Wie die Universität mich enttäuscht hat. Zum Beispiel Theresa
Im Hörsaal dominieren geschwätzige Alphatiere die Diskussionen. Kann man das ändern?
Ich habe eine Freundin, nennen wir sie Theresa. In Theresas Zimmer steht ein riesiges Bücherregal, höher als ein Basketballspieler und fast so breit wie ein Fußballtor, bis obenhin voll mit Büchern, die Theresa auch wirklich alle gelesen hat. Als ich sie das erste Mal besucht habe, stand ich zehn Minuten lang andächtig vor dem Regal, zog hier und dort ein Buch heraus, um es mir anzusehen, und dachte beschämt an mein Billy-Regal, 200 mal 40 Zentimeter groß und von der Nettobüchermenge muss man auch noch das unterste Fach abziehen, da lagere ich Pfandflaschen. Belesen zu sein nützt natürlich nichts, wenn man sonst ein Idiot ist. Aber das ist Theresa nicht. Vielmehr besitzt sie einige außergewöhnliche gedankliche Fähigkeiten: Sie kann Dinge sehr genau betrachten, ist aber gleichzeitig nicht blind für die Schönheit, die im Ungenauen liegt. Darüber hinaus hat sie hervorragende Meinungen und ist jederzeit bereit, in scharfen Debatten ihren Standpunkt zu verteidigen: dass Hermann Hesse ein durchaus alberner Schriftsteller sei, zum Beispiel, oder dass eine Renaissance der Metaphysik in der angelsächsischen Philosophie ja wirklich niemand brauche. Ich höre Theresa dann gerne zu, während ich auf dem Boden vor ihrem Bücherregal sitze.
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Ha! Damit bringst du auf den Punkt was mich in meinem Philosophiestudium so sehr angekotzt hat, dass ich am Ende richtig schlechte Laune bekam, wenn ich das Gebäude auch nur von weitem gesehen habe.
Auch ausserhalb der Universität nicht.
moondog sagte:
Ha! Damit bringst du auf den Punkt was mich in meinem Philosophiestudium so sehr angekotzt hat, dass ich am Ende richtig schlechte Laune bekam, wenn ich das Gebäude auch nur von weitem gesehen habe.
wohl wahr. bei der philosophie kommt noch die schwierigkeit hinzu, dass sie oft irgendwie immer noch versucht, detailfragen zu klären, die eigentlich schon anderswo auf höherem niveau erörtert werden. man möchte eben noch die höchste aller wissenschaften sein...
guckmalumdieEcke sagte:
Deshalb sind Soziologen im Bio Seminar so verhaßt! Da gibt's einfach nix zu diskutieren. Entweder es ist Fakt oder nicht- und genau deshalb studiere ich auch eine Naturwissenschaft, die auf Fakten beruht- ich hasse dummes Dahergeschwatze! Wenn ich das will, mach ich den Fernseher an!
Was ist das denn für ein dummes Geseiere, das Du da verbreitest?
Geisteswissenschaften haben genau die gleich Daseinsberechtigung.
Wenn dich das in deinem Selbstbild beeinträchtigt,
ist es mit deiner Wissenschaftlichkeit
aber nicht weit her.
Theresas Problem ist, dass sie zwar unterlegenen Gesprächspartnern vermitteln kann, dass sie viel weiß und gebildet ist, aber bei ebenbürtigen oder überlegenen Gesprächspartnern ist sie nicht selbstbewusst genug um etwas zu sagen.
Das Problem liegt also nicht bei den Dozenten, weil diese nur mit den Leuten arbeiten können, die etwas sagen (was oft leider Dummschwätzer sind), sondern bei Theresa selbst, dass sie sich nicht traut, ihre wichtige Meinung zur Diskussion zu stellen.
(Außerdem ist das keine Geschlechterfrage, weil es auch viele Studenten gibt, die nie etwas sagen.)
warum beziehst du sie nicht ein in die diskussionen, lars? der dozent hat doch meist nur zuviel über ein thema gelesen und anderes im kopf. damit ein seminar nicht verlorene zeit ist, muß ich mich als student doch sehr aktiv beteiligen, aber unter direkter ansprache auch derjenigen, die ich nur wenig kenne vielleicht, die aber durchaus anlaß geben (über irgendwelche details), sie in die diskussion einzubeziehen.
mir ging es eher so (übrigens sowohl in den gesellschaftswissenschaftlichen disziplinen als auch in den geisteswissenschftlichen und den naturwissenschaftlichen), daß ich die redezeit und die rede-richtung des dozenten mit zu beeinflussen suchte. denn der merkte mitunter gar nicht, wo die eigentlichen interessen seiner studenten lagen.
und gerade diejenigen meiner kommilitonen (häufig waren es kommilitoninnen), die nie sich zu wort meldeten, haben auch jenseits der wissenschafltichen arena nicht unbedingt das kluge wort ergriffen, sondern waren oft einfach nur froh, ein studium ohne größere beteiligung durchführen zu können.
der größte schmarrn: naturwissenschaften betrachteten nur fakten. da hat aber eine gehörige portion wissenschaftstheorie noch vor sich.
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08.08.2008 - 19:23 Uhr
chippyq
viel mehr als seminare hat mir eigentlich die arbeit in kleineren (so bis zu fünf leute) projektgruppen gebracht, die sich längere zeit mit einem thema befassen. da reden dann auch intelligente leute wieder gerne. natürlich ist die moderne schuluniversität auf sowas nicht ausgelegt, die seminare sind oft eher billiger und schlechter vorlesungsersatz. aber es spricht ja nichts dagegen, sich sowas außeruniversitär zu organisieren.