19.09.2008 - 19:00 Uhr

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Machen wir nur wegen der Karriere Freiwilligendienst?

Text: hannes-kerber - Foto: weltwaerts.de

Mehrere Medien fragen in jüngster Zeit, was uns treibt, uns in der Entwicklungshilfe zu engagieren? Ist es Egoismus? Ein paar Gedanken über die neuen "Internationalisten"

Im Mai hatte sich schon das SZ-Magazin über Egotrips ins Elend beschwert. Und jetzt eben "Die Zeit". Als Ziel fest fixiert ist die „Bewegung der neuen Internationalisten“, das „Lebensgefühl NGO“ – junge Freiwillige also, die zum Helfen in die Dritte Welt gehen. „Dient es dem Guten – oder bloß der Karriere?“, fragt Rudolf Novotny in der aktuellen Ausgabe der "Zeit". Zumindest der alte Immanuel Kant würde sich an der Debatte erfreuen. Der sagt, etwas vereinfacht: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu! (Und andersherum.) Er behauptet weiterhin, wichtiger für die Debatte: Wenn du Gutes ungern tust, ist das um so besser! Und: Schande über den, der etwas davon hat, dass er anderen hilft! Die neuen Internationalisten versuchen, so meint es Rudolf Novotny erkannt zu haben, Karriere und Helfen zu vereinen – und das treibe sie hordenweiße in die Dritte Welt.
Angenommen, Karrieregeilheit wäre der vornehmste Beweggrund, der freiwillige Helfer motiviert, Zeit, Geld und Energie zur Verfügung zu stellen: Was wäre so schlimm daran? Organisationen in der Dritten Welt, die junge Karrieristen benötigen, erhalten diese. Junge Karrieristen erhalten ein Abenteuer für den Lebenslauf. Unternehmen erhalten junge Karrieristen mit Fremdsprachen- und Auslandserfahrung. Außer einem Gefühl im Bauch, das dem, der gegen seinen Willen anderen hilft, mehr Ehre einräumen möchte als einem neuen Internationalisten, bleibt nicht viel. Eine andere Frage stellt sich aber: Sind die neuen Internationalisten die „traurigen Streber“, über die sich "Die Zeit" Ende August ereiferte? Unpolitisch und inkonsequent sollen sie sein, die neuen Internationalisten. Und „pragmatisch bis zum Opportunismus“, dazu noch – jetzt kommt’s! - „unideologisch“ und „global.“ Die traurigen Streber sind zudem charakterlos und unpolitisch und auf dem besten Wege, die nächsten Haifische des Großkapitals zu werden: Sie wollen „an der Spitze jener Hackordnung stehen, die für das Leben gehalten wird.“ Diese Kritik scheint zu treffen, denn ein Haifisch bleibt ein Haifisch, auch wenn man’s nicht allzu gut beweisen kann. Und was die traurige strebsame Jugend der Nullerjahre vor allem nicht ist: Sie ist nicht die aufbegehrende Jugend von Achtundsechzig. Der Wille zur Macht hat den Willen zum politischen Handeln ersetzt, die Visionen sind wohl auf der Strecke geblieben. An dieser Stelle muss man fragen: Wie passt das mit den neuen Internationalisten und ihrem „Lebensgefühl NGO“ zusammen? Mit dem „vielleicht etwas naiven Glauben an eine bessere Welt“, den Rudolf Novotny bei ihnen erkennt? Vielleicht gibt es ja doch zwei Jugenden? Novotny schreibt aber, dass der heutige Idealismus die Internationalisten an die Seite des Staates treibe: Der „kreative Elan (reicht) aber offensichtlich nur bis zum Ausfüllen der Bewerbung für ein Regierungsprogramm.“ Gemeint ist unter anderem weltwärts, der noch junge Freiwilligendienst der Bundesregierung, der größte dieser Art in Europa. Er bezuschusst Entsendeorganisationen, damit Freiwillige gut organisiert, ordentlich versichert und dazu kostenfrei in die Dritte Welt fahren können, um zu helfen. Novotny aber zitiert den Einwand eines Berliner Studenten, auch ein ehemaliger Freiwilliger: „Früher war Entwicklungshilfe ein Abenteuer, heute vereint sie drei reizvolle Aspekte: Sinnstiftung, Weltgewandtheit und die Sicherheit einer bürgerlichen Karriere.“ Mag ja sein. Aber was bitte wäre so schlimm daran?


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sagmalschnellnennamen
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Mag ich Mag ich nicht

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26.01.2011 - 02:57 Uhr
sagmalschnellnennamen

So, nun sind so 2,5 Jahre vergangen, ich hoffe Die Zeit denkt jetzt nicht mehr so einen Stuss. Im Spiegel war vor Kurzem ein Artikel über weltwärts. Das Programm wurde da auch ziemlich verrissen und der Artikel war nicht ausreichend recherchiert, aber in einigen Punkten stimmte es zumindest.

Ich bin auch gerade mit weltwärts unterwegs und kann euch sagen, dass ich bei einigen Freiwilligen hier wirklich das Gefühl hab, dass die Steuergelder da zum Fenster rausgeschmissen wurden (deren Einstellung: Ich bin hier der King, ich erfreue mich am niedrigen Preisniveau scheiß auf meine Arbeit hier).
Jedoch weiß ich spätestens seit dem Vorbereitungsseminar in Deutschland (und das war thematisch recht anspruchsvoll und ziemlich vollgestopft), dass der allergrößte Teil der Freiwilligen mit dem Willen geht, im Land Gutes zu tun. Die Leute waren ganz geschockt und bekamen ein schlechtes Gewissen, als sie hörten, dass sie keinesfalls Entwicklungshelfer werden sondern einfach nur im Ausland arbeiten werden und viel viel mehr bekommen als sie geben.
Es läuft auch offiziell nicht unter Entwicklungshilfe, die Regierung erhofft sich von der ganzen Sache einfach, dass die Freiwilligen sog. "Interkulturelle Kompetenzen" erlangen und nach Deutschland bringen.

Viele haben es auch zumindest Phasenweise ziemlich schwer im Ausland. Wenn man aus "niederen Beweggründen" wie Karrieregeilheit im Ausland ist, hält man das meiner Meinung nach gar nicht oder nur sehr schwer aus. Man muss schon bereit sein und es muss einem am Herzen liegen, dass man die fremde Kultur animmt und eben auch mal in einer klapprigen Hütte schlafen, in der es Ratten gibt (und das sag ich jetzt nicht um es zu überspitzen, das ist wirklich so). Als Karrieregeile würde ich mir dann schon lieber ein schickes Praktikum in New York suchen, um meinen Lebenslauf zu pimpen.

Ob weltwärts nun von Steuergeldern bezahlt werden sollte oder nicht, das weiß ich selbst nicht genau.
Aber es ist auf jeden Fall einfach unfair und viel zu schnell beurteilt, wenn man allen Freiwilligen vorwirft, dass sie einfach nur einen Egotrip starten wollen (und diese Vorwürfe kommen ja zumeist sogar von Leuten, die sich mit dem Thema nicht mal wirklich beschäftigt haben, geschweigedenn in die Struktur von weltwärts geblickt haben und mal Freiwillige getroffen und sich mit ihnen über ihre Beweggründe unterhalten haben).

Fahrtrichtung
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Mag ich Mag ich nicht

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11.08.2011 - 12:00 Uhr
Fahrtrichtung

Dass generell nichts schlecht daran ist, wenn an einem bestimmten Arrangement, was auf Hilfe ausgelegt ist, am Ende nicht nur der Bedürftige, sondern auch der Helfende was hat, das bestreitet doch überhaupt niemand. Die Kritik, die hier mit der Frage "Was ist so schlimm daran?" zurückgewiesen wird, ziehlt doch eigentlich auf etwas anderes ab. Der Artikel "Egotrips ins Elend" hinterfragt vielmehr die entwicklungspolitische Ausrichtung der Bundesregierung. Und das völlig zu Recht! Es macht nämlich tatsächlich wenig Sinn, dass Deutsche in Entwicklungsländer geschickt werden, wenn das Geld gleichzeitig in professionelle langfristig ausgerichtete Beratung sowie Beschäftigung lokaler Arbeitskräfte investiert werden könnte. Damit ist allen mehr gedient. Die jungen Deutschen, die den Kick und das soziale Engagement suchen, werden hier dringend in Pflege- und Sozialstationen gebraucht, Altenpflege, Tafel, Kinderbetreuung, Nachhilfe, etc. Das gibts hier auch. Halt nicht exotisch.
Und die derzeitige Entwicklungspolitik der BRD ist durchaus mal zu hinterfragen.

Dass man als Individuum Spaß daran haben kann, weit zu reisen, Kulturen kennen zu lernen und nebenbei auch noch eine sinnvolle Aufgabe zu haben, kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Ausland, Freiwilligenarbeit, Praktikum bei den relevanten NGOs - hab ich selbst alles auch gemacht. Aber das muss ja nicht von der Bundesregierung finanziert werden. Und dass Argument Gerechtigkeit und Changengleichheit (es sollten ja schon alle die Möglichkeit haben, zu gehen) finde ich ein bisschen überzogen in diesem Kontext. Da brauchen wir erstmal Chancengleichheit an ganz anderen Stellen.

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