25.07.2008 - 19:00 Uhr

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Wie die Universität mich enttäuscht hat. Zum Beispiel Nina

Text: lars-weisbrod - Illustration: Eva Hillreiner

Studieren hat sich geändert. Das lässt sich ganz gut an den Menschen zeigen, die einem im Studium begegnen

Ich habe eine Freundin, nennen wir sie Nina. Nina ist so eine Art Berühmtheit, bei Youtube kann man sich Videos von ihr ansehen und in bekannten Studentennetzwerken wurden ihr zu Ehren Gruppen gegründet. Ihre Berühmtheit hat Nina sich genauso verdient wie ihren „Bahn.comfort“-Status, nämlich indem sie jedes Wochenende in Deutschland herumgefahren ist, um irgendwo auf einer Bühne Texte vorzulesen und Faxen zu machen. Nina ist allerdings nicht nur „Bahn.comfort“-Kundin und beliebte Lesebühnenautorin, nein, sie ist zu allem Überfluss auch noch Studentin.
Sobald Nina in ihrer raren Freizeit eine Hausarbeit schreiben muss, kommt sie einem Nervenzusammenbruch gefährlich nahe. Nichts kann man mit ihr unternehmen, ohne dass sie ihr Leid klagt. Wie viel sie noch zu tun habe! Und dass es ausgerechnet diesmal wirklich nicht zu schaffen sei! So geht es Satz für Satz, so geht es bei McDonalds in der Warteschlange und im Kino-Foyer. Am Ende ist eine Mischung aus Angstschweiß und katholischem Pflichtgefühl ihr Treibstoff und sie schnauft wie eine alte Dampflokomotive von Bibliothek zu Bibliothek, um sich Bücher zu kopieren. "Kopier doch nicht so viel", sage ich dann, "das liest du doch eh nicht alles." Aber Nina liest es alles, womöglich im Zug, auf ihrem Bahn.Comfort-Platz. Auf meine Ratschläge legt sie sowieso keinen allzu großen Wert, lieber unterstellt sie mir mangelnde Empathie: Ich, dem ja immer alles zugeflogen sei, könne ihr schweres Schicksal, ihr Hadern mit dieser Nervenzusammenbruchsmaschine Universität in tausend Jahren nicht verstehen. Meine lächerlichen Ratschläge kämen nur jemandem in den Sinn, der ein Lieblingskind jedes Professors sei. Ich dementiere das natürlich umgehend, denn selbstverständlich sehe ich das alles ganz anders. Ich bilde mir - das ist die Wahrheit und höchstens zu 50 Prozent Koketterie - nicht besonders viel ein auf irgendwelche vorgeblichen Erfolge an der Universität. Die paar lächerlichen Meldungen im Proseminar! Viel eher bin ich glühend neidisch auf Ninas Ruhm und ihren Bahn.Comfort-Status. Lieber hätte ich auch Faxen auf der Bühne gemacht, statt fragwürdige Erfolge in irgendeiner Wissenschaft zu feiern, die niemandem weiterhilft. Deswegen habe ich Ninas Sorgen um ihre universitäre Karriere nie verstanden. Wie kann sie nur verzweifeln darüber, so wenig Zeit für die Uni zu haben, wenn sie doch so gute Gründe dafür hat, wenig Zeit zu haben? Sie verbringt ihre Stunden eben mit Sinnvollerem, in vielerlei Hinsicht: Sie verdient Geld, lernt Menschen kennen und bastelt an ihrer Zukunft. Mehr könnte ihr doch auch keine Hochschule der Welt bieten. Höchstens weniger, wenn's nicht so gut läuft - und es läuft ja oft nicht so gut. Was will Nina überhaupt noch an, was will Nina von der Uni? In die entgegengesetzte Richtung scheinen mir Neid und Wunschdenken schon viel eher angebracht: Ich gönne Nina ihren Erfolg, doch mir würde ich ihn auch gönnen. So wenig ich ihren sehnsüchtigen Blick auf die Waschbeton-Fassaden meiner Uni verstehen kann, so heiß bin ich doch verliebt in die Literaturszene, deren Lieblingskind sie ist. Ich will auch lieber von distinguierten Menschenmengen bejubelt werden statt in fensterlosen Seminarräumen bei schlechter Luft zu versauern, während die Kommilitonen vor Langeweile stöhnen. Kurz: Ich will, was Nina hat, und Nina will, was ich habe. Dass wir uns gegenseitig so wenig verstehen, lässt sich vermutlich sehr schnell erklären, in nur einem Satz - und der ist auch noch alt und langweilig: Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner. Schlimm, dass dieser Satz auch auf die Universität zutrifft, die ja wohl alles sein soll, nur eben gerade nicht alt und langweilig. Aber man muss der Sache wohl ins Auge sehen: Auch die Uni ist nur eine Wiese, die je nach Perspektive mal mehr und mal weniger grün aussieht. Sie unterscheidet sich nicht sehr von all den anderen hochgeschätzten Dingen im Leben, von Ruhm, Sexappeal, Reichtum. Man kann weder ohne sie, noch mit ihnen. Das heißt, man kann schon mit ihnen, aber sie reichen einem dann lange noch nicht. Auch Studenten sind nur nimmersatte, ewig-unzufriedene Kühe auf der grünen Wiese. Selbst mit Bahn.Comfort-Status. Schade eigentlich.

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EtwasdasmanmaggibtmankeinenoriginellenNamen
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Mag ich Mag ich nicht

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25.07.2008 - 23:45 Uhr
Etwasdasmanmaggibtman…

Ich find das eigentlich schön an der Uni, dass die Vergleichbarkeit von Noten so schwindet, weil man nie weiß, was die Leute daneben noch so alles machen (tausend Nebenjobs, weil alles selbst finanziert werden muss/soll? Kind groß ziehen? Politisches/Ehrenamtliches Engagement? Nebenbei Leistungssportler? Feilen an der Künstlerkarriere? Womöglich alles zusammen?) und welchen Stellenwert die Uni überhaupt in ihrer Lebensplanung einnimmt.

In meinen schwärzeren Stunden mach ich mich auch gern damit fertig, dass alle anderen den besser vermarktbaren Lebenslauf mit den tolleren Zusatzqualifikationen zusammenkriegen, aber ich versuche, mir das abzugewöhnen. Wer sich zu sehr auf diese Art zu denken einlässt, wird verrückt. Auch nicht gut für die Volkswirtschaft.

Sich gegenseitig zu beneiden ist ja schließlich auch nur eine Form, sich gegenseitig Anerkennung zu zollen und die tut Studenten auch mal ganz gut.

Ich schätze, manche die nicht studiert haben, werden jetzt bitter auflachen und einwerfen, Studenten seien doch ohnhin schon eingebildet genug. Vielleicht stimmt das auch. Aber wie das so oft ist mit dem Selbstvertrauen - grenzenlose Selbstüberschätzung dient oft nur dazu, nagende Selbstzweifel zu übertünchen. Bei den meisten Studiengängen ist es doch so: Sie bieten die schönsten Aussicheten für alles mögliche, aber Garantien für gar nix. Werde ich nach dem Abschluss meiner wahren Berufung nachgehen können oder absolivere ich einen AMS-Umschulungskurs für arbeitslose Akademiker nach dem anderen? Okay, Garantien gibts vermutlich nirgends, aber auf der Uni steht halt das Risiko auch einem sehr großen (vor allem auch zeitlichen) Einsatz gegenüber, das macht die Sache noch ein Tick spannender.

Vielleicht werde ich nie wieder so frei über meine Zeit verfügen können. Nutze ich sie wirklich sinnvoll? Viel Freiheit (immer noch, trotz Bakk. und Master und Verschulung - zumindest im Vergleich zu den meisten anderen Alternativen), viel Unsicherheit. Kein Wunder, dass man da gelegentlich schwankt in der Selbsteinschätzung.

Aber ich finde eigentlich, das gehört dazu. Und mich tröstet es immer ein bisschen, wenn mich wer beneidet.

strikingback
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Mag ich Mag ich nicht

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26.07.2008 - 03:39 Uhr
strikingback

"In meinen schwärzeren Stunden mach ich mich auch gern damit fertig, dass alle anderen den besser vermarktbaren Lebenslauf mit den tolleren Zusatzqualifikationen zusammenkriegen..."

Fällt dir was auf? Anscheinend willst du dein Leben, oder dein Lebenslauf, so gestalten, dass er/es auf dem "Markt" viel Wert ist - also dass dein "bisheriges Leben" auf dem Markt viel wert ist, und Zeit dieses Lebens, in Arbeit investiert, entsprechend bezahlt wird. Ist es das, was du aus deinem Leben (du hast nur ein) machen willst? Es so zu "designen", dass es eine möglichst große Nachfrage findet?

zeltbrennt
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Mag ich Mag ich nicht

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26.07.2008 - 05:02 Uhr
zeltbrennt

Ich studiere eine brotlose Kunst. Was solls auch... geht es im Leben nicht darum Zeit totzuschlagen und Kinder zu zeugen?

niepilot
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Mag ich Mag ich nicht

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26.07.2008 - 12:30 Uhr
niepilot

ich hasse es. man lernt sich nen arsch ab, verzichtet auf alles, was irgendwie spaß machen könnte, setzt halt prioritäten.
und dann kommen die mitstudierenden (ach ich hab ja so viel zu tun! ich hab einfach keine zeit zum lernen!), die halt lieber andere sachen machen und dann mitleid einfordern, weil sie eine schlechte klausur geschrieben haben. man selbst ist gut (zu recht!) und dann heißt es, "na dir kommt ja eh alles zugeflogen, ohne dass du was machen musst".
könntichkotzen.

schnoesel
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Mag ich Mag ich nicht

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26.07.2008 - 13:25 Uhr
schnoesel

genieß das doch, wenn andere von dir denken, du müsstest nicht viel tun, um gut zu sein. es gibt schlechtere meinungen über die eigene person. zudem ist es sehr ratsam die nachfrage für sich selbst auf dem arbeitsmarkt zu steigern, weil man ja später nicht ohne etwas dastehen will. klar muss man da zeit investieren, aber das schafft freiheiten für später, annehmlichkeiten für das besagte eine leben.

EtwasdasmanmaggibtmankeinenoriginellenNamen
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Mag ich Mag ich nicht

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26.07.2008 - 17:28 Uhr
Etwasdasmanmaggibtman…

@strikingback:
schon klar. deshalb auch "in meinen schwärzeren stunden". Eine gesunde Lebenseinstellung ist das sicher nicht.

Natürlich müsste man da drüber stehen. Aber das sind auch die Zeichen der Zeit. Und so gänzlich kann sich dem wohl kaum jemand entziehen.

strikingback
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Mag ich Mag ich nicht

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26.07.2008 - 21:07 Uhr
strikingback

@Etwasdasman...
Wer so eine Einstellung sich zu eigen macht. lässt sich (aus Angst? Neid?) von den Marktgesetzen beherrschen. Es gibt viel mehr im Leben als Erfolg, Karriere, wichtig sein - und genau dieses mehr bleibt zu oft auf der Strecke. Wie gesagt, leider hat jeder Mensch nur ein Leben. Das würde ich mir nicht vom Markt oder wem auch immer diktieren lassen.

drolli
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Mag ich Mag ich nicht

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27.07.2008 - 06:03 Uhr
drolli

strikingback sagte:
.....
Fällt dir was auf? Anscheinend willst du dein Leben, oder dein Lebenslauf, so gestalten, dass er/es auf dem "Markt" viel Wert ist - also dass dein "bisheriges Leben" auf dem Markt viel wert ist, und Zeit dieses Lebens, in Arbeit investiert, entsprechend bezahlt wird.
....?


Oh sb mit Welterkenntniss! Es geht bei den Qualifikationen ja oft nicht ums Geld, sondern meist um die Möglichkeit sich einen intressanten Job zu suchen. Wenn's um Geld ginge hätte ich nach der Mittleren Reife eine Lehre als Elektriker anfangen sollen-vermutlich hätte ich dann schon meinen eigenen Betrieb (gleiche Arbeit wie an der Uni vorrausgesetzt).

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27.07.2008 - 06:10 Uhr
drolli

strikingback sagte:
@Etwasdasman...
Wer so eine Einstellung sich zu eigen macht. lässt sich (aus Angst? Neid?) von den Marktgesetzen beherrschen. Es gibt viel mehr im Leben als Erfolg, Karriere, wichtig sein - und genau dieses mehr bleibt zu oft auf der Strecke. Wie gesagt, leider hat jeder Mensch nur ein Leben. Das würde ich mir nicht vom Markt oder wem auch immer diktieren lassen.


Ja. Es gibt mehr. Und je besser man sich seinen Job aussuchen kann, umso besser kann man das restliche Leben dann wahrnehmen.

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

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27.07.2008 - 11:37 Uhr
eisengrau

Ich finde die Illustration ganz schön zweideutig. Wenn man die Augen zusammenkneift, erkennt man eine Vulva und zwei Eierstöcke. Oder geht es wieder mal nur mir so? Hat das das Studium der Psychologie im Nebenfach aus mir gemacht? ;-)

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