18 18 Kommentare | 0 keine Lesenswertpunkte | jetztgedruckt |

Macht

| 29.09.2008 19:00  

Ohne meinen Bruder

Text: philipp-mattheis  Fotos: Holly Pickett
  Seite 1  
Der eine brät Burger am Stachus, der andere wäscht sein T-Shirt im Mittelmeer: Wie Petrus und Ziyad von Bagdad nach München flüchteten – und sich dann verloren
I. Athen
Immer dann wenn die Stimmen der Betrunkenen lauter werden, öffnet Ziyad Rifaat kurz die Augen, zieht seine wenigen Habseligkeiten näher an sich und nickt wieder ein. Noch friert er nicht. Noch sind die Nächte Athens warm genug, um draußen in den Parks ein paar Stunden leichten Schlaf finden zu können. Gegen 8 Uhr beenden der Lärm der Motoren und die Wärme der Morgensonne den Schlaf des 24-jährigen Irakers. Ein bisschen Wasser genügt ihm als Frühstück. Ziyad nimmt einen Schluck aus der kleinen Plastikflasche und fährt sich mit der Hand zweimal kurz über sein Gesicht. Sein Blick ist müde. Ziyad streicht seine dunklen, lockigen Haare zurück und setzt sein Baseballcap mit dem griechischen Schriftzug auf. Er schultert seinen Rucksack und geht los. Ziyad geht den ganzen Tag. Morgens aus Zeitvertreib, abends um müde genug zu werden, um im Park ein paar Stunden Schlaf zu finden. Meistens ist es drei, oder vier Uhr, bis er einschläft. Fünf Stunden später ist er wieder auf den Beinen. Einmal in der Woche fährt er ans Meer, um dort seine wenigen Kleidungsstücke im Salzwasser zu waschen. Ziyad ist abgemagert. Mit dem wenigen Geld, das ihm seine Familie schickt, kann er sich zwar etwas zu Essen kaufen. Doch Ziyad hat keinen Appetit. Wie Rilkes Panther läuft er durch Athen. Ziellos, immer im Kreis, als ob es „tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“.
Seit einem halben Jahr übernachtet er in den Parks von Athen. Ab und zu pöbeln ihn Besoffene an, dann geht Ziyad weg. Ab und zu hält ihn die Polizei auf, dann nimmt sie Ziyad mit. „Malaka“, nennen sie ihn und stecken ihn für drei Tage ins Gefängnis. Dann schicken sie ihn wieder zurück auf die Straße. „Malaka“ ist das einzige griechische Wort, das Ziyad in einem halben Jahr gelernt hat. Es bedeutet „Arschloch“.
Vor einem Jahr verließ er das todbringende Bagdad und floh mit seinem Bruder nach Deutschland. Vor einem halben Jahr brachte ihn die deutsche Polizei ohne seinen Bruder nach Griechenland. In ein Land, dessen Sprache er nicht spricht und in dem er nie sein wollte.
Warum Ziyad hier ist, liegt an einem Gesetz, dem Dublin-II-Abkommen. Warum aber Ziyad in Griechenland ist und sein Bruder Petrus in München bei McDonalds am Stachus Burger brät, liegt an einem kleinen Fehler, der irgendwo in den Weiten der europäischen Bürokratie begangen wurde. Dies ist die Geschichte zweier Brüder und eines kleinen Fehlers, der zu einer großen Tragödie wurde.

II. München
Ziyads Bruder Petrus hat es geschafft. Der 21-Jährige sitzt auf der Couch bei seiner Schwester Abir im Münchner Westend. Die Wohnung ist sauber, im Fernsehen laufen arabische Cartoons. Mario, der dreijährige Sohn von Abir, spielt mit Popcorn. Im Wohnzimmer steht ein kleiner Altar mit einem Jesus-Bild in Pastellfarben, davor mehrere Kerzen. Was für deutsche Augen kitschig wirkt, erzeugt Geborgenheit für solche Augen, die dem Tod ein Schnippchen geschlagen haben. Jeden Sonntag besucht die Familie gemeinsam einen christlichen Gottesdienst in der Mariahilfkirche, der auf Arabisch und Aramäisch gehalten ist. Vor ein paar Tagen verließ Petrus das Asylbewerberheim in Sigmaringen und zog endlich zu seiner Schwester nach München. In seinen Augen leuchtet das Glück des Überlebenden, das all den einfachen Dingen des Alltags Glanz verleiht. Petrus spricht noch immer kein Deutsch, doch er lacht, als er aus dem Mund seiner Schwester das Wort „McDonalds“ hört. Morgen beginnt sein erster Arbeitstag. Er brät Burger für sieben Euro die Stunde, 40 Stunden in der Woche. Knapp 900 Euro bringt ihm das im Monat, nicht viel Geld, um in München zu leben. Sehr viel Geld, wenn man das letzte Jahr im Gefängnis und im Heim verbracht hat. Noch mehr, wenn man sein Leben lang für ein paar Euro am Tag in einem Bagdader Cafe bedient hat. Petrus wird Deutsch lernen und bald seine eigene kleine Wohnung beziehen.
Doch wenn er den Namen „Ziyad“ hört, erstarrt sein Grinsen und seine Augen werden leer. Petrus und seine Schwester Abir telefonieren jeden Tag mit Ziyad. Er schreibt ihnen eine SMS oder lässt kurz anklingeln, dann rufen sie ihn an. Abir beginnt zu weinen, wenn sie von Ziyad erzählt. Im Irak hatte sie als ältestes von sieben Kindern die beiden Brüder groß gezogen. Dann floh sie vor dem Regime Saddam Husseins nach Deutschland. Zehn Jahre vergingen, bis sie die beiden schließlich wieder sah – im Münchner Gefängnis Stadelheim.

Auf der nächsten Seite: Wie Ziyad und Petrus' Flucht verlief
zurück
erste Seite (inaktiv) einen Block zurück (inaktiv)
1 2 3
einen Block weiter (inaktiv) letzte Seite
weiter


Dieser Text von jetzt.de ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen: hier klicken!
Textoptionen
Mehr Texte Mehr Texte von philipp-mattheis
-----
Lesenswert Diesem Text einen Lesenswertpunkt geben
Abonnieren Abonnieren: Kommentare oder Texte von philipp-mattheis
-----
Kommentare
Kommentar schreiben:


+ -
Kommentar >> speichern

 
RSS Newsfeed
-----