28.08.2008 - 19:00 Uhr

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Das Leben als Kokosnuss

Text: philipp-mattheis - Illustrationen: Jakob Wakolbinger

Jens Jessen beklagt in der Wochenzeitung DIE ZEIT die Angepasstheit der heutigen Jugend. jetzt.de findet: Jessen hat Recht!

Angestrichen:

„Aber heute? Manches wird von Hochschulen und Unternehmen der Jugend vorgeworfen, mangelnde Bildung, Disziplin, Durchhaltevermögen, aber niemals: Aufsässigkeit. Und wie auch? Die Praktikanten und Berufsanfänger akzeptieren bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis. (…)
Man kann in dumpfes Brüten verfallen über die eingereichten Lebensläufe von Hochschulabsolventen, die tatsächlich alles enthalten, was heute gerne verlangt wird, Auslandsaufenthalte, soziale Hilfsdienste, Berufspraktika ohne Zahl, EDV- und Sprachkenntnisse. Sie enthalten nur eines nicht, können es auch gar nicht enthalten: persönliche Wege und Umwege zum Glück, denn für Selbstfindungen ist keine Zeit.“


Wo steht das?
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Der Artikel heißt: „Die traurigen Streber. Wo sind Kritik und Protest der Jugend geblieben? Angst vor der Zukunft hat eine ganze Generation entmutigt.“ Geschrieben hat ihn Jens Jessen.


Ich finde: Jens Jessen ist ein ganz großartiger Journalist. Er spricht auch unpopuläre Dinge aus. Als halb Deutschland über die U-Bahnschläger schimpfte, sagte Jessen: Die Rentner in Deutschland sind auch nicht so toll. Deutsche Rentner sind Besserwisser, außerdem rechthaberisch, autoritär und latent nazi. Wer jetzt sagt: Fiese Pauschalisierung!, der soll mal bitte mit dem Fahrrad über den Münchner Marienplatz fahren. Nach spätestens 30 Sekunden, wenn drei klapprige Damen und Herren mit Stöcken auf das eigene Rad einschlagen und dabei „Fußgängerzone!“ schreien, weiß man wieder, wie einst das Böse in dieses Land kam. Jessen hat das sofort erkannt.

Man könnte meinen, Jessen, 1955 geboren, sei ein Freund der Jugend. So wie der nette Deutsch- und Geschichtslehrer, der, selbst zwar schon jenseits der 50, heimlich mit den 16-Jährigen auf dem Schulhof eine durchzieht und mit ihnen dann zusammen auf eine Anti-Nazi-Demo geht.

Vielleicht war Jessen mal so einer. Dann hat er aber irgendwann gemerkt, dass keiner der 16-Jährigen Bock auf Demo hat und Rauchen gar nicht mehr so cool ist. Das hat ihn geärgert und jetzt schreibt er: Die Jugend von heute ist langweilig. Alle denken nur noch an das berufliche Fortkommen, jeder macht ständig etwas für den Lebenslauf, niemand hängt einfach nur ab und fährt nach Indien. Schuld daran, so Jessen, hat aber auch ein bisschen die Gesellschaft und die Globalisierung. Die machen einerseits Druck, geben andererseits aber auch keine richtigen Feindbilder ab, gegen die man rebellieren müsste.



Ich muss sagen: Jessen hat schon wieder recht! Nehmen wir zum Beispiel mich selbst: Ich arbeite sehr viel, demonstriere nicht und bin oft langweilig. Ich bin fast 30 und habe noch nie LSD genommen. Stattdessen habe ich zwei Bücher darüber gelesen: „LSD – mein Sorgenkind“ von Albert Hofmann und „Die Pforten der Wahrnehmung“ von Aldous Huxley. Vor allem das von Hofmann kann ich sehr empfehlen. Man erfährt wirklich alles über LSD und den richtigen Umgang mit. Seitdem ich alles darüber weiß, finde ich LSD auch ein bisschen langweilig. Hippie-Shit ist es sowieso.

Außerdem habe ich Angst davor hängenzubleiben. Ich habe von Leuten gehört, die sich für eine Kuh hielten und nur noch „Muh“-Laute von sich gaben. Ein anderer dachte nach einem LSD-Trip, er sei eine Kokosnuss und treibe auf dem Meer. Wenn mir das passiert – was soll ich dann in meinen Lebenslauf schreiben?
Etwa:
2008 – 2013: Reise durch den Indischen Ozean im Bewusstsein, eine Kokosnuss zu sein“?

Mit so einem Lebenslauf wird heute doch niemand mehr eingestellt. In der Zeit als Kokosnuss ist man vollkommen raus aus dem Berufsleben. Man hat die SAP- und Excel-Kenntnisse verlernt, hat keine Ahnung von den aktuellen Kommunikationsmodulen und wird ganz sicher eine ziemliche Underperformance hinlegen. Von den Social Skills mal ganz zu schweigen. Als Kokosnuss braucht man das alles nicht. Kokosnüssen ist ja alles egal. Die lassen sich nur treiben.

Nächste Woche wird Manuel J. Hartung, der Chefredakteur von ZEIT Campus, eine Replik auf Jens Jessen schreiben. Darin wird dann irgendwas von Klimawandel und bewusstem Konsum stehen, dass die Wahlbeteiligung unter Jugendlichen gar nicht so niedrig ist und sich total viele im Internet gegen den Überwachungsstaat engagieren. Der Text wird stinklangweilig sein. Warum?

Hartung ist zwei Jahre jünger als ich. Hartung war Schülersprecher, dann auf der Journalistenschule, hat in Bonn und New York studiert, ein Buch geschrieben und sitzt in einem Think Tank. So jemand kann sich gar nicht für eine Kokosnuss halten.


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MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

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28.08.2008 - 23:44 Uhr
MorbusBahlsen

Die Ritter der Kokosnuss übernehmen das Boot! ;)

marquez
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Mag ich Mag ich nicht

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28.08.2008 - 23:49 Uhr
marquez

misscellaneous, gut, dass du uns die welt erklärst. danke, jetzt kann ich ja beruhigt schlafen.

MissCellaneous
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Mag ich Mag ich nicht

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28.08.2008 - 23:58 Uhr
MissCellaneous

@MB: monthy pyton ist lustig. die suche nach dem heiligen gral war ja auch eine reise. haha.

@marquez: musst ja nicht alles so ernst nehmen. aber trotzdem vieln dank für die indirekten blumen. ich stell die aber nicht ins wasser. schon morgen muss ich mich ja in dieser grausamen welt wieder aufs neue beweisen. oder was meinst du? dann schon aml einen gute nacht ohne böse riesterrententräume, sondern mit ganz viel karibikhängematten wünsch ich dir!

hinez
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29.08.2008 - 00:41 Uhr
hinez

Ich finde der Mann hat völlig recht. Meckernde Nazi-Opas haben ALLE de Tod verdient. Lasst uns ein Progrom starten.

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29.08.2008 - 00:42 Uhr
hinez

Das soll natürlich "den" heißen, und nicht "de".

Little_Joe
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29.08.2008 - 01:34 Uhr
Little_Joe

Ich glaube, dass man unterscheiden muss zwischen der verherrlichten 68er Generation und uns. Es gibt meiner Meinung nach viele Dinge, gegen die wir uns auflehnen: Irak-Krieg, G8-Gipfel, Studiengebühren. Mit mehr oder weniger Erfolg, aber bestimmt einem ähnlichen Prozentsatz an nicht teilnehmenden wie damals. Warum sollte ich mich gegen meine Elterngeneration auflehnen oder gegen ein Establishment, das mir soweit ich die Erfahrung gemacht habe relativ aufmerksam zuhört und mir alle Möglichkeiten gibt. So kann ich mir eben gezielt Gedanken über das machen, was wichtig ist anstatt einfach nur dagegen zu sein.

MorbusBahlsen
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29.08.2008 - 01:41 Uhr
MorbusBahlsen

Ja genau, wo war denn das beinahe blinde dagegen!"> in den Jahren vor 68? Denn die dienen ja hier eindeutig als Referenzmaßstab.

hollapolla
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29.08.2008 - 02:00 Uhr
hollapolla

Morgen geh ich auf die Strasse und demonstrier gegen die lasche Jugend.

QuoteTheRaven
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Mag ich Mag ich nicht

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29.08.2008 - 07:16 Uhr
QuoteTheRaven

ersmal: ich finde jessen schrecklich.

zum thema: ja, das gefuehl, dass die heutige jugend um einiges angepasster ist als sie frueher war stellt sich ein. leider ist es nur sehr schwer moeglich hier vergleiche anzustellen. eine moeglichkeit bietet der shell-jugendbericht.

soweit ich es a) aus der praxis und b) aus der theorie sagen kann: die normalisierung der gesellschaft schreitet stetig voran. das haben wir mit unserer grossen begeisterung fuer den neoliberalismus (dem grossen gleichmacher) zu verdanken. wer sich jetzt beschwert sollte ich erstmal klar machen, dass wir zur zeit das serviert bekommen was in den letzten 20-25 jahren gekocht wurde. jessen waere der erste, der laut flennen wuerde wenn sich mal wieder eine jugendbewegung bilden wuerde die einfluss auf die grundlegenden struktur der gesellschaft nimmt. fuck the system, aber nur ein bisschen ...

kleinevroni
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Mag ich Mag ich nicht

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29.08.2008 - 08:05 Uhr
kleinevroni

Vielleicht ist angepasst das neue lässig.
Ich will nicht auf Demos zerdrückt und mit Bier begossen werden. Dafür gibt es schließlich Volksfeste und die machen sogar Spaß.
Ich will mit gutem Gewissen (nach getaner Arbeit) gemütlich auf der Couch rumfläzen.

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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.