ICH RAUCHE. ICH TRINKE. ICH MAG DIE LEERE. ICH BIN KÜNSTLER.
"Sehr geehrte Frau Lauck, wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir auf Grund betrieblicher Neuorganisationen Ihren Arbeitsplatz nicht mehr gewährleisten können und ihnen deshalb die von Ihnen zu unterzeichnende Kündigung mitschicken. MFG, das Unternehmen." Das war vor einem Monat. Ich wusste zwar nicht, dass ich jemals einen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, aber die Kündigung sollte formell und damit endgültig stattfinden. Das wars dann wohl mit Caramel-Lactosefrei-Macchiato und Soja-Entcoffeiniertem-Bio-Chai-Latte zubereiten. Den Job in dem Café in Mitte war ich los. Das Trinkgeld war, obwohl ich mir für jeden Mitteschnösel und jede Mitteschnitte den Arsch aufgerissen habe, eh nie gut. Was wahrscheinlich daran lag, dass jedes Brötchen Morgens um fünf eigenhändig geformt werden musste, die Sprossen danach selbst aus dem Garten gepflückt wurden und die Butter von der Kuh aus Brandenburg (deren Name auf einem kleinen Fähnchen stand, das dann in jedem der Brötchen steckte) stammte und der Mitte-Kunde dafür jeden Morgen 6,50€ zahlen musste. Da war dann natürlich jeder Cent an mich zuviel, das schlechte Ernährungsgewissen, das Wissenschaftler endeckt haben wollen, aber beruhigt. Mein Stundenlohn war niedriger als ein Laugenbrötchen kostete. Und wenn ich nicht gegangen worden wäre, hätte ich sowieso bald gekündigt. Normalerweise, hätte ich mir zwar vorher nen neuen Job gesucht, aber jetzt kann ich mich darauf wenigstens konzentrieren. Als mein Geld aufgebraucht und mein Konto gesperrt ist beginne ich mit Hilfe von Psychotests im Internet meine Fähigkeiten rauszufinden. Stimmt überhaupt nicht, stimmt meistens, trifft absolut zu, testen sie ihre Fähigkeiten, welcher Beruf passt am Besten zu mir, was mach ich nach der Schule. Die Tests tun immer so, als würden sie einen besser kennen, als man sich selbst. Den Tests zu Folge, bin ich Typ A: zwar künstlerisch begabt, habe aber keine Eigendynamik,Typ B: kann zwar gut mit Zahlen umgehen, hab aber kein gutes Gedächtnis und Typ C: bin teamfähig aber auch leicht depressiv. Das kam immer ganz auf den Test an und ob ich überhaupt was zu den Aussagen ankreuzen konnte. Ich bastelte mir mein eigenes Testergebnis Typ D und empfand mich als: unfähig und mittelmäßig, aber willig. Aus lauter Langeweile lande ich dann auf Astroseiten wie www.körper-geist-und-seele und www.eins-sein-mit-dem-Universum.de und teste welcher Liebestyp ich bin. Der Egoistische. Das wusste ich aber auch schon vorher. Also schalte ich, beruhigt darüber, dass ich mich selbst immer noch am besten einschätzen kann, den Fernseher ein. "Mein neues Leben XXL", "Die Auswanderer", "Vera IntVeen-Helfer mit Herz", "We are Familiy", "XXXXL-Abenteuer Großfamilie" und, das fesselte mich eine ganze Doppelfolge an den Fernseher, "Mein neuer Job". Durch Doku-Soaps ist man nie von der Ausenwelt ausgeschlossen. Über Familie Schmidt, die von RTL 2 einen Monat bei ihrem Umzug nach Australien begleitet wurde weiß ich mittlerweile mehr als über Familie Schmidt die unter mir wohnt und deren Wiesel ich immer füttern muss, wenn sie im Urlaub sind. Da die Einschaltquoten unter der Woche so zwischen zwölf und siebzehn Uhr enorm hoch sind, bin ich anscheinend nicht die einzige, die vor Kurzem ihre Kündigung unterschrieben hat. Jedoch mit dem Unterschied, dass aus mir noch was wird. Am nächsten Morgen entscheide ich mich meiner Lebensphase einen Titel zu geben, um immer was parat zu haben, falls mich jemand fragt, was ich denn zur Zeit so mache. Das fragt man hier nämlich manchmal einfach so. "We are Jobsucher". Oder: "Mein neuer Job-XXL" oder "Abenteuer Arbeitslos" oder vielleicht auch irgendeinen Titel, der nicht nach PRO Sieben oder KABEL1 klingt. Vielleicht irgendwas, das eher nach ARTE klingt. "Die intellektuelle Reise zum eigenen Ich" oder so. Ist jetzt auch nicht so wichtig. Wichtig ist der nächste Schritt. Ich erfinde mir einen halbwahren Lebenslauf, in den ich drei Praktika mehr schreibe als ich sie jemals hätte machen können, kopiere den zehn Mal und setze einen Schritt vor die Tür. Wenn man alleine nicht drauf kommt, wird einen die Stadt schon zu irgendwelchen Jobs inspirieren. Nach anstrengenden fünf Stunden durch die Stadt laufen, einer ganzen Plastiktüte voller Abreißzettelchen von Ampelmasten und immernoch allen zehn Lebensläufen in der Tasche geh ich wieder nach Hause. Das hat gereicht. Ich will weder für 4€ die Stunde Klamotten an Frauen ab Größe 48 verkaufen, noch will ich ganz Karstadt am Herrmannplatz nach Feierabend putzen oder etwa das Geschirr beim Dönermann um die Ecke abwaschen. Ich will auch nicht im Spieleparadies bei IKEA auf die Kinder konsumgeiler Eltern aufpassen. Ich erwarte schließlich mehr vom Leben und das Leben mehr von mir. Das Telefon klingelt und obwohl ich bei unbekannten Nummern mit unbekannten Vorwahlen nicht dran gehe, hebe ich ab (nein, ich drücke auf den grünen Knopf mit dem Hörer drauf, der mich mit dem Anrufer verbindet. Der Begriff Abheben ist in diesem Zusammenhang aus der Steinzeit, als die Menschen noch nicht verstrahlt waren und das Telefon eine Schnur hatte. Ich kenne nur noch einen Menschen auf der Welt mit einem Schnurtelefon (und er ist nicht meine Oma, die hat einen O2 Homezone Vertrag mit Flatrate) und wenn der anruft, sind unsere Gespräche ständig unterbrochen, weil die Schnur auf dem Weg von der Küche in den Flur immer aus der Dose gerissen wird. Das nimmt man aber um gesünder zu leben wahrscheinlich genauso gerne in Kauf, wie die Bio Banane, die schon beim Kauf so aussieht, als würde sie bald im Müll landen.). Es ist ein Freund, der grade ein Jahr in Paris verbringt. Er erzählt mir, wie anstrengend es ist in Paris zu leben, weil da jeder schon im Alter von fünf Jahren weiß, was sein späterer Beruf sein wird und es niemanden in der ganzen Stadt gibt, der einfach nur so planlos wie er vor sich hinlebt. Alles ist hektisch, alles ist geplant. Alles ist vorhersehbar. Und alle haben Geld um sich das 0,25 Liter Bier für 7€ zu leisten. Am Ende des Telefonats wissen wir, dass wir keine französischen Wurzeln in uns tragen. Und ich weiß, dass ich Glück habe, grade nach Berlin gekommen zu sein um arbeitslos zu werden. Ich lebe in der Stadt der Arbeitslosen, in der Stadt, in der es mehr Geld einbringt ein Café in Neukölln zu eröffnen, als eine Textilfirma zu gründen. In der Stadt, in der sich Künstlerateliers besser vermieten lassen als Büroräume. In der Stadt in der man Stolz darauf sein kann, nichts zu tun zu haben und sich trotzdem das Brötchen für 6,50€ kauft. Denn eigentlich gibt es hier keine Arbeitslosen. Arbeitslos klingt danach ungewollt keinen Job auszuüben. Hier heißt arbeitslos sein Künstler sein. Kunst braucht seine Zeit und die wertvolle Zeit, die man im Lieblings-Szene-Kiez-Café sinnierend oder unterhaltend verbringen kann ist es einfach nicht wert mit so sinnlosen Beschäftigungen wie einem Job zu verbringen. Hartz IV ist für alle da und Künstler können wir alle sein. Also auch ich. Künstler haben ganz viel Zeit sich ein riesiges soziales Netzwerk aufzubauen. Kein berliner Stadtmagazin kann so viele Partys in seine Pläne mit aufnehmen, wie vielleicht der arbeitslose Künstler, den du gestern im Club der Visionäre kennengelernt hast. Wer arbeitslos ist, hält was von sich. Und endlich weiß ich, was die Welt von mir erwartet: Kunst. Kunst beginnt im Café und endet auf ner Party, Kunst klingt immer gut und ist von vorneherein gesellschaftskritisch. Man ist sobald man was mit Kunst macht politisch korrekt, gebildet, Riesenbrillen sind sofort der Ausdruck guten und ausgewälten Geschmacks (auch, wenn das Phänomen Riesenbrille schon länger existiert, so glaube ich, dass es nicht mehr lange dauert bis der nächste Trend eine Zahnspange mit Außenbügel wird) und da all die Basics schon beim Anblick des Gegenüber geklärt sind, ist der Weg frei für das Gespräch über die Kunst. Und Kunst ist heute Pop und Pop ist alles. Im Gegensatz zum Arbeistlos sein. Ich sitze auf meinem Balkon aus dem aus ästhetischen Gründen keine einzige Pflanze steht und gehe in mein Zimmer, um es auf kunsttauglichkeit zu prüfen. Meine Wände sind relativ weiß. Fast leer. Ich könnte bevor mein nächstes Date mit einem Künstler zu mir nach Hause führt während er sich die Schuhe auszieht schnell alle drei Bilder, an denen ich zwar eigentlich hänge, von den Wänden reißen. In meinem Bücherregal stehen sowohl Christian Kracht, als auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Nick Hornby. Pop hat aber auch seine Wurzeln, deshalb stelle ich kurz um und stelle Thomas Mann und Max Frisch daneben. Meine Musik befindet sich zwar eigentlich auf meinem schneeweißen Apple-Laptop, aber daneben steht natürlich ein Plattenspieler, damit das Gespräch über den Wert der Musik vorprogammiert ist. Gegen bewusstseinserweiternde Mittel hab ich nichts und auch schon selber mal welche genommen und als ich in meinem alten Tagebuch lese fällt mir ein, dass ich schonmal ein Date in einem Museum hatte. Eigentlich alles gut. Pop genug. Und kunsttauglich. Und so wie in jeder anderen berliner Altbauwohnung auch. Kunst beginnt also im Café. Ich ziehe mir meine größte Sonnenbrille die ich mal betrunken auf der "Castingallee" mit einem Freund gekauft habe auf die Nase, setze mich auf das Klapprad meiner Mitbewohnerin und fahre in den Prenzlauer Berg. Dort fährt man nicht Bahn, denn man wohnt nebenan. Ich setze mich in ein Café, dass irgendwas mit August heißt, setze mich in die Gartenschaukel und finde das ziemlich einfallsreich, da ich gewohnt bin in tiefe eingesessene Sofas zu sinken, wenn ich ein Café betrete. Da fängt die Kunst an. Bei der Beobachtung. Ich bestelle einen Cappuccino und drehe mir eine Zigarrette, die man in Berlin eh rauchen darf wo man will. Als die Kellnerin nach einer Stunde mit dem Cappuccino an meinen Platz kommt, bedauere ich sie, denn sie hat einen Job. Sie wäre bestimmt gerne Künstlerin, denke ich, da sie zweifellos aussieht wie eine und ihr zu der Riesenbrille bestimmt auch die Zahnspange mit Außengestell gut stehen würde. Endlich fühle ich mich wieder gut, denn ich muss mich nicht für meinen Job schämen. Wobei sie, wenn ich sie fragen würde was sie macht eh antworten würde, dass sie eigentlich Modedesignerin ist. Stolz darauf, dass ich endlich wieder weiß wer ich bin, wähle ich die Nummer meiner Mutter, die immer gerne hören will, dass ich mich in festen Lebensstrukturen bewege, lege aber sofort wieder auf, denn ich weiß noch nicht welche Kunst ich betreibe und sie wills immer gerne konkret. Um mich herum reden all die anderen Künstler, denn sonst hätten sie wohl Mittags um zwei keine Zeit hier zu sitzen, über die neue Collection ihrer guten Freundin, aber nähen kann ich nicht, über die nächste Ausstellung ihres guten Freundes, aber ich kann weder malen, noch habe ich gerne Scheiße an meinen Fingern, die ich dann schwungvoll auf eine weiße Leinwand schmieren will und von den tollen Fotos, in denen diese gewisse Melancholie zu sehen ist, die ihr Freund ihr aus Mailand, natürlich digital, geschickt hat (aber eigentlich mögen sie ja lieber richtige Kameras und haben auch letztens auf dem Mauerpark Flohmarkt ein Stativ von ihrem Händler des Vertrauens ergattern können, für nur... den Preis hab ich nicht mehr verstanden, aber Künstler sind Kenner und die wissen schon für was sie ihr Geld, von dem sie eigentlich gar nicht wissen wo es herkommt, ausgeben müssen). Ich habe letztens sogar geschafft die Einwegkamera meiner Freundin kaputt zu machen. Kunst endet auf ner Party. Ich betrinke mich schon zu Hause stilvoll mit Club-Mate-Wodka-Bionade und gehe raus. Aber da sind schon wieder diese Menschen, diese beschmierten Leinwände, diese depressiven Fotos und diese Scheiße. Jetzt ist mir langweilig. Ich rauche. Ich trinke. Ich mag die Leere. Ich bin Künstler. Aber meine Kunst besteht darin, dass das nicht jeder weiß. Dann wurde ich sehr einsam, denn alle meine Freunde haben einen Job. Und ich habe eine Latte-Macchiato Allergie bekommen. Ich versuch noch ein paar Tage Künstler zu sein. Denn wahre Kunst braucht seine Zeit. Aber vielleicht ist ein Job auch gar kein schlechter Zeitvertreib. Und was überhaupt nützt die Kunst in Gedanken?
30.07.2008 - 20:49 Uhr
MorbusBahlsen
so viel wahres...








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30.07.2008 - 19:26 Uhr
virgina