12.08.2008 - 19:00 Uhr

0 5 Über Twitter weiterempfehlen

Endlich endlich: Gold für Deutschland! Gott sei es gedankt!

Text: peter-wagner - und Dirk von Gehlen

Alle sind sie bei Olympia auf den Medaillenspiegel fixiert. Ist doch logisch, sagt der eine. Ist doch schlimm, sagt der andere - ein Fall für zwei

Contra Medaillenspiegel Dienstag war es dann soweit, die Rettung hörte auf den Namen Alexander Grimm und kam aus Augsburg. Der 21-Jährige Kanute gewann das erste Olympia-Gold für Deutschland. Endlich. Endlichendlich. Man hörte bei deutschen Sportfunktionären und vor allem bei deutschen Fernsehsportmoderatoren die Erleichterung von den gequälten Seelen bröckeln. Verbrachte man nämlich den Montag gemeinsam mit der ARD und deren Olympiaprogramm, gewann man den Eindruck, das Leben sei nur für den auch ein Leben, der mit seinem Land im vorderen Teil des Medaillenspiegels steht. Noch am Morgen schienen Moderatoren wie Michael Antwerpes Höllenqualen zu leiden, weil in der imaginären deutschen Volksvitrine erst eine Bronzemedaille hing. Jede Überleitung ins Programm einer anderen Sportart begann mit der Frage, ob denn da was zu putzen sei? Jedes Olympiatelegramm begann mit der Meldung, dass wieder nix geputzt worden war und stündlich nahm die Beklemmung zu, ehe sich die männlichen Synchronspringer erbarmten und – danke - zwei Silbertäfelchen vorzeigten.
Endlich! Gold für Deutschland! Judoka Ole Bischof zeigt sie in die Kamera. Foto: dpa Warum begibt sich ein Teil der Reporter in die Knechtschaft einer Statistik, wie sie der Medaillenspiegel ist? Sicher, Olympia ist schlussendlich ein großer Nationenvergleich, gut. Und mit unseren Steuergeldern werden Randsportarten wie Schießen ja erst olympiareif gefördert, weshalb ein finaler Blick auf den Medaillenspiegel immerhin ganz spannend ist. Aber bitte nicht vergessen: Die deutsche Olympiamannschaft mit ihren 438 Menschen ist alles, nur keine echte Mannschaft. Das Synchronschwimmerschicksal hat mit dem Bogenschützenschicksal nichts zu tun und jeweilige Verfehlungen oder Niederlagen sind je eigene Verfehlungen und Niederlagen. Wie kann man da von einer Niederlage der deutschen Olympiamannschaft sprechen? Was aber nun noch viel schlimmer ist, ist die schlechte Laune, die man beim Fernsehen bekommt. Notorisch wird sie von Verbandsfuzzis, Fernsehmenschen und selbst von den Sprechern der Nachrichtensendungen verbreitet - „immer noch keine Goldmedaille“ lautete den Montag über die geläufigste Nachrichtenphrase. Die übertragenen Wettbewerbe wurden zu bloßen Bestandteilen eines Mosaiks namens „Medaillenspiegel“ degradiert. Wenn sich dann später kleine, sehenswerte Geschichten wie die von Paul Biedermann ereignen, der Platz 5 im Schwimmen erreicht und sich gescheit freut („Es hat Spaß gemacht, hier zu schwimmen“), dann dauert es nicht lange und Menschen vom Schlage einer Franziska van Almsick erklären, dass Platz 5 keine Medaille bedeutet! Empfehlung: 2012 schicken wir nicht 438 sondern nur einen Athleten, der dann alle Sportarten macht. Der heißt dann auch „Deutschland“ und bei dem können alle mosern, denen es zuwenig Medaillen gegeben hat. Wir Zuschauer machen in der Zwischenzeit dann besser selbst Sport. peter-wagner *** Olympia und der Medaillenspiegel sind nicht zu trennen, sagt dirk-vongehlen in seiner Einlassung PRO Medaillenspiegel.
Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
peter-wagner
Mehr Texte zum Label
FallFuerZwei
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

peter-wagner unbekannt

peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München