Don't impose - die Höflichkeitskolumne
Text: deeli
22. Oktober 2008 - Die Mexikohexe
Mit ein paar Freunden besuche ich ein mexikanisches Restaurant mit angehängter Cocktailbar für eine Runde Fajitas, Enchiladas oder Burritos und Caipirinhas. Da es etwas zu feiern gibt erscheinen die Freunde zahlreich und füllen einen großen Tisch. Jedoch warten wir mit der Bestellung des Essens bis wir vollständig versammelt sind, was uns allerdings nicht davon abhält, die Speisekarte mit einer wohlwollenden Gemütlichkeit von vorne bis hinten und von oben bis unten mehrfach durchzulesen. Denn schließlich will wohlüberlegt sein, für welches der appetitlichen Speisen man sich entscheidet.
Die Kellnerin, die uns bereits bevor ich die Jacke ausgezogen habe nach den Getränken fragt, schwirrt wie eine aufgeregte Fliege um uns herum. Dann tritt sie an den Tisch. „Können Sie sich nicht entscheiden?“ Sie lässt uns keine Zeit zur Antwort. „Soll ich sie Ihnen vorlesen?“ Genau. Wir können uns nicht entscheiden, weil wir die Karte nicht lesen können. Sehr scharfsichtig. Sie jedoch findet offensichtlich Gefallen an dem Gedanken und beginnt tatsächlich uns „die besten Gerichte“ vorzulesen. Als wir sie unterbrechen und uns bedanken, aber sie darauf hinweisen, dass wir noch auf weitere Freunde warten werden, verzieht sie das Gesicht und rauscht ab mit einem schnippischen „dann eben später!“
Die Freunde kommen hinzu, wir bestellen. Das auch das ohne Weiteres nicht möglich sein würde, wird uns bald klar. Mein Gegenüber bestellt Spaghettini mit Garnelen in einer Sojasauce. Die Kellnerin kann es offensichtlich kaum fassen, dass er dieses Essen bestellt, denn sie fragt ihn dreimal „wirklich?“, bis er lautstark bestätigt „ja, ich möchte das essen“.
Ein paar Minuten vergehen bis sie das Essen an den Tisch bringt. Meinem Gegenüber stellt sie seine Pasta mit abgewandtem Gesicht hin. Stattdessen komme ich in den Genuss ihres angewiderten Gesichtsausdrucks. Gut, die Spaghettini sehen aufgrund der Sojasauce tatsächlich aus wie kleine, sich windende Aale, aber man kann den Gast doch trotzdem angucken und versuchen seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten, oder?
Während wir essen, entwickelt sich ein äußerst lebhaftes Tischgespräch. Man lacht, man diskutiert unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen und legt für diesen Zweck schon mal sein Besteck an den Tellerrand. Genau dies tut auch mein Gegenüber als die Kellnerin erneut um uns herumscharwenzelt. Aufdringlich stellt sie sich neben ihn und fragt in einem doch recht lauten, angriffslustigen Ton: „Schmeckt es Ihnen nicht?“ Sie guckt ihn mit einem total entgeisterten Gesicht an, das sagt „ich verstehe dass das nicht schmeckt, das wusste ich von Anfang an!“„Doch“, antwortet er, „wieso?“ „Na“, antwortet daraufhin sie, „Sie essen es ja gar nicht!“ Sprichts und verschwindet wieder im Nebenraum.
Kaum eine Sauce ist so spritzanfällig wie Tomatensauce. Und Sojasauce. Wenn dann die Sojasauce auch noch mit Spaghetti zusammentrifft, dann besteht schon fast Spritzgarantie. Aus diesem Grund findet sich auch nach kurzer Zeit ein doch recht großer Fleck Sojasauce auf dem strahlendweißen Hemd meines Gegenübers. Er entscheidet sich dafür, erst einmal zu Ende zu essen, bevor er es auswaschen geht. Die Kellnerin kommt mit einem Tablett Getränke herein, bleibt mitten im Raum stehen, schaut, kommt dann an unseren Tisch, stellt ihre Getränke ab. Dann erhebt sie ihren Zeigefinger und bewegt ihn bis auf fünf Zentimeter an den bespritzten Hemdenbauch heran und sagt so laut, dass es auch wirklich der ganze Raum hören kann: „Sie haben da einen riesigen Fleck, wissen Sie das?“ Er, leise: „Ja, das ist mir bewusst.“ Sie (immer noch laut): „Achso, ich dachte, das wäre Ihnen noch nicht aufgefallen. Aber, haha (lacht dümmlich), wie kann einem so ein riesiger brauner Fleck auch nicht auffallen?“
Kopfschüttelnd verlässt sie den Tisch wieder. Kopfschüttelnd bleiben auch wir zurück.
Neue Texte zum Label 'Kolumne':
Textoptionen
0
22.10.2008 - 18:25 Uhr
MorbusBahlsen