30.09.2008 - 19:00 Uhr

0 169 Über Twitter weiterempfehlen

Ich bin zu prüde für diese Welt

Text: yvonne-gamringer - Bild: dpa

Wir sollen Analsex ausprobieren. Wir sollen uns über Mösensäfte unterhalten. Wir sollen uns nicht so haben! Nur doof, wenn man merkt, dass man für all das ein klein wenig zu prüde ist

Neulich, es war eine dieser plötzlich erscheinenden und alles erhellenden Erkenntnisse, erkannte ich mit einem Mal: Ich bin prüde – durch und durch. An dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Diese Erkenntnis hat mein Selbstbild nachhaltig erschüttert. Bislang war ich nämlich davon ausgegangen, dass ich ein verhältnismäßig offener Mensch bin – auch in sexueller Hinsicht. Schließlich bin ich ein sexuelles Wesen und hatte und habe Sex. Schon öfter. Mit verschiedenen Partnern. Nicht immer nur im Bett, nicht immer nur in einer Dings, äh, Stellung. Ich kann auch verschiedene Namen für Geschlechtsteile aufzählen, ohne rot zu werden. Und natürlich weiß ich, dass meine Art Sex zu machen (die Hetero-Durchschnittsvariante), nicht die allein seligmachende ist. All das weiß ich, all das kann ich. Aber das genügt offensichtlich nicht, um als einigermaßen lockerer Mensch durch diese Zeit zu gehen.
Das hier sind Vibratoren. Sie heißen Paulchen und Fritzzz Dafür braucht es anscheinend mehr. Man sollte in der Lage sein, hoch gelobte Fernseh-Serien wie die eben angelaufenen „Californication“ super zu finden, auch wenn jedes zweite Wort in der unmöglichen Synchronfassung „Mösensaft“, „Möse“, „Ficken“ und – ganz schön harmlos - „Schwanz“ lautet. Als Frau sollte man am Besten mindestens einen Vibrator sein eigenen nennen und auch nicht so verdammt verklemmt damit umgehen, sondern den Besitz desselben stolz wie eine Monstranz vor sich hertragen. Man sollte gerne Pornos gucken. Und im lokalen Sexshop sollte man sich auch regelmäßig blicken lassen – jetzt, wo sie sich so viel Mühe geben, ihre Marketingstrategie auf Kundinnen auszurichten. Mit all dem kann ich nun aber leider nicht dienen. Nicht dass wir uns da falsch verstehen: Ich finde Frauen bewundernswert, die über ihre Vibratorensammlung so locker plaudern, wie andere über ihre DVD-Sammlung. Und wenn sie in ihrer Freizeit gerne in Sexshops gehen, dann applaudiere ich ihnen herzhaft zu ihrer Courage und ihrem proaktiven Umgang mit ihrer Sexualität. Finde ich gut, wirklich gut. Und wenn jemand gerne anderen Menschen beim Geschlechtsverkehr zusieht, weil ihn das ganz kitzelig macht, dann soll der das bitte tun. Nur: Ich selbst kann damit nicht dienen. Ich kann nicht in Sexshops gehen. Ich habe es wirklich versucht. Aber meine Angst ist viel zu groß, ich schäme mich vor potentiellen Mitkunden und am meisten Panik habe ich, aus dem Laden hinaus- und in einen entfernten Bekannten hineinzustolpern. Ich kann mich auch nicht dazu überwinden, Filme anzusehen, in denen andere Menschen unanständige Dinge miteinander unternehmen. Klar, ich weiß: Ist doch total natürlich, Sex macht jeder, auch deine Eltern.. Nachricht an alle Frauen: Probiert unbedingt Analsex Aber ich bevorzuge es, darüber hinwegzusehen und diesen Gedankenkomplex zu verdrängen. Dumm nur, dass Verdrängen nicht so gut geht, wenn ständig Meldungen im „Vermischten“ stehen, wie diese hier gestern: Die bislang als Disneyprinzessinnen-Darstellerin bekannte Schauspielerin Anne Hathaway gibt sich in einem demnächst erscheinenden Interview mit der Herrenzeitschrift Esquire ganz besonders freizügig und besingt die mannigfachen Vorteile von Analsex. „Jede Frau“, so Hathaway, „sollte es ausprobieren, will sie nicht etwas Großartiges verpassen.“ Durch die Anale Penetration habe sie sich ganz besonders weiblich gefühlt. Alles klar. Danke für die Information. Beziehungsweise: nicht. Nicht dass mich die Frau so wahnsinnig interessieren würde. Aber von nun an werde ich bei ihrem Anblick an Analsex denken und ihre direkte Aufforderung an mich und alle anderen Frauen dieser Erde, es ihr gleichzutun, geht mir – offengestanden – gehörig auf die Nerven. Ich habe als einer der wenigen Menschen in Deutschland darauf verzichtet, Charlotte Roches Meisterwerk „Feuchtgebiete“ zu lesen, weil ich mich mit Analfisteln nicht beschäftigen will. Obwohl ich es natürlich theoretisch toll finde, dass Roche mal so ganz nebenher ein ganzes Dutzend Tabus gebrochen hat. Theoretisch. Ich will auch nicht als Abo-Prämie für eine Frauenzeitschrift ein Sexspielzeug bekommen. Obwohl ich natürlich nachvollziehen kann, dass das als unangepasst daherkommende Botschaft verstanden werden soll für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. All diese Dinge finde ich theoretisch wirklich und wahrhaftig gut. Praktisch würde ich es vorziehen, nicht damit behelligt zu werden. Auch auf die Gefahr hin, weiterhin als ganz besonders prüde Person durchs Leben zu wandeln.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
yvonne-gamringer
Mehr Texte zum Label
MeineTheorie
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
169 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

Jollscherl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.10.2008 - 00:04 Uhr
Jollscherl

ich hab schon arg viele diskussionen über solche "ansichtssache"-themen geführt und gehört... und es kommt nie was dabei raus. was nicht heißt, dass es uninteressant wäre... da is dann wohl der weg das ziel.

rousseau
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.10.2008 - 00:09 Uhr
rousseau

Jollscherl sagte:
.. da is dann wohl der weg das ziel.


Zum Beispiel.

hooray
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.10.2008 - 06:27 Uhr
hooray

Och menno. Schon vorbei hier. Ich übrigens stülpe mich beim Sex immer auf links, Ihr puritanischen Kuschler!

@oxy: ud ja, xkcd rockt wie sau. Der grund, nach der Bar und und vor dem Bett (AV, klar) noch vor dem Rechner zu sein.

majia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

04.10.2008 - 22:30 Uhr
majia

wie? man ist prüde, nur weil man keinen vibrator hat und nicht regelmäßig im seyshop steht? aha.

pallypa
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.10.2008 - 13:33 Uhr
pallypa

meiner meinung nach geht die meinungsfreiheit auf diesem gebiet definitiv zu weit. ich finde es auch gut, dass heutzutage jeder machen kann, was er will, solange es sich in legalem rahmen bewegt.
was aber völlig asozial daherkommt, ist dieser wahn jede und jeden mit seinen persönlichen oder öffentlich vertretenen wahrheiten über sex zuzuknallen.
schön, dass ihr alle immer geil seid, immer auf dem sprung zum vö***.
aber behaltet eure tipps und eure praktiken für euch, weil ihr nicht alleine auf der welt seid und rücksichtnehmen zum menschsein dazugehört.

Infamita
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.10.2008 - 10:49 Uhr
Infamita

tüchtig tapfer sittsam

sagt der duden zu "prüde"

das du das bist, glaub ich gern.

andere sagen daß wer prüde ist, mit "sex nix am hut hat"
na ja, das glaub ich jetzt weniger-

ich kann verstehen daß die öffentliche erörterung sexueller themen incl. ratschlägen wie/wo/warum/womit/wohinein... etc. nervt,
aber darüber sooo viel darüber schreiben, nein, also selbst wenn man reizende themen sucht - versteh ich net so ganz.

das ist an sich schon wenig "sittsam..." ich würde nicht darauf eingehen, was ich gerne in meinen körperhöhlen - oder ganz allgemein - sähe und was nicht, das geht absolut niemanden was an.
oder ob ich gerne drüber reden würde.

oder ist es ein akt der befreiung, das zu tun...?

meint

roberto

soeri
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.10.2008 - 20:23 Uhr
soeri

Ich sah nach dem 2. Absatz keinen Grund, den Artikel zu Ende zu lesen. Jeder soll schauen, was er will - Artikel darüber zu verfassen ist doch nicht viel langweiliger als jede "hippe" Fernsehserie à la L-Word etc.

davidt1
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.10.2008 - 04:56 Uhr
davidt1

Ich finde Deine Meinung absolut vertretbar. Jedem das seine.
Trotzdem denke ich, das eine Abweichung von der "Durchschnittsvariante" eine Bereicherung für denjenigen sein kann der sie zulässt. Wenn Du mit Deinem "prüde sein am Ende Deiner persönlichen sexuellen Entwicklung angelangt bist, müsstest Du glaube ich nicht so ausführlich darüber schreiben...

verliebmich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.01.2010 - 18:46 Uhr
verliebmich

Ich finde nicht, dass der text informationsleer ist.
Wir werden wirklich oft mit solchen Themen konfrontiert und es ist wie eine Art Druck, der man ausgesetzt wird. Netürlich müssen wir uns dem nicht beugen, aber es nervt!

Zurück Seite 1 ... 15 16 17

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

yvonne-gamringer offline

yvonne-gamringer

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.