22.08.2008 - 19:00 Uhr

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Wie mich die Uni enttäuscht hat. Zum Beispiel Dr. Streite

Text: lars-weisbrod - Illustration: Eva Hillreiner

So Sachen wie Internet und neue Technik gibt es an der Uni schon auch, aber so richtig interessant finden viele Dozenten und Bibliothekare das nicht. Weil: Was das Studieren komfortabler macht, kann doch nicht gut sein. Oder?

Ich hatte mal einen Dozenten, nennen wir ihn Dr. Streite. Dr. Streite stand kurz vor seiner Pensionierung, verfügte über keinen Internetanschluss und wünschte sich am Ende des Semester von den Studenten maschinengeschriebene Hausarbeiten. Wenn man in seiner Gegenwart versehentlich Wörter wie "Internet" oder "Google" erwähnte, erlitt Dr. Streite einen Tobsuchtsanfall und man musste sich die nächsten zwanzig Minuten seine Tiraden gegen alles Neue anhören und das Geschimpfe über die dumme Jugend, die das gute Alte verschmäht. Seit ich Dr. Streite kenne, hasse ich tatsächlich alles Alte. Dr. Streite war ein schrulliger Opa und Kulturkritiker. Wenn man ihm nicht gerade zuhören musste, hätte er einem eigentlich genauso gut sympathisch sein können. Gar nicht sympathisch ist mir das Uni-System, mit dem man sich online für Veranstaltungen anmelden muss. Es ist ungefähr so benutzerfreundlich wie ein nasses Stück Holz. Wenn man irgendwo draufklickt, weiß man nie, was passiert, jedenfalls nicht das, was man wollte. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich zu den Veranstaltungen im letzten Semester wirklich angemeldet war oder ich mich nur in irgendeiner kryptischen Vorreservierungsphase verheddert hatte. Man hat ein wenig den Eindruck, Dr. Streite habe das System entwickelt, um allen die Nutzlosigkeit des Internets vor Augen zu führen. Noch unsympathischer ist der Geruch an Universitäten. Es stinkt überall nach Kopiererstaub. Bevor ich mich an der Uni eingeschrieben hatte, wusste ich gar nicht, dass es überhaupt noch Kopierer gibt. Wozu auch? Man hatte doch jetzt STRG+C. Trotz STRG+C verbringe ich mittlerweile große Teile meiner Lebenszeit in der Schlange vor den Kopierern, umgeben von einer Wolke aus Feinstaubpartikeln. Vorher musste ich natürlich in Bibliotheken mit vollkommen absurden Öffnungszeiten ("Montags und Donnerstags 7.00 bis 9.30 Uhr") zwanzig Minuten nach dem Ordner suchen, aus dem ich kopieren wollte. Die Dozenten, die eingescannte Texte einfach ins Netz stellen oder JSTOR nutzen, kann ich an einer Hand abzählen.
So ähnlich ist es mit der Bibliotheks-Recherche. Von überall auf der Welt kann man ein paar Wörter eintippen und hat den Bruchteil einer Sekunde später alle Bücher aus all unseren Bibliotheken, die irgendetwas mit den Wörtern zu tun haben. Welches Wunder der Digitalisierung! Was hätte Schlegel, was hätte Herder, was hätte Was-weiß-ich-wer vor Freude gejauchzt, hätte er so was Tolles gehabt! Heute schätzt man es nicht besonders. Die Bibliothekarinnen erklären umso verbissener, wie man in Zettelkatalogen sucht, je bedeutungsloser Zettelkataloge werden. Überhaupt, Bibliotheken, das waren doch früher einmal Orte des Fortschritts. Jetzt fühlt man sich als Laptop-Besitzer dort so erwünscht wie ein Raucher bei der Schwangerschaftsgymnastik der AOK. Die Zahl der Steckdosenplätze wird vermutlich aus ideologischen Gründen gering gehalten. Wer das WLAN nutzen will, muss sich durch seitenlange Texte wühlen, die Informatiker für Informatiker geschrieben haben, und gibt irgendwann auf. Das sind alles Kleinigkeiten, aber Kleinvieh macht ja nicht nur Mist, sondern auch die Zukunft aus. Irgendwann wird jedes Buch der Welt zu jeder Zeit und kostenlos auf meinem digitalen Papier mit Bluetooth-Anschluss verfügbar sein. An der Uni wird man sich dafür allerdings nicht so sehr interessieren und den Erstsemestern lieber noch mal den Zettelkatalog erklären. Nicht jede Neuerung ist eine Verbesserung der Welt und Geld sowieso immer Knapp. Aber Technik ist ja keine rein materielle Frage, es geht darum, sie richtig einzusetzen, mit Neugier nämlich. Am besten zu dem Zweck, zu dem sie einmal erdacht worden war: um dem Mensch das Leben so einfach wie möglich zu machen. Wenn es aber zwei Dinge gibt, die Dr. Streite nicht ertragen konnte, dann waren es das Neue und das Komfortable. Und obwohl er nicht mehr da ist, ist beides an der Uni immer noch nicht gern gesehen. Das zweite noch viel weniger als das erste. "Macht das Internet doof?" titelte der "Spiegel" kürzlich. Dr. Streites Antwort auf diese Frage wäre klar gewesen, und sie hätte in einer weiteren Schimpftirade geendet. Dabei macht gar nicht das Internet doof. Im Kopiererstaub zu stehen, das macht doof.

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afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

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22.08.2008 - 20:02 Uhr
afrirali

an welcher uni bist / warst du eigentlich? die unis, die ich kenne, sind sehr weit vorne mit dabei, was technik angeht.

chippyq
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22.08.2008 - 20:45 Uhr
chippyq

ist vielleicht auch eine frage von natur- vs. geisteswissenschaften. in letzteren gibt es so eine kultur des kokettierens mit der eigenen technischen unfähigkeit, die mich zugegeben auch einigermaßen ankotzt. (ausnahme: logiker, ist wie damals in der schule, wo immer nur die mathelehrer die rechner bedienen konnten.)

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

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22.08.2008 - 20:52 Uhr
afrirali

chippyq sagte:
ist vielleicht auch eine frage von natur- vs. geisteswissenschaften. in letzteren gibt es so eine kultur des kokettierens mit der eigenen technischen unfähigkeit, die mich zugegeben auch einigermaßen ankotzt. (ausnahme: logiker, ist wie damals in der schule, wo immer nur die mathelehrer die rechner bedienen konnten.)


auch da nutzt man mittlerweile mit begeisterung die technik, wo sie sinn macht. was nicht immer der fall ist.

strikingback
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Mag ich Mag ich nicht

-1

22.08.2008 - 20:58 Uhr
strikingback

"Irgendwann wird jedes Buch der Welt zu jeder Zeit und kostenlos auf meinem digitalen Papier mit Bluetooth-Anschluss verfügbar sein."

Immerhin mal ein guter Satz. Bis es soweit ist, sind noch viele Kämpfe nötig, leider. Fight Copyright.

guapa
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Mag ich Mag ich nicht

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23.08.2008 - 10:33 Uhr
guapa

ach das kommt doch drauf an was man studiert, nicht an was für einer uni man ist. die informatiker bei uns kriegen online ihre skripte, sehen online ihre noten, wir als geisteswissenschaftler sind da die deppen, will man in einen kurs prügelt man sich mit 100 anderen studenten damit man sich in eine liste mit bleistift eintragen kann, oh aber leider war man in der falschen schlange gestanden, englische lyrik im 3. jahrhundert vor moses wollte ich doch gar nicht ...

affesocke
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Mag ich Mag ich nicht

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23.08.2008 - 14:53 Uhr
affesocke

"Wenn man ihm nicht gerade zuhören musste, hätte er einem eigentlich genauso gut sympathisch sein können." - nice one

Urknall
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Mag ich Mag ich nicht

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23.08.2008 - 16:27 Uhr
Urknall

Erstaunlich. Kenne ich selbst aus den Geisteswissenschaften anders - Dokumente werden seit Jahren online gestellt, und so nette Sachen wie JSTOR werden intensiv genutzt, seit sie bekannt sind. Natürlich gibt es immer mal wieder Dozenten, die das alles noch nicht so mitbekommen haben, aber das sind echt die Ausnahmen.

Aber was das Online-Einschreiben und -Anmelden angeht, wird es überall noch Jahre Probleme geben, es müssen schlicht und einfach zu viele Faktoren berücksichtigt werden. Ganz abgesehen davon, dass die Einführung von elektronischen Uni-Verwaltungssystemen wohl immer mit einer großen Zahl unbezahlter Überstunden vom Mittelbau einhergeht, was der Qualität nicht gerade förderlich ist...

guckmalumdieEcke
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23.08.2008 - 19:15 Uhr
guckmalumdieEcke

oh Gott. Zum Glück erlebe ich eine gesunde Mischung aus Elektronik und persönlichen Kontakten zu Uni Mitarbeitern.
Unsere Bibibliothek hat von 9 bis 22h offen und das ist doch mal nett!

Außer letztes Semester, da hatte ich eine Veranstaltung, bei der die Noten nach der Klausur erst bei der Klausureinsicht bekannt gegeben wurden. Naja was soll ich sagen, die Klausur haben ca 300 Leute mitgeschrieben und die Einsicht fand in einem kleinen Seminarraum statt... *hüst* die Stimmung als die Klausuren eintrafen war wie beim Einlass zum Konzert der Artic Monkeys - zum Kotzen! Voll und alle haben von Hinten gedrückt und geschoben und mußten letztenendes doch 2h anstehen.. zum Glück mußte man sich ELEKTRONISCH für die Klausur anmelden.. warum gibt´s die Noten dann nicht auch über das Portal? Anonymisiert und einfacher für alle Beteiligten..

QuoteTheRaven
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Mag ich Mag ich nicht

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24.08.2008 - 07:21 Uhr
QuoteTheRaven

urknall schrieb
Ganz abgesehen davon, dass die Einführung von elektronischen Uni-Verwaltungssystemen wohl immer mit einer großen Zahl unbezahlter Überstunden vom Mittelbau einhergeht, was der Qualität nicht gerade förderlich ist...


du sprichst ein wahres wort gelassen aus.

die akzeptanz ist sicher unterschiedlich, aber man sollte eben auch nicht vergessen, dass das einrichten solcher systeme, die ausbildung der nutzer etc. viel zeit kostet und zeit geld ist. gerade in den geistes- und sozialwissenschaften, die seit jahrzehnte zu schande gespart werden, ist diese zeit/geld oft nicht vorhanden. waehrend informatiker natuerlich a) in geld schwimmen und b) das know-how etc. direkt vor ort haben.

quakenjetztgebrauchende
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Mag ich Mag ich nicht

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24.08.2008 - 16:00 Uhr
quakenjetztgebrauchende

Papierloser Fortschritt ist mir willkommen, wenn er funktioniert. Problem Internet ist kurz erklärt. Dieses militärische Gebiet ist nicht gesprerrt. Zuhauf dummköpfige private tummeln sich , so wie ich, im Internet. Staatliche Werbemaschinerien durchforsten gelegentlich Webanbieter, so wie es auch die kommerziellen Anbieter von Adressmaterial tun, um sich und anderen die wirtschaftliche Basis zu sichern. Das kann sogar bis hin zu wirtschaftserpressung führen, was ja wohl jedem einleuchtet. Auf der Uni ist das natürlch auch ein Thema, denn bei so viel Fernsehmüll verkraften die Studenten derlei Themen ohne mitzudenken. Außerdem ist der Computer auch ein Suchtmittel, der besseren Güte, denn der dumme Anwender ist noch immer intelligenter wie jeder Computer, aber sehr sehr abhängig gemacht. Läuft mal was nicht so richtig am Computer, ... der Techniker hilft dir gerne, wenn´s sein muß online. Drei mal darfst du raten wer den Fehler auf deinem Computer verursachte .

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