Kein Klo über den Wolken
Seit 2 Monaten ist sie in Kraft, die neue EU Verordnung zum barrierefreien Flugverkehr. Die lang ersehnte Verordnung schreibt den Fluggesellschaften unter anderem vor, Passagieren bei Bedarf Hilfestellungen zu leisten, damit sie die Bordtoiletten erreichen und nutzen können. Theoretisch sollte es nun also für Passagiere mit Mobilitätseinschränkungen möglich sein, auf einem europäischen Flug die Toilette erreichen zu können. Ich selber bin im Rollstuhl unterwegs und so freute ich mich auf einen Flug, bei dem ich erstmals im europäischen Flugraum eine Toilette benutzen würde.
:: Selbstbildnis auf einem Flugzeugklo in einem Langstreckenflugzeug. Wer wissen will, wie man da rein kommt, ohne seine Füße zu benutzen, klickt Entering an onboard toilet in a wheelchair auf Youtube
Doch es kam anders. Auf meinem Flug zwischen Hamburg und Paris wurde ich eines besseren belehrt: weder auf dem Hin- noch auf der Rückreise war der Flieger von Air France so ausgestattet, dass ich eine Toilette benutzen konnte. Wortwörtlich heißt es ja in der Verordnung: “Erforderlichenfalls Hilfe, um zu den Toiletten zu gelangen.” Genau um diese Hilfe bat ich die Stewardess, nachdem ich den dringenden Wunsch verspürte, eine Toilette aufzusuchen. Die Stewardess gab mir jedoch bald zu verstehen, dass Sie mir bedauerlicherweise nicht helfen könnte. Auch ein hinzugeholter Steward konnte nicht weiterhelfen. Ein Bordrollstuhl, mit dem der Transfer zwischen dem Sitzplatz und der Toilette realisiert hätte werden können, war an Bord nicht verfügbar und zur Toilette wollte, konnte oder durfte man mich nicht tragen. Das wäre zugegebenermaßen auch nicht meine Wunschvorstellung gewesen, dennoch ist man zu vielem bereit, wenn die Blase drückt. Aber tragen wollte man mich nicht. Also blieb ich ruhig auf meinem Sitz und sehnte dem nächsten Klo im Pariser Flughafen entgegen.
Die Rückreise verlief dann ähnlich: nach über drei Stunden, wovon ich etwa eine Stunde wegen einer Startverzögerung im Flugzeug gesessen hatte, konnte ich das erste Mal wieder eine Toilette aufsuchen. Air France war auch auf dem Rückflug nicht entsprechend ausgestattet, die gesetzlich geforderten Hilfestellungen zu geben. Nur hatte ich diesmal vorgesorgt und schon Stunden vorher nichts getrunken. Eine gleiche Situation wie auf dem Hinflug wollte ich nicht noch einmal erleben.

:: Angeblich ein barrierefreies Klo bei Air France, aber kein Bordrollstuhl, um es auch benutzen zu können.
Gleich am nächsten Tag reichte ich eine schriftliche Beschwerde ein. In einer umgehend erfolgten Antwort brachte Air France zwar ihr Bedauern über die “Unannehmlichkeiten” zum Ausdruck, war sich jedoch keinerlei Pflichtverletzung bewusst. Mein Hinweis, dass kein Bordrollstuhl zur Verfügung gestanden hätte, wurde mit folgenden Worten quittiert: “Es ist darin (in der EU Verordnung) nicht festgelegt, dass ein Bordrollstuhl auf einem Mittelstreckenflug mitgeführt werden muss”.
Nun ist die Beschwerde beim Luftfahrtbundesamt eingereicht, und nur zu hoffen, dass noch viele Leute ihren Unmut über die unakzeptablen Verhältnisse der Barrierefreiheit in europäischen Fliegern äußern. Denn, so tönt es aus dem Haus des Verkehrsministers, erst wenn eine kritische Masse an Beschwerden eingereicht wird, wird sich langfristig etwas ändern.
Bis dahin darf man sich als Passagier damit trösten, dass auch eine führende Mitarbeiterin des Verkehrsministers, die ausdrücklich ungenannt werden wollte, auch schon häufiger mal vier Stunden warten musste, bis sie im Flieger eine Toilette benutzen konnte.
In diesem Sinne: Beschwert Euch für einen barrierefreien Flugverkehr und für einen Zugang zu den Klos über den Wolken!
weiterführende Links
mein Blog http://www.rechtaufklo.de
beim Luftfahrbundesamt beschweren http://www.lba.de/cln_009/nn_307058/Shar...
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mach die mal anständig fertig. und wenn du eine petition oder sonst was einzureichen gedenkst - auf meine unterschrift kannst du zählen.
http://www.betgen.ch/foto/humor/Bilder/b...
danke für deine meinung! sie spiegelt die haltung der fluggesellschaften sehr schön wieder. ich finde, dass in einem europa der vielfalt neben dem service selbstverständlich auch das grundbedürfnis aller passagiere wichtig ist. und wenn menschen die möglichkeit verwehrt wird, ein klo aufzusuchen, dann stimmt etwas nicht mit den prioritäten. übrigens sieht die eu das ganz ähnlich und verpflichtet fluggesellschaften ALLEN passagieren die notwendigen hilfestellungen zu geben, damit sie das klo erreichen.
apropos service: sigrid arnade plädiert übrigens dafür gar keine toiletten mehr auf "kurzen" flügen anzubieten: die fluggesellschaften könnten mehr passagiere befördern; behinderte fluggäste würden nicht länger diskriminiert; die nicht-betroffenen könnten neue erfahrungen sammeln... und flugpassagiere würden dem servicepersonal nicht mehr im weg rumstehen, um sie vom drittgetränk abzuhalten.
siehe: http://www.kobinet-nachrichten.de/cipp/k...
Keine Toiletten anzubieten ist eine Sache der Unmöglichkeit, da auch die Crews darauf angewiesen sind. Und Delay, weil noch jemand der Crew aufs Klo musste (die Turnarounds sind im Schnitt mit 30 Minuten geplant. Dank wachsenden Handgepäcks braucht das Boarding im Schnitt 20-25, das Deboarding 10-15 minuten. Plus der Flieger muss noch aufgeräumt werden. Nach Adam Riese haben wir daher jetzt schon dauernd Verspätung und als FA kommst Du teilweise 12 Stunden nicht dazu Mal selbst was zu Essen oder zu trinken, weil Du während des Fluges ja auch vollaufbeschäftigt bist) und deshalb zum Terminal gefahren werden musste ..... na ja, die Konsequenzen kannst Du dir selbst vorstellen. Und Kindern kannst Du auch nicht sagen, sie sollen es sich verkneifen. Ein Erwachsener hingegen kann vor dem Flug nochmal schnell aufs Klo - aka behindertengerechte (falls gehbehindert etc.) Toilette im Flughaf
en aufsuchen. Bei Kurzflügen ist das kein Problem.
Als FA habe ich lediglich versucht aufzuzeigen, dass es zeitlich nicht machbar ist. Man wird heutzutage eh schon wegen jedem Scheiß von den Passagieren angemacht und wenn du deinen Service nicht für alle ausführst ist Polen offen. Und du bist nach ein paar solcher "Aktionen" Deinen Job los. Toleranz also in allen Ehren, aber man muss auch immer die andere Seite sehen.
Ich habe nun sowohl beim Bundestag als auch beim EU Parlament eine Petition "Barrierefrei zugängliche Toiletten im Flugverkehr" eingereicht. Der Wortlaut der Petition für den Bundestag findet sich hier: http://www.rechtaufklo.de/?p=119
Bislang wird die Petition geprüft, sobald sie freigeschaltet ist, veröffentliche ich hier den Link.
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21.10.2008 - 17:38 Uhr
ida_svensson