Das Leben als Kokosnuss
Jens Jessen beklagt in der Wochenzeitung DIE ZEIT die Angepasstheit der heutigen Jugend. jetzt.de findet: Jessen hat Recht!
Angestrichen: „Aber heute? Manches wird von Hochschulen und Unternehmen der Jugend vorgeworfen, mangelnde Bildung, Disziplin, Durchhaltevermögen, aber niemals: Aufsässigkeit. Und wie auch? Die Praktikanten und Berufsanfänger akzeptieren bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis. (…) Man kann in dumpfes Brüten verfallen über die eingereichten Lebensläufe von Hochschulabsolventen, die tatsächlich alles enthalten, was heute gerne verlangt wird, Auslandsaufenthalte, soziale Hilfsdienste, Berufspraktika ohne Zahl, EDV- und Sprachkenntnisse. Sie enthalten nur eines nicht, können es auch gar nicht enthalten: persönliche Wege und Umwege zum Glück, denn für Selbstfindungen ist keine Zeit.“ Wo steht das? In der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Der Artikel heißt: „Die traurigen Streber. Wo sind Kritik und Protest der Jugend geblieben? Angst vor der Zukunft hat eine ganze Generation entmutigt.“ Geschrieben hat ihn Jens Jessen. Ich finde: Jens Jessen ist ein ganz großartiger Journalist. Er spricht auch unpopuläre Dinge aus. Als halb Deutschland über die U-Bahnschläger schimpfte, sagte Jessen: Die Rentner in Deutschland sind auch nicht so toll. Deutsche Rentner sind Besserwisser, außerdem rechthaberisch, autoritär und latent nazi. Wer jetzt sagt: Fiese Pauschalisierung!, der soll mal bitte mit dem Fahrrad über den Münchner Marienplatz fahren. Nach spätestens 30 Sekunden, wenn drei klapprige Damen und Herren mit Stöcken auf das eigene Rad einschlagen und dabei „Fußgängerzone!“ schreien, weiß man wieder, wie einst das Böse in dieses Land kam. Jessen hat das sofort erkannt. Man könnte meinen, Jessen, 1955 geboren, sei ein Freund der Jugend. So wie der nette Deutsch- und Geschichtslehrer, der, selbst zwar schon jenseits der 50, heimlich mit den 16-Jährigen auf dem Schulhof eine durchzieht und mit ihnen dann zusammen auf eine Anti-Nazi-Demo geht. Vielleicht war Jessen mal so einer. Dann hat er aber irgendwann gemerkt, dass keiner der 16-Jährigen Bock auf Demo hat und Rauchen gar nicht mehr so cool ist. Das hat ihn geärgert und jetzt schreibt er: Die Jugend von heute ist langweilig. Alle denken nur noch an das berufliche Fortkommen, jeder macht ständig etwas für den Lebenslauf, niemand hängt einfach nur ab und fährt nach Indien. Schuld daran, so Jessen, hat aber auch ein bisschen die Gesellschaft und die Globalisierung. Die machen einerseits Druck, geben andererseits aber auch keine richtigen Feindbilder ab, gegen die man rebellieren müsste.
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"Jens Jessen beklagt in der Wochenzeitung DIE ZEIT die Angepasstheit der heutigen Jugend. jetzt.de findet: Jesses, Jessen, hau doch zu deinen 68er-Freunden Audi A8 ab!
Nazis selbstironisch? Echt?
ihr habt den artikel wohl als einen der wenigen so interpretiert wie der autor. es geht halt auch ein bisschen gegen die geradlinigkeit von heute. so kann man keine innovationen vorantreiben....
Wir leben in einer Konsum- und Mediengesellschaft, wo nur gilt: höher, besser, weiter. Immer die tollsten Ideen, Parties, Reisen. Aber genügt auch nicht mal die Bescheidenheit, das zu genießen und zu schätzen, was man hat und nicht immer mehr zu wollen und zu erwarten?
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29.08.2008 - 16:33 Uhr
hasenente