31.07.2008 - 19:00 Uhr

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"Ich war nicht mehr ich selbst": Lukas hatte eine Reisedepression

Text: hannes-kerber - Foto: krokenmitte/photocase.de

Die Schule ist vorbei und alle wollen sehr lange und sehr weit weg verreisen. Aber nicht jeder verträgt die große Fahrt. Lukas plante zwei Monate Thailand - und war nach sechs Tagen wieder da. Die Fremde machte ihn krank

„Ich habe immer Glück gehabt und geschafft, was ich wollte“, sagt Lukas. „Außer Asien.“ 2004, nach dreizehn Jahren Schule, nach dem Zivildienst und nach einem Dreivierteljahr, in dem sich Lukas mit einem ungenügenden Abiturschnitt erfolgreich um einen Medizinstudienplatz bemüht hatte, wollte sich er sich belohnen: „Zwei Monate einfach nur Erholung und Exotik – Thailand!“ Lukas, damals 21, träumte erst von zwölf Reisemonaten, plante dann aber doch nur für acht Wochen, kehrte aber schon nach sechs Tagen zurück. Das ist nicht gerade eine lange Zeit und auch nichts, was man in den Lebenslauf schreiben würde. Lukas ging es ziemlich schlecht, er hatte das Reisen nicht vertragen. Genaugenommen litt er an einer psychotischen Dissoziation. So nennt die Psychologie den Zerfall der "persönlichkeitsformenden Bewusstseinszusammenhänge", einen Zustand, in dem man nicht einordnen kann, was man wahrnimmt und sich deshalb verloren fühlt. Kulturschock nennen das die, bei denen es gut geht; die anderen nennen es Depression.
„So etwas kann ausgelöst werden durch Stressreaktionen und körperliche Labilität, wie sie durch Orts-, Klima- und Kulturveränderungen beim Reisen zustande kommen“, sagt Professor Willi Butollo, Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität München. „Die meisten Langzeitreisenden haben solche Symptome, fühlen sich aber nicht ansatzweise bedroht.“ Lukas schon. Die Bedrohung begann während des 12-stündigen Fluges, der kein Ende zu nehmen schien. Seine schwer definierbare Angst verstärkte sich nach der Ankunft in Bangkok: Es klingt fast kafkaesk, wenn er von „unheimlichen Männern in grauen Anzügen“ spricht, die ihm am Flughafen begegneten. Er konnte sie nicht zuordnen und das machte ihm zu schaffen. Er konnte nicht sagen, ob sie zum Sicherheitspersonal gehörten oder ob sie Reisende waren. „Ich habe nichts mehr verstanden“, sagt Lukas und beschreibt eine Busfahrt: „Im Nachtbus zum Strand durfte man das Licht nicht anmachen, die Vorhänge nicht aufmachen und nicht rausschauen – warum?“ Die fremden Verhaltensweisen, die neuen Orte, alles verstörte ihn. Körperlich reagierte Lukas auf die unheimliche Fremde mit außergewöhnlich starken Schweißausbrüchen und massiven Schlafstörungen. Gleichzeitig konnte er seine Gedanken nicht festhalten. Wurde nervös. Stand ständig unter Stress. Hatte panische Angst. Er konnte kaum mit Fremden zu sprechen. Konnte auch seiner Familie telefonisch nicht verständlich machen, was in ihm vorging. „Ich war wie in Watte eingepackt. Als ob ich von der restlichen Welt durch eine Glasscheibe getrennt wäre. Wie in einen Karton verpackt“, sagt er. „Ich war nicht mehr ich selbst.“ „Wenn wir uns plötzlich nicht mehr in der gewohnten Welt befinden, bildet sich manchmal ein Selbst, das nicht mehr mit uns verbunden ist“, sagt Professor Butollo. „Häufig ist das der Grund, weshalb man wegfährt: um sich anders zu Erleben – aber selbstverständlich mit einem anderen Ziel.“ Tatsächlich wird als Grund für längere Auslandsreisen sehr oft der Wunsch nach Selbsterkenntnis angegeben. Anknüpfend an die abenteuerlichen Bildungsreisen des 18. und 19. Jahrhunderts nach Afrika und Lateinamerika, an die spektakulären Drop Outs der Siebziger, als Hippies in Indien politische und spirituelle Befreiung suchten, reisen heute zahllose Jugendliche um die Welt – vor den Augen Jack Kerouac und Leonardo DiCaprio ("The Beach"). Meist geht alles gut: Die Dritte Welt ist touristisch gut erschlossen und das Leben dort auch über einen längeren Zeitraum hinweg bezahlbar. Die meisten Reisenden kehren von längeren Ausflügen gestärkt zurück. Ein paar Wenige aber nicht. Die Forschung hat sich bisher nur selten mit dem Phänomen Reisedepression befasst. Erklärt werden können Fälle wie Lukas’ nur notdürftig: Wer reist, ist auf sich zurückgeworfen, so kommt früher Verdrängtes leicht hoch. „Möglicherweise war nach dem Fremden, das Lukas daheim, vor seiner Reise nicht verarbeitet hat, die Fremde Thailands ein bisschen zu viel“, sagt Willi Butollo, dessen Forschungsschwerpunkt auf der Psychotherapie von Angststörungen liegt. Lukas versuchte in Thailand dem Unheimlichen durch eine Rückkehr zum Gewohnten zu entfliehen: „Ich habe viel Zeit im Internet oder am Telefon verbracht und habe nur Pizza gegessen“, sagt er. Professor Butollo hält diese Reaktion für richtig, auch wenn die Gefahr der Konditionierung bestehe: „Ein schweres, vertrautes europäisches Essen kann erden und damit die weitere Ausbildung einer dissoziativen Störung hemmen.“ Der Psychotherapeut glaubt, dass viele Reisende sich nicht klar machen, ob lange Reisen auch wirklich etwas für sie sind. „Es besteht Peer Group Pressure, ein Erwartungsdruck, dass jeder es schaffen muss, um die Welt zu reisen und Abenteuer zu bestehen“, sagt er. „Natürlich ist das nicht richtig.“ Gleichzeitig würden aber diejenigen, die depressive Symptome zeigten, nicht angemessen reagieren. Deswegen haben alle großen Entwicklungsorganisationen, die Helfer in die Dritte Welt schicken, psychologische Betreuung vor Ort und psychologische Rückholdienste eingerichtet. „Es ist nicht ganz leicht, einen Auslandsaufenthalt abzubrechen“, sagt der Psychotherapeut Willi Butollo. Lukas kehrte rechtzeitig um: Als sich sein Zustand nach Tagen nicht besserte, flog der 21-Jährige zurück nach Deutschland und begab sich, als keine Besserung eintrat, in eine dreimonatige psychologische Behandlung bei einem Therapeuten. „Ich habe viel daraus gelernt: Ich kann mich selbst besser einschätzen“, sagt er. Bis heute ist er nicht mehr alleine und für längere Zeit im Ausland gewesen. „Ich bin vorsichtiger geworden“, sagt Lukas.


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EvilLynne
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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 19:16 Uhr
EvilLynne

Gibt nix, was es nicht gibt, hmm?
Aber wird hier nicht ein Symptom zur Krankheit stilisiert?
Und Lukas.. einsamer und verlorener als in den ersten Monaten und manchmal Jahren als Arzt, kann man sich oft kaum fühlen.. wie wärs mit einem anderen Berufswunsch?

lichter
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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 19:19 Uhr
lichter

dankeschön, toller artikel! habe genau dieses phänomen bei einigen leuten mitbekommen, seit 2 jahren versuche ich, die freundschaft zweier freunde von mir zu kitten, die sich genau wegen einer solchen abgebrochenen australienreise seitdem aus dem weg gehen- mit kommentaren von allen seiten, dass man doch völlig bescheuert sein müsse, aus dem strandparadies nach 4 tagen abzuhauen-

Gehirnalbernheit
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31.07.2008 - 19:41 Uhr
Gehirnalbernheit

liegt es unter Umständen auch ein klein Wenig daran, dass sich die Menschen heute nicht mehr zusammenreißen wollen und dies auch gar nicht mehr versuchen?

pikachu
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31.07.2008 - 19:59 Uhr
pikachu

Hab ich mir doch gedacht, dass gleich wieder Kommentare wie obiger kommen. Depression ist ne Krankheit, 'einfach mal zusammenreissen' ist nicht. Hab ich allerdings auch nicht kapiert, bevor ich Freunde hatte, die psychisch krank sind.

EvilLynne
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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 20:03 Uhr
EvilLynne

Hab ich mir gedacht, das gleich wieder Kommentare kommen wie obiger. Nicht jede Fehlfunktion des menschlichen Verhaltens ist gleich eine Krankheit und schon gar nicht immer eine Depression. Hab ich allerdings auch nicht kapiert, bevor ich Freunde hatte, die als psychisch krank fehldiagnostisiert wurden.

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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 20:11 Uhr
EvilLynne

EvilLynne sagte:
Hab ich mir gedacht, das gleich wieder Kommentare kommen wie obiger. Nicht jede Fehlfunktion des menschlichen Verhaltens ist gleich eine Krankheit und schon gar nicht immer eine Depression. Hab ich allerdings auch nicht kapiert, bevor ich Freunde hatte, die als psychisch krank fehldiagnostisiert wurden.


nja, löl, sorry, aber so Aussagen tauchen immer auf in Diskussionen über "geistige" erkrankungen im weitesten Sinne.. es ist wie diese Regel, die besagt, dass in jeder Inet Diskussion irgendwer irgendwann Nazis ins Gespräch bringt.

Klar, ist Depression ne Krankheit. Aber erstens ist eine kurze psychotische Episode keine Depression, zweitens ist man nicht gleich krank und psychotisch/depressiv, nur weil man es nicht gebacken bekommt, eine Auslandsreise zu überstehen. Entweder liegt da ein verborgener Grund dahinter und man muss mal schauen, was die ursache ist (eine Schizophrenie z.b. aber dafür muss man nicht gleich die aufregende, neue Krankheit "Reisedepression" erfinden) oder man reist einfach nicht gern und bleibt halt zuhause.

ein_oxymoron
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31.07.2008 - 20:42 Uhr
ein_oxymoron

also ich hab mich schon immer ueber diese jugend gewundert, die sofort nach dem abi weltreisen macht... ich haette mit 21 auch noch nicht nach bangkok fliegen koennen, aber zum glueck war mir das bewusst.

pikachu
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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 21:07 Uhr
pikachu

Och du, EvilLynne, ich meinte jetzt gar nicht deinen Kommentar, sondern den von Gehirnalbernheit. So wie ich es gelesen hab, plaedierst du gegen Pauschalisierung und vorschnelle Diagnose, in welcher Richtung auch immer - find ich ja auch.
Also... wir koennen uns glaub ich drauf einigen, dass nicht jeder, dem es schlecht geht, depressiv ist, und dass nicht jedem, dem es schlecht geht, mit dem Ratschlag 'reiss dich mal zusammen' geholfen ist.

EvilLynne
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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 21:15 Uhr
EvilLynne

pikachu sagte:
Och du, EvilLynne, ich meinte jetzt gar nicht deinen Kommentar, sondern den von Gehirnalbernheit./zitat]

Pikachu, das weis ich... ich hab dir trotzdem geantwortet, obwohl du Gehirnalbernheit angesprochen hast....

pikachu
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Mag ich Mag ich nicht

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31.07.2008 - 21:51 Uhr
pikachu

EvilLynne, ok, dann waer das geklaert. Wenn du auch der Ansicht bist, dass Probleme wie die von Lukas vielleicht dadurch entstehen, "dass sich die Menschen heute nicht mehr zusammenreißen wollen und dies auch gar nicht mehr versuchen", eruebrigt sich die Diskussion. Da werden wir uns nicht naeher kommen und auch nicht ueberzeugen koennen.

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