30.07.2008 - 14:51 Uhr

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Lisa ist wieder da

Text: inthesky

Lisa steht am Fenster und sieht auf die Welt. Ihr großer unausgepackter Rucksack liegt in einer Ecke des Zimmers, ihre Jacke hat sie auf das frisch bezogene Bett geworfen, zusammen mit dem Fotoapparat und einer Umhängetasche mit ihren persönlichen Dingen. In der stickigen Zimmerluft sammelt sich der Duft nach Abenteuer, Freiheit und wohliger Ungewissheit, der als Erinnerung aus Lisas Rucksack und ihren Sachen entweicht. Lisa öffnet das Fenster, um den Geruch mit der stickigen Luft nach draußen zu lassen. Denn sie ist wieder zu Hause und der Duft des Reisens scheint ihr unpassend zwischen den vier Wänden ihres alten Kinderzimmers. Vor fünf Minuten hat Lisa ihren Rucksack in eine Ecke gestellt, ihre Sachen aufs Bett geworfen und den Zimmerschlüssel einmal von innen im Schloss gedreht. Vor drei Stunden hat ihre Mutter sie am Flughafen in Frankfurt abgeholt. Vor einem Tag hat sie ihr Gepäck am Flughafen in Auckland eingecheckt. Vor zwei Wochen hatte sie beschlossen, dass sie wieder nach Hause will und das Rückflugdatum in ihr Flugticket eintragen lassen. Und vor zehn Monaten stand sie wie jetzt am Fenster ihres Zimmers und blickte auf die ihr vertraute Welt hinter der Fensterscheibe, bevor ihre Eltern sie zum Flughafen fuhren und sie ein Vierundzwanzig-Stunden-Flug von dort weiter nach Neuseeland brachte. Jetzt ist alles vorbei, Lisa ist wieder da und sie will nur am Fenster stehen und rausgucken. Sie sieht eine Wendeplatte, umringt von grauen vier- und fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern. Sie sieht in der Ferne den Waldrand und über den Baumkronen regenschwere Gewitterwolken, die bald Erfrischung bringen werden. Sie sieht von ihrem Beobachtungsposten aus Autos, die nach Parkplätzen am Rand der Wendeplatte suchen, und den alten gebrechlichen Nachbarn, der mit seinem noch gebrechlicheren Hund über den Bürgersteig schleicht. Sie sieht wie der Himmel sich über dem Wohngebiet langsam bedrohlich dunkel verfärbt. Dann sieht Lisa die Bilder ihrer Erinnerung zwischen den grauen Mauern der Mehrfamilienhäuser aufsteigen. Sie sieht grüne Wiesen mit jungen weißen Lämmern. Kleine Maori-Siedlungen schmiegen sich in eine friedliche Landschaft. An der Küste brechen sich Wellen an zackigen Felsen oder rollen gemächlich über goldfarbene Sandstrände. Lisa steht wieder am Straßenrand und hält ihren Daumen raus, um vorbei fahrende Autos zum Anhalten zu bewegen. Sie kocht und lacht mit den anderen Rucksacktouristen in den Küchen der Hostels und Jugendherbergen. Und sie weint alleine vor dem wilden, brodelnden Meer der ersten Herbsttage, als sie am Telefon von ihren Eltern erfährt, dass ihre Oma gestorben ist. Sie geht noch mal die Erinnerungspfade auf die höchsten Berge ihrer Selbstzweifel und durch die glücklichsten Täler ihrer Reisefreundschaften. Sie versucht alles festzuhalten, die klaren Farben ihrer Erinnerung, die großen und kleinen Erkenntnisse ihrer Reise, die interessanten und so verschiedenen Menschen, denen sie in den letzten zehn Monaten begegnet ist. Dann beginnen die Gewitterwolken über den Baumkronen und den grauen Häusern zu regnen und Lisa beginnt zu weinen, während sie auf die schweren Regentropfen vor dem Fenster schaut. Jetzt ist alles vorbei und etwas Neues hat noch nicht begonnen. Lisa befindet sich zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Welten, sogar zwischen ihrem alten Ich, mit dem sie damals fort gegangen ist und ihrem neuen Ich, das sie von der Reise mitgebracht hat. „Erst danach, wenn du wieder zu Hause bist, wirst du begreifen, dass du in der Ferne warst“, hatte einmal ein anderer Reisender zu ihr gesagt. Jetzt, nach ihrer langen Reise, ist Lisa wieder da und spürt, dass zu Hause alles wie immer und doch ganz anders ist. Dann klopft Lisas Mutter an die Türe und ruft sie zum Abendessen.


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amorak
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Mag ich Mag ich nicht

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30.07.2008 - 23:12 Uhr
amorak

„Erst danach, wenn du wieder zu Hause bist, wirst du begreifen, dass du in der Ferne warst“, hatte einmal ein anderer Reisender zu ihr gesagt.

Das stimmt, was er sagt. Man braucht eine Weile, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Das dauert. Und auch die Wertschätzung der Reise zu erfahren. Und die Dankbarkeit, sowas überhaupt erfahren dürfen, das braucht auch seine Zeit.
Intensiv geschrieben, wer viel reist, kann das nachvollziehen.

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