Die große Erfindung des Julius von. B.
Physik und Kunst: Der Fulgurator kann die Wirklichkeit verändern. Gebaut hat ihn ein 24-jähriger Student aus Berlin
Julius hat etwas erfunden, das man nicht in einem Satz erklären kann. Das ist erst mal nichts Besonderes, denn Julius studiert an der Berliner Universität der Künste in der „Digitalen Klasse“ von Professor Sauter. Die meisten Arbeiten, an denen in der Fakultät Gestaltung an diesem Nachmittag im Juli kurz vor den Klassenausstellungen geschraubt wird, sind schwer zu erklären. Aber das ist es nicht. Julius ist der Einzige hier, der die Umgebung prüft, bevor er den zweiten, noch geheimen Prototypen aus einem kleinen Rollkoffer zieht. Er ist der Einzige, auf dessen Email-Konto täglich Post von Agenturen eingeht, die sehr viel Geld für seine Erfindung bieten. Oder von fremden Menschen, die ihn einen Terroristen nennen. Der er nicht ist. In den meisten Mails steht: Du bist ein verdammtes Genie. Das ist er. Julius’ Erfindung ist weit mehr als Kunst. Und sie ist dabei, ihren Erfinder aufzureiben. „Ich würde gerne etwas anderes machen, aber das Ding beschäftigt mich sicher noch mal zwei Jahre“ sagt er und dann: „Ich brauche eigentlich ein Team, oder eine Stiftung, die mir helfen.“ Leicht verzweifelt wiegt er dazu den Rollkoffer in der Hand. Er nimmt sich jetzt erst mal einen Anwalt, er ist jetzt erst mal 24.
Die große Idee hatte Julius mit 22. Im November 2006 schrieb er die Pläne dazu in sein Notizbuch, in dem schon andere Werke ihren Anfang nahmen, mit komplizierten Bauplänen zumeist. Julius hatte in der Schule die Leistungskurse Physik und Kunst und das ist es bis jetzt für ihn geblieben: Physik und Kunst, in welcher Reihenfolge, das kann er nicht genau sagen. Julius erfindet damals also, kurz vor Weihnachten, den Fulgurator, von dem er noch nicht weiß, dass er so heißen wird, von dem er aber schon weiß, dass er funktionieren wird. Es soll ein Gerät sein, das aussieht wie eine Kamera, die aber keine Bilder von der Umgebung aufnimmt, sondern der Umgebung ihre eigenen Bilder aufdrückt. Eine Art Rückwärtskamera, aber das trifft es nicht ganz, es ist, wie gesagt, nicht in einem Satz zu erklären.
Vorsprung durch Technik
Julius schraubt an das Gehäuse seiner alten Spiegelreflex einen Blitzsensor, der erkennt, wenn in der Nähe ein anderes Blitzgerät ausgelöst wird. Den koppelt er mit dem Auslöser. Hinter der Filmklappe befestigt er einen weiteren Blitz und dort, wo eigentlich ein Film eingelegt wird, setzt Julius spezielle Schablonen ein, die ein wenig aussehen wie Dias. Der Blitz knallt von hinten in die Schablone und wirft das Schablonenbild durch ein normales Objektiv an die Wand, wo es für ein paar Millisekunden zu sehen ist. Soweit die Physik. Für die Kunst stattet Julius den ersten Fulgurator noch mit einem Pistolengriff aus. Er will damit auf andere Fotos schießen.
2007 nimmt er den „Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotographien“ in Betrieb, wie der Fulgurator heißt, wenn Zeit ist. Julius stellt sich damit neben die Touristen am Checkpoint Charlie. Der Blitz ihrer Kamera löst via Sensor im gleichen Moment den Fulgurator aus, der den Checkpoint ganz kurz stempelt. Seine Schablonen-Botschaft steht einen Wimpernschlag lang in der Welt und die Touristen haben sie fotografiert. Sie starren auf die Displays ihrer Kamera, auf denen eine Botschaft zu sehen ist. Sie starren an die Mauer, wo nichts zu sehen ist. Sie zweifeln an der Wirklichkeit. Was stimmt – ihr Fotoapparat oder ihre Augen? Verstörender kann Kunst nicht sein.
„Es hat sofort funktioniert“ sagt Julius, er sitzt jetzt auf einer Bank im Garten der Fakultät. Ein schwarzes H&M-Sakko schlackert um seinen Körper. Julius ist sehr schmal, aber trotzdem auffällig, seinen Bart zum Beispiel hat er noch nie rasiert. Der wächst ihm langschwarz und buschig einen halben Meter vom Kinn weg und von oben kommen noch ziemlich viele Haare dazu. Warum so? „Ich mag es, wenn die Leute grinsen tun, wenn sie mich sehen.“ So spricht Julius, benutzt oft „tun“, stottert wenn es schnell gehen muss. Er ist Legastheniker. Sprache, das gibt er gerne zu, geht eigentlich gar nicht bei ihm. Aber dafür kann er Geräte erfinden, die man „so schon vor 40 Jahren hätte bauen können.“ Es ist nur vor Julius niemand darauf gekommen.
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