Ohne meinen Bruder
Der eine brät Burger am Stachus, der andere wäscht sein T-Shirt im Mittelmeer: Wie Petrus und Ziyad von Bagdad nach München flüchteten – und sich dann verloren
V. Der Fehler Zwei Monate verbringen die Brüder nach ihrer Ankunft im Münchner Gefängnis Stadelheim. Zweimal im Monat darf ihre Schwester sie für eine halbe Stunde besuchen. Dann bringt man Ziyad und Petrus in ein Heim nach Karlsruhe und schließlich in ein Auffanglager im baden-württembergischen Sigmaringen. Die ganzen Monate über sind die beiden Brüder zusammen. Die Zeit ist hart, doch die Hoffnung trägt. Bis zum Morgen des 25. März. Um sechs Uhr früh reißen Polizeibeamte Ziyad aus dem Schlaf. Sie legen ihm Handschellen an und bringen ihn zum Flughafen. Sie setzen ihn in ein Flugzeug. Die Maschine landet in Athen. Dort steckt ihn die griechische Polizei für eine Woche ins Gefängnis. Dann wird er nur mit einem roten Papier auf die Straße entlassen. Es ist Ziyads einziges Dokument. Er hat keinen Ausweis, keinen Pass, er besitzt nichts außer diesem roten Papier, von dem er nicht weiß, was es bedeutet. Unter Tränen ruft er seine Schwester an. Er will wissen, wieso er in ein Land gebracht worden ist, das er nicht kennt. Wieso ist er alleine? Wieso kann Petrus in Deutschland bleiben? Was soll er tun? Abir weiß es nicht. Niemand weiß es, weil es einen Punkt in dieser Geschichte gibt, den niemand erklären kann. Auch nicht Christoph Unrath, der Anwalt der Familie. Seine Kanzlei in der Brienner Straße wird oft von irakischen Flüchtlingen aufgesucht. An die 1000 irakische Klienten hat er schon vertreten. Er sagt: „Es tut mir leid, rechtlich sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft.“ Er sagt dies, als ob er sich entschuldigen wolle, dafür dass er nicht emotionaler reagiert. Dabei ist Vernunft das einzige, was helfen kann. „Bis zu einem Punkt lief alles korrekt ab. Und dieser Punkt lässt sich nicht mehr aufklären.“ Er erzählt die Geschichte noch einmal von vorn: Anfang 2008 stellen die deutschen Behörden eine Anfrage an Griechenland. Es geht um das Asylverfahren der beiden Brüder Ziyad Rifaat, 24, und Petrus Rifaat, 21, die angeblich mit einem Flugzeug aus Athen nach München kamen. Sie fragen die griechischen Behörden: Sind diese zwei Personen in Griechenland bekannt? Sind sie bekannt, ist eindeutig, dass sie über ein sicheres Drittland nach Deutschland gelangt sind. In diesem Fall ist Griechenland für das Asylverfahren zuständig und beide Brüder werden nach Athen gebracht. Sind sie in Griechenland unbekannt wird das Asylverfahren in Deutschland eröffnet. Zwei Monate vergehen, dann antwortet Griechenland: Petrus Rifaat ist den Behörden nicht bekannt. Deutschland ist für seinen Asylantrag zuständig. Die Anfrage für seinen Bruder Ziyad Rifaat bleibt unbeantwortet. Wenige Tage später wird Ziyad abgeholt und nach Athen gebracht. Petrus bleibt in Deutschland – obwohl beide Brüder auf exakt demselben Wege nach Deutschland gekommen sind. Wie diese Entscheidung zustande gekommen ist, bleibt unerklärlich. Vielleicht hat der zuständige Beamte in Griechenland geschlampt und ein Schriftstück ist versehentlich im Papierkorb gelandet. Vielleicht hat er einen Antrag bearbeitet und ist anschließend in den Urlaub gefahren. Manchmal verursachen kleine Fehler großes Unglück. VI. Die rote Karte Ziyad sitzt auf einem Hügel am Fuße der Akropolis. Nach zwei Stunden Fußmarsch hat er endlich innegehalten. Es wimmelt von deutschen, polnischen und spanischen Touristen, die von dort aus den Parthenon fotografieren. Für Ziyad sind es alte Steine. Er liest im einzigen Buch, das er bei sich trägt, der Bibel. Seit Ziyad in Athen lebt, ist er alleine. Oft spricht er tagelang kein Wort. Der einzige Höhepunkt am Tag ist das Telefonat mit seiner Familie in Deutschland. Sein rechtes Bein ist geschwollen. Eine Infektion noch von der Flucht aus dem Irak. Vor der Abschiebung konnte ihn das Bein aber nicht bewahren. Jetzt schwelt die Infektion vor sich hin. Am 30. September wird auch das einzige Dokument, das Ziyad besitzt, seine Gültigkeit verlieren. Die „Rote Karte“, mit der er sich ausweisen kann, läuft an diesem Tag aus. Noch besagt sie, dass sein Asylverfahren in Bearbeitung ist. Ziyad könnte sich die Karte verlängern lassen. Aber dazu müsste ihm jemand sagen, zu welchem Amt er gehen muss und was er dort tun muss. Vor allem müsste jemand Ziyad erklären, wozu er all das tun soll. Um länger in einem Land bleiben zu können, in dem er gar nicht sein will? „Vor der Behörde“, sagte Georgos Maniatis, „warten täglich 500, 600 Menschen. 40 von ihnen gelangen hinein. Wer seine „Rote Karte“ verlängern lassen will, muss an den richtigen Stellen Geld bezahlen.“ Greift ihn die Polizei ohne dieses Papier auf, meint Georgos, kann sie ihn theoretisch bis zu drei Monate festhalten. Oder ihn in den Irak zurückbringen. Ziyad ist immer alleine. Fragt man ihn, warum er keine Freunde hat, warum er niemanden kennenlernt, andere Iraker zum Beispiel, antwortet er: „Wozu? Ich will hier nicht bleiben. Ich will zu meiner Familie nach München.“ Dann packt er seinen Rucksack und geht durch die Straßen Athens, bis er müde wird. Wie jeden Tag, seitdem man ihn in diese Stadt gebracht hat.- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
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