20.08.2008 - 18:05 Uhr

5 1 Über Twitter weiterempfehlen

Strandgedanken

Text: haruki

Auf den Gleisen durch Landschaften. Sie ziehen vorbei hinter Doppelverglasung. Ein Gewitter links und rechts, halb bilden sich Windhosen unter asphalt-schwarzem Himmel, keine Blitze nur Tropfen. Auf dem Weg, auf die Insel. Ein Jahr nach der Scheidung. Nur mit Mutter und Jojo. Mit 7 Jahren. Er lernt grade Rechnen. Kann sich die Zahlen nicht merken. Auf seiner Stirn bildet eine Zornesfalte, wenn er nach der Reihenfolge der Zahlen gefragt wird. Vater kommt nicht, er ging, weil Mutter die Käscher zum Austernfangen verlor, im Zug liegen ließ. Vor einem Jahr, auf dem Weg zu Insel. Grund genug zur Scheidung. Aber jedes Jahr fahren wir auf diese Insel, das wollten wir nicht ändern und nach dem Zug kommt der Bus und dann das Schiff. Im Wind an Bord stehen und Landmassen kleiner werden sehen. Sie werden mich abholen vom Hafen, wir werden laufen über den Weg und die Schafkacke. Ich werde meinen Koffer durch die Schafkacke ziehen, ich habe keine Zeit mehr ihn anzuheben. Meine Sachen ordne ich im Schrank. Wir reden halb, dann will ich schon weiter. Allein zum Meer um zu sehen wie es ist. Ich laufe über die Insel, kenne alle Häuser, den Weg zum Strand noch von früher, alles war schon immer gleich. Der Regen hat es nicht bis zur Insel geschafft. In den Dünen schon schiebe ich meine Jeans über die Knöchel um später keine Zeit zu verlieren. Später ist jetzt, bei den Möwen, die im Wind stehen. Über den Wellen im Sand, die noch vom zurückweichenden Wasser bespielt werden. Wie meine nackten Füße, die Muscheln, die sie nicht schneiden könne, es versuchen. Aber sie sind kein Glas. Als Kind bückte ich nach vielen, steckte sie in meine Taschen, zwar nur die heilen in Bernsteinfarben oder Perlmut aber immer noch viele. Zurückgelassen in meinen Taschen, für Momente auf dem Pausenhof, um sie dort zu finden. Jetzt schneiden sie nur noch fast, stören mich. Den Teil von mir, der sie im Wasser spürt, diese zerbrochenen Lebewesen. Ich sinke in den Sand, oben bei den Dünen und sehe hinaus, sehe nur hinaus. Hinein in den letzten Tag, ich wusste, dass er hier enden würde. Am Strand, aber es fühlte sich nicht danach an. Nicht so wie er mit mir sprach. Nicht so wie es sich fühlte, aber es war ja nichts, is ja nur Leben, is ja nur schwimmen lernen, is ja nur untergehen. Am Strand vor Sonnenuntergang. Mit Wolken und dem leeren Resthimmel. Leer auch, weil der Mond auf der anderen Seite der Insel aufgeht. Ohne ihn zu Tränen gerührt über Teile von mir. Alte Geliebte, deren Nummer ich nicht mehr habe, den Krieg im Fernsehen heute Georgien. Landstriche mit 8000 Leuten, von denen ich noch nicht gehört habe. Hängen geblieben ist das Bild einer Frau auf der Straße über einem Toten. Seine Hose hing so tief unten, dass ich seine Ritze sehen konnte. Das hat mich nicht getroffen vor sieben Stunden, wirkt jetzt nach. Mischt sich mit Tränen über ein Gummiband, das im Garten den Sonnenschirm zusammenhält. Alles mit Sand vermischt, wieder auf dem Weg zurück. Mit der Hand über die Dünengräser, das Stechen an den Handinnenflächen, wie als Kind. Vorbei an einer Koppel mit Mücken und ohne Pferde. Bleibt alles anders. Hier, wie damals, als es noch nicht soweit war.


Neue Texte zum Label 'phinphinsheart':
Textoptionen
Mehr Texte von
haruki
Mehr Texte zum Label
phinphinsheart
Abonniere Kommentare oder Texte von haruki
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
1 Kommentar

speichern
reload
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.08.2008 - 11:24 Uhr
reload

!!!

Jetzt-Mitglied

haruki unbekannt

haruki

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.