03.08.2008 - 19:00 Uhr

0 66 Über Twitter weiterempfehlen

Anders als bei Heidi Klum

Text: michael-moorstedt - Foto: Dirk Merten

Erst nimmt ihn "Prada" unter Vertrag, jetzt leiht er "Calvin Klein" sein Gesicht - Lenz wurde wie nebenbei Topmodel und wundert sich darüber

Aber Lenz kommt an. "Die Agentin nennt mich Prussian Prince", sagt er, preußischer Prinz, obwohl er doch in einem Dorf in Oberbayern aufgewachsen ist. Aber für die Modewelt zählen diese kleinen Unterschiede nicht. Das Business verlangt gerade nach nordischen Typen, nach Models aus Deutschland, Polen oder Skandinavien. Dünn sollen sie sein, noch besser androgyn, auch die Männer. Der Körper ist nun Lenz' Kapital, seine Größe, sein Gewicht, seine Maße sind ideal; Besuche im Fitness-Studio verbietet ihm die Agentur, Lenz soll schmächtig bleiben. Aufträge gibt es für Lenz zu Beginn in New York nur wenige - ein paar Aufnahmen für Magazine und Modekataloge, das ist es, Money-Jobs, wie es in der Branche heißt. Immer morgens kommt der Anruf von der Agentur: "Sei in zwei Stunden beim Casting!" Einen Monat nach der Fashion Week in New York beginnt die Kampagnen-Saison. Die großen Mode-Imperien suchen nach neuen Gesichtern, die in ihren Namen von den Litfaßsäulen der Welt blicken sollen. Lenz wird das Gesicht der neuen Kampagne von Calvin Klein. Mit zehn Bussen fährt das Produktionsteam eines Tages ab zum Shooting in eine Kiesgrube in New Jersey. 30 Leute schwirren um Lenz herum. In den ersten Tagen wird die Kollektion noch extra auf seinen Körper geschneidert. Für die Fotos klebt man ihm die Augenpartien straff an den Schläfen zurück, seine Brauen werden gefärbt. Und ein halbes Jahr, nachdem er zum letzten Mal Erfrischungen serviert hat, bringt ihm nun während der Pausen ein Junge einen Milchkaffee an den Platz. Als Lenz ein paar Wochen später die bearbeiteten Fotos sieht, erkennt er sich nicht mehr. Nach drei Monaten in den USA reist er aus, sein Visum ist abgelaufen. Man schickt ihn direkt nach Dubai und stellt ihn vor den Besuchern einer Cocktailparty aus: Er muss, angetan in feinem Zwirn, zwei Stunden lang in einer Glasröhre stehen. Nächster Stopp: Aufnahmen in Tokio. Und so geht es weiter, die Tage sind straff durchgeplant. Sobald er das Hotel verlässt, muss er sich um nichts mehr kümmern, er lebt ein passives Leben ohne viel Kontakt nach Außen. Nur einen Nachmittag hat er in Tokio Zeit, sich die Stadt anzusehen. Unterwegs sprechen ihn zwei Schulmädchen um ein Autogramm an - sie kennen ihn aus der Vogue. "Du musst nur atmen" "Warum sollte ich das alles nicht mitnehmen", sagt Lenz und offenbart seine ungewöhnliche Einstellung zum Mode-Business. Die Agentin wirft ihm vor, er sei nicht ehrgeizig genug. "Modeln ist mir nicht wichtig", sagt Lenz. Gut, er will sein eigenes Geld verdienen, die Welt sehen, den Traum vom Film hat er aber nicht aufgegeben. "Zwei oder drei Jahre mache ich noch weiter." Aber dann war es das. Lenz erzählt seltsam unberührt von seiner Karriere. Fast scheint es, als wäre er gar nicht beteiligt. Vielleicht liegt das an der Art und Weise wie dieser Beruf funktioniert, sagt er. Denn die meiste Arbeitszeit bestehe aus: Warten. Ein typischer Tag sieht so aus: Lenz kommt morgens um sieben Uhr früh an einem Studio an, stellt sich vor, die Namen der Fotografen und Stylisten weiß er bereits genau, weil ihn die Agentur vorab mit Details versorgt. Sein Weg führt ihn direkt in die Maske. Der Makeup-Stylist wartet bereits. Gesichtsmassagen, Fingernägel, Pudern. Dann kommt der Mann für die Haare, wiederum mit seinen Helfern. "Einmal bin ich während der Frisur eingeschlafen", sagt Lenz, "und mit einem Afro aufgewacht." Drei Stunden später kommt der Stylist mit Dutzenden von Hemden und Hosen, die er seinem Assistenten in die Hand drückt, der sie Lenz dann anziegt. "Du musst kaum etwas selbst machen. Eigentlich nur dastehen und atmen", sagt Lenz. Zwei Helfer bereiten die Kameras vor, zwei das Licht. Es ist schwer festzustellen, wer hier das Sagen hat, Lenz ist es jedenfalls nicht. Der Fotograf gibt vor, wie er sich zu bewegen hat. Auch während der Aufnahmen wieseln sie um ihn, zupfen seine Haare, richten den Kragen. Biegen ohne Kommentar die Schultern vor und zurück, richten den Kopf neu aus. Lenz muss die Pose halten, er hält still. "Es geht nicht darum, ob ich mit den Fotos zufrieden bin", sagt er. Und es sei ihm auch egal, sagt er. Nur langsam scheint Lenz die aberwitzige Entwicklung, die sein Leben genommen hat zu begreifen. Als seine Erzählung endet, ist der Kaffee, den er die ganze Zeit in seiner Hand hielt, erkaltet. Er erzählt noch eine Szene: Kürzlich lief er in Berlin über die Kastanienallee und wurde angesprochen. Ob er sich nicht vielleicht vorstellen könne, Model zu werden? Lenz sagte: Nein.
Zurück Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
michael-moorstedt
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

michael-moorstedt unbekannt

michael-moorstedt

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.