01.08.2008 - 19:00 Uhr

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Wie die Universität mich enttäuscht hat. Zum Beispiel Professor Hochmuth

Text: lars-weisbrod - Illustration: Eva Hillreiner

Studieren hat sich geändert. Das lässt sich ganz gut an den Menschen zeigen, die einem im Studium begegnen

Ich habe einen Professor, nennen wir ihn Hochmuth. Man erzählt sich, Professor Hochmuth habe einmal in einer Vorlesung die gesamte postmoderne Philosophie widerlegt, von Foucault bis Deleuze, und das alles in einem einzigen Unterpunkt eines seiner berühmten Skripte. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Aber ich habe im ersten Semester einen Logik-Kurs bei Professor Hochmuth besucht. Nach der ersten Sitzung war ich erfreut und überrascht, nach der zweiten fasziniert und nach der dritten ihm und seiner Art, Wissenschaft zu betreiben, verfallen. Ich wusste plötzlich: Das war genau das, was ich jahrelang vermisst hatte, in der Schule, in der Zeitung, überall! Alles, was er sagte, war klar und leuchtete ein - und wenn es einmal nicht einleuchtete, war klar, wieso es nicht einleuchtete. Es war nicht dieses wabbelige und vage Zeug, das einem alle Lehrer jahrelang vorgesetzt hatten (außer vielleicht die aus dem Mathe- und Physikunterricht), es waren keine aufgeblasenen Metaphern, deren Verschwurbeltheit irgendwer mit gedanklicher Brillanz verwechselt hatte. Es war einfach Wissenschaft. Man müsse sich eben entscheiden, sagte Professor Hochmuth einmal, ob man Wissenschaft betreiben wolle oder Märchen erzählen. Ich war begeistert, dass jemand so dachte. Ich muss mich so gefühlt haben wie ein Teenager, der das erste mal im Ausgehviertel der großen Stadt ist, und hätte am liebsten bei jedem von Hochmuths Worten „Ja! Ja! Ja!“ gerufen.
Ich habe in den nächsten Semestern keines seiner Seminare und keine seiner Vorlesungen ausgelassen. Immer wieder habe ich versucht, mir mit irgendwelchen Gesprächsbeteiligungen sein Lob einzuheimsen. Es hat nicht funktioniert. Meldete man sich und legte dar, was man sich überlegt hatte, richtete er seinen Blick kurz zur Zimmerdecke und dachte nach, mit einem ernsthaften, aber gleichzeitig vergnügten Gesichtsausdruck, so als sei Denken das Schönste auf der Welt. Dann widerlegte er meist, was der Seminarteilnehmer gesagt hatte, in einem Feuerwerk der Struktur und Argumentation. Dabei sprach er in einem Tonfall, als seien die komplizierten Gedankenschritte, die er gerade tänzelnd ging, doch absolut offensichtlich und es höchst seltsam, dass der Student nicht von selbst darauf gekommen war. Er meinte das aber nie böse. Es war vermutlich nicht einmal Absicht, dass er so klang. Es war wohl einfach der Tonfall, der zu seiner Art des Denkens gehörte. Ich hatte schließlich eine kleine Obsession entwickelt, was Hochmuth anging. Kommilitonen, denen ich von ihm vorschwärmte, machten sich bereits lustig über mich. Ich war ein wenig wie der junge Arzt John Dorian und schwärmte für einen Dr. Cox, den ich mir zum Vorbild erkoren hatte. Das Beste an Hochmuths Veranstaltungen war aber die einfache Tatsache, dass man dort das so seltene Gefühl hatte, man würde tatsächlich etwas lernen. Etwas Neues womöglich sogar. Irgendwann kam es aber, wie es immer kommen muss. Hochmuth hatte mich endlich gelobt und mir sogar ein Thema für eine schriftliche Arbeit überlassen, das, wie er sagte, er selbst gerne bearbeitet hätte, ihm fehle bloß die Zeit. Ich setzte mich also hin, las die Texte, klappte mein Notebook auf und fing an zu schreiben. Dann las ich die Texte noch mal, löschte alles, was ich geschrieben hatte, und malte tausend Skizzen in meinen Block, die ich dann auch alle wieder wütend durchkritzelte. Je mehr ich mich mit der Materie beschäftigte, desto verwirrender fand ich alles. Nichts war mehr einleuchtend und klar und es war auch nicht einleuchtend, warum es nicht klar war. Trotzdem musste ich aber die Arbeit abliefern, irgendwann. Ich schaltete in den Modus, den man immer braucht, um geisteswissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. Ich nenne ihn "Wissenschaftssimulation". Hauptsache, am Ende klingt es so, wie wissenschaftliche Texte klingen. Ob es richtig ist oder falsch, weiß ja eh kein Mensch. Alles reine Stilübung. Und eigentlich machte mir das auch bald nichts mehr aus, man findet sich an der Universität ja relativ bald damit ab, dass man seinen Ansprüchen oder den Ansprüchen der Wissenschaft doch nur schwerlich genügen kann. Mein schönes Bild von Professor Hochmuth und der Wissenschaft, es ist nach meinem vergeblichen Versuch, in dieses Bild zu passen, irgendwie dahin. Jetzt frage ich mich nur noch, was wird, wenn er mich für die Arbeit lobt?


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EvilLynne
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Mag ich Mag ich nicht

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03.08.2008 - 12:02 Uhr
EvilLynne

Schwierig, die Enttäuschung zu verstehen, da ist ein Professor, der intelligent ist, sich eloquent artikulieren kann, Faszination über sein Thema wecken kann und jemanden dazu motivieren kann, Engament und Leidenschaft zu entwickeln. Das ist doch schön, oder hab ich da was missverstanden? Wäre ein langweiliger Redner und konfuser Wirrkopf besser?
Und wenn man beim Schreiben einer Hausarbeit in die Verwirrung stürzt und auf Blendertum zurückgreifen muss, um sein Geschreibsel zu retten ist der Prof noch lange nicht der Schuldige für das Elend.


"Mein schönes Bild von Professor Hochmuth und der Wissenschaft, es ist nach meinem vergeblichen Versuch, in dieses Bild zu passen, irgendwie dahin."

Na, dann würd ich sagen, bist du leicht zu enttäuschen. Das eigene Versagen (besonders beim ersten(?) Versuch) sagt nur bis zum gewissen Grad etwas über die Talente der Menschen aus, die dein Mentoren/Vorbilder waren

hisredrighthand
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Mag ich Mag ich nicht

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04.08.2008 - 13:48 Uhr
hisredrighthand

Welterklärer sagte:
professoren sind eh ohne ende überbezahlt, noch dazu öfters drittklassig, als erstklassig. dazu kommt, dass akademische titel statussymbole sind, wie bmws, mercedesse oder opel mantas auch.
Stimmt, der einzige Unterschied sind im Grunde die Zahlungsmodalitäten, Raten z.B. akzeptieren nur die wenigsten Promotionsausschüsse. Cash geht dagegen fast immer, siehe z.B. den gerne verliehenen Dr. h.c. - steht bekanntlich für hard currency.

milagro
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.08.2008 - 14:25 Uhr
milagro

die enttäuschung kann doch eigentlich erst kommen, wenn er dich für diese arbeit lobt. bis dahin kannst du doch höchstens von der geisteswissenschaftlichen arbeitsweise, wie sie vielerorten praktiziert wird, enttäuscht sein - eben dieses so tun als ob man was wissenschaftliches, relevantes, wichtiges zu sagen hätte. andererseits scheinst du ja dazu auch nicht in der lage zu sein, also sei doch froh, wenn du mit simulation durchkommst. ;)

paleika
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.08.2008 - 15:05 Uhr
paleika

diesen text versteh auch ich als geisteswissenschaftler nicht wirklich
muss mich ein_oxymoron anschließen

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lars-weisbrod

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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