08.08.2008 - 19:00 Uhr

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Wie die Universität mich enttäuscht hat. Zum Beispiel Theresa

Text: lars-weisbrod - Illustration: Eva Hillreiner

Im Hörsaal dominieren geschwätzige Alphatiere die Diskussionen. Kann man das ändern?

Ich habe eine Freundin, nennen wir sie Theresa. In Theresas Zimmer steht ein riesiges Bücherregal, höher als ein Basketballspieler und fast so breit wie ein Fußballtor, bis obenhin voll mit Büchern, die Theresa auch wirklich alle gelesen hat. Als ich sie das erste Mal besucht habe, stand ich zehn Minuten lang andächtig vor dem Regal, zog hier und dort ein Buch heraus, um es mir anzusehen, und dachte beschämt an mein Billy-Regal, 200 mal 40 Zentimeter groß und von der Nettobüchermenge muss man auch noch das unterste Fach abziehen, da lagere ich Pfandflaschen. Belesen zu sein nützt natürlich nichts, wenn man sonst ein Idiot ist. Aber das ist Theresa nicht. Vielmehr besitzt sie einige außergewöhnliche gedankliche Fähigkeiten: Sie kann Dinge sehr genau betrachten, ist aber gleichzeitig nicht blind für die Schönheit, die im Ungenauen liegt. Darüber hinaus hat sie hervorragende Meinungen und ist jederzeit bereit, in scharfen Debatten ihren Standpunkt zu verteidigen: dass Hermann Hesse ein durchaus alberner Schriftsteller sei, zum Beispiel, oder dass eine Renaissance der Metaphysik in der angelsächsischen Philosophie ja wirklich niemand brauche. Ich höre Theresa dann gerne zu, während ich auf dem Boden vor ihrem Bücherregal sitze.
Im letzten Semester waren wir beide zum ersten Mal in einem Forschungskolloquium. Zuerst saßen wir nur eingeschüchtert herum. Es dauerte eine Viertelstunde, bis ich mich in die Gespräche der Professoren und Dozenten eingeschaltet habe. Nach einer halben Stunde habe ich ihnen mit irgendwelchen kruden Thesen widersprochen. Theresa sagte die ganze Zeit über nichts. Auf dem Heimweg machte sie irgendeine Bemerkung zu meiner übermütigen Gesprächsbeteiligung, die gleichzeitig bewundernd, verachtend und neidisch klang. Mir war das unangenehm, weil ich die Bilder von ihrem und meinem Bücherregal vor Augen hatte. Mir fiel plötzlich auf, dass Theresa an der Uni nie irgendwas sagt, selbst nicht in Proseminaren, in denen jeder unbedarft daherquatscht. Was sie von den Sachen hält, die diskutiert werden, weiß ich immer nur, weil sie es mir nach der Veranstaltung irgendwo erzählt. Theresa schien auch nicht die einzige zu sein, die sich so verhält. In meinem Bekanntenkreis fielen mir andere, durchaus geistesgegenwärtige Menschen auf, deren Stimme auf zauberhafte Weise versiegt, sobald der Dozent die Sitzung eröffnet. Am Anfang dachte ich, das sei vielleicht gar nicht so schlimm: Die einen reden eben, die anderen zeigen ihr geballtes Wissen lieber bei einer Arbeit oder einer Prüfung. Dann habe ich mir aber die Seminardiskussionen mal genau angehört, die Theresa scheute: Viel Unsinn wurde da erzählt. Bei den meisten Meldungen ist nach einem Satz klar, dass da niemand spricht, der sich für die Klärung irgendeiner Frage interessiert, sondern jemand, der gerne seine Stimme komplizierte Wörter sagen hört. Jeder breitet flächendeckend seine mittelmäßigen Meinungen aus und will gar nicht mehr aufhören - und die intelligentesten und belesensten Personen im Raum, die schweigen einfach! Ich habe mich geschämt, weil ich ja auch immer fleißig mitschwadroniere, aber ich bin auch wütend geworden. Überall nur männliches Alphatiergehabe, großzügige Ausschweifungen, eitle Wortmeldungen! Kein Wunder, dass Theresa da entweder der Mut oder die Lust fehlt, mitzumachen. Die Uni verschwendet die Hälfte des Potenzials, das jeden Tag auf ihrem Gelände zu Gast ist. Sie lässt einfach ein ganzes Bataillon an potenziellen Wissenschaftlern und Forschern im toten Winkel ihrer Seminare verschwinden. Die Intelligentesten schweigen, wenn ihre Meinung gefragt wäre. Das ist furchtbar. "Es in Schule, Büro und Politik doch genauso", sagen die Leute, aber das ist doch überhaupt keine Entschuldigung. Gerade darum sollte sich hier, in den heiligen Hallen des Wissens, doch jeder größte Mühe geben, dass es anders wird. Dass jeder, der wirklich etwas zu erzählen hat, es auch tut. Stattdessen halten die Theresas unter den Studenten lieber die Klappe. Das wirft ein ziemlich düsteres Licht auf die Uni: Eine blöde und gleichzeitig ungerechte Quatschbude für Hochschul-Machos scheint sie zu sein, wo nur aufgeblasene Wichtigtuer sprechen wollen oder können. Ich würde eigentlich lieber hören, was Theresa zu sagen hat.

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chippyq
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Mag ich Mag ich nicht

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08.08.2008 - 19:23 Uhr
chippyq

naja, wirklich schlimm wäre das, wenn die ergebnisse von seminardiskussionen irgendwie wichtig wären. absolut betrachtet sind sie das sowieso nicht. sie können es momentan nicht einmal relativ, bezogen auf die teilnehmer, sein, weil dazu der rahmen nicht passt. die seminare sind zu groß und, vor allem, zu viele. wirklich konstruktiv mitarbeiten kann man vielleicht bei zwei, drei seminaren pro semester. belegen muss man oft mehr, d. h. man kann sich nicht mehr intensiv genug mit dem stoff auseinandersetzen und dementsprechend auch nichts gehaltvolles beitragen. die intelligenteren merken das und sagen folglich nichts. die weniger intelligenten reden halt trotzdem.

viel mehr als seminare hat mir eigentlich die arbeit in kleineren (so bis zu fünf leute) projektgruppen gebracht, die sich längere zeit mit einem thema befassen. da reden dann auch intelligente leute wieder gerne. natürlich ist die moderne schuluniversität auf sowas nicht ausgelegt, die seminare sind oft eher billiger und schlechter vorlesungsersatz. aber es spricht ja nichts dagegen, sich sowas außeruniversitär zu organisieren.

moondog
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08.08.2008 - 19:59 Uhr
moondog

"Bei den meisten Meldungen ist nach einem Satz klar, dass da niemand spricht, der sich für die Klärung irgendeiner Frage interessiert, sondern jemand, der gerne seine Stimme komplizierte Wörter sagen hört."

Ha! Damit bringst du auf den Punkt was mich in meinem Philosophiestudium so sehr angekotzt hat, dass ich am Ende richtig schlechte Laune bekam, wenn ich das Gebäude auch nur von weitem gesehen habe.

afrirali
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08.08.2008 - 20:11 Uhr
afrirali

man könnte natürlich auch umgekehrt fragen, ob diejenigen, die in der uni halt nie was sagen, weil sie sich dafür zu schlau halten, in wahrheit einfach nur arrogante schwätzer sind. klar reden oft irgendwelche idioten irgendeinen unsinn, aber gute dozenten würgen sie ab (passiert viel zu selten hier in deutschland), und zweitens gibt es eben doch jede menge kluge leute an der uni, die auch ihren mund aufbekommen. die dummen werden irgendwann ausgesiebt.

rousseau
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08.08.2008 - 20:52 Uhr
rousseau

Mit der Redekultur steht es doch generell nicht zum Besten.

Auch ausserhalb der Universität nicht.

chippyq
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08.08.2008 - 21:24 Uhr
chippyq

moondog sagte:
Ha! Damit bringst du auf den Punkt was mich in meinem Philosophiestudium so sehr angekotzt hat, dass ich am Ende richtig schlechte Laune bekam, wenn ich das Gebäude auch nur von weitem gesehen habe.

wohl wahr. bei der philosophie kommt noch die schwierigkeit hinzu, dass sie oft irgendwie immer noch versucht, detailfragen zu klären, die eigentlich schon anderswo auf höherem niveau erörtert werden. man möchte eben noch die höchste aller wissenschaften sein...

utti
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08.08.2008 - 22:21 Uhr
utti

Stimme Rousseau zu. Was mich am meisten an der Uni ernüchtert hat, war die schlechte Redekultur. Denn ziemlich oft sagt auch einfach niemand was und Diskussionen kommen kaum zustande, oder nur sehr schleppend. Ich habe selten gute Gespräche erlebt, und die wenigen Guten habe sich genau dadurch ausgezeichnet, dass es gerade nicht so wichtig war ob jeder Beitrag immer super brilliant oder ausgereift war, der brauchbare Teil des Beitrages wurde vom Nächsten aufgegriffen und weitergesponnen usw.

guckmalumdieEcke
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08.08.2008 - 23:53 Uhr
guckmalumdieEcke

Deshalb sind Soziologen im Bio Seminar so verhaßt! Da gibt's einfach nix zu diskutieren. Entweder es ist Fakt oder nicht- und genau deshalb studiere ich auch eine Naturwissenschaft, die auf Fakten beruht- ich hasse dummes Dahergeschwatze! Wenn ich das will, mach ich den Fernseher an!

rousseau
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08.08.2008 - 23:55 Uhr
rousseau

guckmalumdieEcke sagte:
Deshalb sind Soziologen im Bio Seminar so verhaßt! Da gibt's einfach nix zu diskutieren. Entweder es ist Fakt oder nicht- und genau deshalb studiere ich auch eine Naturwissenschaft, die auf Fakten beruht- ich hasse dummes Dahergeschwatze! Wenn ich das will, mach ich den Fernseher an!



Was ist das denn für ein dummes Geseiere, das Du da verbreitest?

Geisteswissenschaften haben genau die gleich Daseinsberechtigung.
Wenn dich das in deinem Selbstbild beeinträchtigt,
ist es mit deiner Wissenschaftlichkeit
aber nicht weit her.

sonnenblumenmaler
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09.08.2008 - 00:16 Uhr
sonnenblumenmaler

Ich wage mal dem Artikel zu widersprechen:
Theresas Problem ist, dass sie zwar unterlegenen Gesprächspartnern vermitteln kann, dass sie viel weiß und gebildet ist, aber bei ebenbürtigen oder überlegenen Gesprächspartnern ist sie nicht selbstbewusst genug um etwas zu sagen.

Das Problem liegt also nicht bei den Dozenten, weil diese nur mit den Leuten arbeiten können, die etwas sagen (was oft leider Dummschwätzer sind), sondern bei Theresa selbst, dass sie sich nicht traut, ihre wichtige Meinung zur Diskussion zu stellen.

(Außerdem ist das keine Geschlechterfrage, weil es auch viele Studenten gibt, die nie etwas sagen.)

riesenherz
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09.08.2008 - 00:51 Uhr
riesenherz

warum hilft denn nicht einer der wirklich intelligenten und belesenen seminarteilnehmer der theresa?
warum beziehst du sie nicht ein in die diskussionen, lars? der dozent hat doch meist nur zuviel über ein thema gelesen und anderes im kopf. damit ein seminar nicht verlorene zeit ist, muß ich mich als student doch sehr aktiv beteiligen, aber unter direkter ansprache auch derjenigen, die ich nur wenig kenne vielleicht, die aber durchaus anlaß geben (über irgendwelche details), sie in die diskussion einzubeziehen.

mir ging es eher so (übrigens sowohl in den gesellschaftswissenschaftlichen disziplinen als auch in den geisteswissenschftlichen und den naturwissenschaftlichen), daß ich die redezeit und die rede-richtung des dozenten mit zu beeinflussen suchte. denn der merkte mitunter gar nicht, wo die eigentlichen interessen seiner studenten lagen.

und gerade diejenigen meiner kommilitonen (häufig waren es kommilitoninnen), die nie sich zu wort meldeten, haben auch jenseits der wissenschafltichen arena nicht unbedingt das kluge wort ergriffen, sondern waren oft einfach nur froh, ein studium ohne größere beteiligung durchführen zu können.

der größte schmarrn: naturwissenschaften betrachteten nur fakten. da hat aber eine gehörige portion wissenschaftstheorie noch vor sich.

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