Der Aufstand der Gesichtslosen
Ihr tragt auf den Demonstrationen alle dieselbe Maske, um anonym zu bleiben. Wessen Gesicht ist das eigentlich?Anon1: Das ist Guy Fawkes. Bekannt aus dem Film „V wie Vendetta“, in der der Protagonist gegen ein totalitäres System kämpft und genau diese Maske trägt.
Anon2: Aber das ist auch persönliche Interpretation. Es gibt bei uns auch andere Masken. Ziel ist es eben, anonym bleiben zu können.
Verstoßt ihr damit nicht gegen das Vermummungsverbot?
Anon1: Das ist kein Problem. Wir geben unsere Identitäten vorher bei der Polizei bekannt und die löscht sie nach der Demo wieder.
Anon2: Wir möchten unsere Identität ja nicht vor der Polizei oder dem Staat schützen, sondern vor Scientology.
Mittlerweile kommen auch Scientology-Aussteiger zu den Demonstrationen.
Anon2: Für die ist die Anonymität besonders wichtig: Scientology hat in der Vergangenheit oft Rufmord-Kampagnen gegen Kritiker gestartet. Außerdem haben manche Familienmitglieder in der Organisation, die dann unter Druck gesetzt werden können.
Seit Anfang dieses Jahres protestiert Anonymous weltweit monatlich gegen Scientology. Wie lange wollt ihr das machen? Gibt es ein Ziel?
Anon1: Wir wollen Leute über Scientology informieren.
Anon2: Letztlich ist es eine persönliche Sache des Einzelnen. Aus der Protestbewegung hat sich mittlerweile ein Verein „marcab e.V.“ gebildet, der Aussteiger unterstützt. Andere verwalten unsere Internetportale, machen Übersetzungsarbeit oder kümmern sich um die PR. Das ist ganz unterschiedlich.
Ist die Anonymous-Bewegung per se gegen Scientology? Würdet ihr auch gegen andere Art von Zensur protestieren?
Anon2: Vor allem richten wir uns gegen Internetzensur und sind für eine freie Informationsverbreitung. Das Projekt „Chanology“ richtet sich aber ausschließlich gegen Scientology.
Anon1: Anonymous selbst bedeutet nichts anderes als Anonymität im Internet. Niemand kann beurteilen, wohin sich das entwickeln wird.
Steckt darin nicht auch großes negatives Potenzial? Angeblich sollen auch Myspace-Seiten von Schwulen und „Emos“ von Anonymous gehackt worden sein. . .
Anon1: Unter „anonym“ kann sich jeder verstecken. Das ist es ja. Es gibt nicht die Leute von Anonymous.
Anon2: Das lässt sich einfach nicht festmachen. Scientology hatte im März eine Liste mit so genannten „Hate Crimes“ von Anonymous veröffentlicht. Das ist absurd!
Anon1: Es gibt auch keine Anonymous-Organisation.
Anon2: Wir sind ja keine Gruppierung.
Klingt ein bisschen paradox. . .
Anon1: Einen Minimalkonsens gibt es. Aber es kann immer passieren, dass Leute die Anonymität ausnutzen. Wir befassen uns mit Scientology. Also wird wohl kaum jemand aus unserer Protestbewegung Myspace-Seiten verunstalten.
Anon2: Unser Protest richtet sich im Übrigen auch nicht gegen den Glauben der Scientologen, sondern gegen die Scientology-Organisation und ihre fragwürdigen Praktiken. Glauben kann jeder, was er will, solange er niemand schadet.
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