Mit Scheiße Geld verdienen: Das Sido-Porträt
Text: julia-finger - Illustration: Katharina Bitzl
Paul Würdig hat bekommen, was man als Junge aus der Platte normalerweise nicht bekommt. Jetzt urteilt Sido über andere, die Ruhm suchen
Aus den eingebauten Lautsprechern des weißen MacBook kommt eine piepsig-kratzige Männerstimme. Rastlos, Wort an Wort, erzählt sie die Geschichte von einem New Yorker Unterschichten-Jungen, der ein Mädchen aus Manhattan kennenlernt. Sie verlieben sich ineinander. Dann wird das Mädchen erschossen. Fünf Minuten Ghettotragödie. „Hammer. Das ist ‚Renee’ von den Lost Boyz. Mein Lieblingslied, weißt du?“ Der Junge vor dem Rechner trägt eine randlose Brille, er nickt im Takt. Der Beat ist eingängig: monotones Glockenspiel auf Drums. Ob er auch eine Freundin hatte, die erschossen wurde? Der 27-Jährige kratzt sich am Bauch und schnalzt verächtlich. „Quatsch Mann, aber Renee muss ja nicht unbedingt eine Frau sein. Renee ist etwas, das man als Junge aus der Platte normalerweise nicht bekommt – und wenn man es dann plötzlich hat, wird es einem ganz schnell wieder weggenommen.“
Paul Würdig weiß, wovon er spricht: Früher lebte er in einer dieser häßlichen Plattenbausiedlungen, die Berlins bürgerlichen Kern umklammern wie ein angebrannter Speckmantel das saftige Rindermedaillon. Wer aus Hamburg-Blankenese oder München-Grünwald kommt, kennt meistens keinen aus der Platte. Und umgekehrt. Trotzdem – oder gerade deswegen – schaffte Paul es unter dem Namen Sido im Jahr 2004 auf Platz 13 der deutschen Charts. Das Video zur Single „Mein Block“, in dem der damals noch auffallend magere Rapper den Zuschauer durch die einheitsgrauen Hochhausschluchten seines Wohnblocks führt, lief auf den Musiksendern MTV und VIVA wochenlang auf Heavy Rotation. Sidos gerappte Hommage an seine Gegend, an das Märkische Viertel im Berliner Bezirk Reinickendorf, ließ ihn wie ein Hochhauslift in kurzer Zeit von ganz unten nach ganz oben schnellen.
Yeah, gutes Essen
„Ganz oben“ heißt heute Nachmittag in einen Konferenzraum im siebten Stock des Berliner Haupthauses der Universal Music Group. Gegenüber der neugebauten O2World-Arena an der Stralauer Allee sitzt das erfolgreichste der vier großen Major-Labels in einem roten Backsteingebäude direkt an der Spree. Universal ist die Plattenfirma mit dem weltweit größten Marktanteil am Musikgeschäft. Zum so genannten Urban Department, der Abteilung für Black-Music-Künstler, gehören internationale Superstars wie Snoop Dogg, die Black Eyed Peas, Busta Rhymes, Prince und Rihanna. Und seit Sidos Label Aggro Berlin mit Universal eine Kooperation eingegangen ist, auch er: Paul Würdig aus dem Märkischen Viertel.
Sido sitzt auf einem blauen Bürostuhl aus Holz und dreht sich hin und her. Die Wände sind mit roten Gardinen verdeckt. Erhellt wird das fensterlose Zimmer bloß durch die lange Wand aus Glasbausteinen, die diffuses Licht aus dem Nachbarraum hereinfallen läßt. Immerzu huschen Silhouetten auf der anderen Seite der Wand vorbei. Das Parkett knarzt. Doch will man sich beschweren? In der Platte gab es nur Linoleum und Teppich. Auf dem riesigen Tisch vor dem Rapper stehen unzählige Getränke in Flaschen: San Pellegrino, Coke Zero, Apfel- und Orangensaft. Durstig muss hier niemand bleiben. Daneben ein übergroßer Obstkorb mit Bananen, Kiwis und unnatürlich grünen Äpfeln. Doch Sidos Hauptaugenmerk liegt auf dem Teller unter seiner Nase: Currywurst mit Pommes. Er inhaliert den heißen Essensgeruch und zermatscht dann mit viel Körperkraft Würstchen, Pommes und Ketchup. Dabei stampft er mit seiner Gabel solange auf dem Teller herum, bis aus den drei Zutaten ein dicker, orangefarbener Brei geworden ist. Ein Messer braucht er nicht. Stattdessen hält er die Gabel links und schiebt sie immer wieder schwungvoll unter den Currymatsch, um das Essen dann in den Mund zu schaufeln. Je mehr er isst, desto tiefer hängt sein Kopf über dem Teller. „Yeah, gutes Essen“, kommentiert er und haut sich auf die kleine Wampe, die sich unter seinem T-Shirt abzeichnet.
Gutes Essen hatte Sido nicht immer. Als er noch Paul Würdig war, hatte er gar keins. Paul wuchs gemeinsam mit seiner Schwester bei der alleinerziehenden Mutter im Märkischen Viertel auf. Seinen Vater kennt Paul nicht. Er geht mit der Durchschnittsnote 4,7 von der Realschule ab und lebt auf der Straße, bevor er sich mit seinem Freund Bobby, der sich heute B-Tight nennt und ebenfalls hauptberuflich rappt, eine Wohnung im Wedding teilt, die immer kalt ist und deren Klo im Treppenhaus liegt . Ihr Alltag besteht aus „schlafen, essen, rauchen, wichsen“ – und Musik.
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