt. McCain spricht von „Joe the Plumber“, Elmstreet 359 lacht. Barack Obama spricht von der Wirtschaftskrise, Elmstreet klatscht. Kathy stellt mich einem Studenten vor, der auch hier im Büro arbeitet. „Du bist extra aus Deutschland gekommen?“, fragt er. Ich nicke. Er schüttelt den Kopf, nimmt mich zur Seite und drückt mir ein rosafarbenes, bedrucktes Zettelchen in die Hand. Das Ticket für die Rede. VI. Ganz nah dran Am nächsten Morgen stehe ich um kurz nach acht Uhr vor Mack’s Apples, dem Hof eines Apfelbauern in Londonderry. Ich gehöre zu den Ersten in der Schlange, um 10 Uhr ist Einlass und im Hof komme ich in der zweiten Reihe vor dem Rednerpult zum Stehen. Das Mikrofon ist nur vier Meter entfernt. Kurz nach 12 Uhr spricht dort eine Pfarrerin ein Gebet, eine Arbeitslose verlangt „Change“ und der Gouverneur von New Hampshire begrüßt Barack Obama: Während er in Berlin hinter der Siegessäule hervorkam, tritt er nun zwischen Heuballen und schmückenden Kürbissen hervor und läuft über einen improvisierten Laufsteg zum Pult. In diesem Moment beginnt es zu nieseln, aber Obama baut trotzdem wieder seine Rampe aus wohlgewählten Worten, die seine Zuhörer von der dritten TV-Debatte zu seinen Steuerplänen, zum Krieg im Irak und schließlich zu seiner Idee von einem neu vereinten Amerika führt. Gegen Ende flammt Applaus auf und verebbt nicht mehr. Er spricht in diesen Applaus hinein, was die Dramatik erhöht und den Applaus befeuert, dann ist Schluss: „You and I together, we gonna change the country, God bless you“.


- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
- Was vom Macchiato-Meeting übrig bleibt 13.05.2012
- Zwei Pfund Nostalgie, bitte 13.05.2012
- Im Zeugungsstand 06.05.2012
- Hooligans - Es geht nicht darum, andere ernsthaft zu verletzen 06.05.2012






