25.07.2008 - 14:55 Uhr

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Deutschland, gefühlte Heimat

Text: sabrina-gundert

Jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Elke Reichart hat sich aufgemacht, mit diesen Jugendlichen zu sprechen. Sie ist durch Deutschland gefahren, um zu erfahren, ob Deutschland die gefühlte Heimat der jungen Menschen ist. jetzt.de hat mit ihr über die Einsamkeit in der Fremde, die Haltung der Deutschen und die Illegalen in unserem Land gesprochen.

Türkische Frauen lernen in Hamburg Deutsch. Bild: dpa Elke, wann bin ich ein Migrant? Wenn man mindestens ein Jahr im Ausland gelebt hat, ist man ein Migrant. Ich habe fünf Jahre in Südafrika gelebt, dort war ich selbst Migrantin. Die Erinnerung an diese Zeit war für mich auch ein Grund, in dieses Buch richtig einzusteigen. "Deutschland, gefühlte Heimat" lautet der Titel deines Buches - fühlen sich so junge Migranten in Deutschland? Das war die Frage, die ich an die jungen Menschen gerichtet habe. Zunächst haben alle immer mit "Ja" geantwortet, bis auf zwei Ausnahmen. Alle waren fest entschlossen, Deutschland zu ihrer Heimat zu machen, weil sie gesehen haben, dass ihre Zukunft hier in diesem Land liegt. Wenn ich weiter nachgefragt habe, kam allerdings heraus, dass dies eine Kopfentscheidung war. Die gefühlte Heimat war eigentlich immer das alte Heimatland. Pinar aus der Türkei hat mich einmal ziemlich aggressiv gefragt, warum sie sich überhaupt festlegen solle auf eine Heimat und ob ich mir noch nie überlegt hätte, dass man auch zwei Heimaten haben könne. Heute denke ich, dass sie recht hat. Ich finde, man kann durchaus auch zwei Pässe haben. Wenn man die Erfahrungen wie diese jungen Menschen gemacht hat, dann hat man eigentlich immer zwei Heimaten. Was hat dich bewegt, die Lebensgeschichten junger Migrantinnen und Migranten zu erforschen und aufzuschreiben? In Hochglanzmagazinen habe ich immer wieder Reportagen von tollen Karrieristen gesehen, die an ihrem Schreibtisch in Designerklamotten fotografiert wurden. Sie haben Deutschland als Karrieresprungbrett benutzt. Dagegen waren dann Geschichten, wie die der Rütli-Schule in Berlin zu lesen, wo Lehrer um Hilfe gerufen haben, weil sie mit den jungen Migranten nicht zurecht kamen. Auf der Straße oder in der U-Bahn wurde mir immer wieder bewusst, wie viele junge Menschen mit Migrationshintergrund um mich herum sind. Ich habe mir überlegt, wie die mit ihrer Situation umgehen und war sehr neugierig, diese Menschen kennen zu lernen. Wie viele junge Migranten leben in Deutschland? Mittlerweile hat jedes dritte Kind im Kindergarten und jeder vierte Jugendliche einen Migrationshintergrund. Es ist allerhöchste Zeit, dass mehr nachgefragt wird, denn diese Menschen passen nicht alle in das Klischee der Karrieristen oder Rüpel. Die Hintergründe und Lebenswege der zwölf Menschen in dem Buch sind sehr unterschiedlich. Gibt es ein Lebensgefühl, das alle verbindet? Jeder von ihnen hat natürlich ganz andere Erfahrungen gemacht. Alle waren aber fest entschlossen, Deutschland zu ihrer Heimat zu machen. Oft gab es aufgrund der familiären Situation kein Zurück mehr in die alte Heimat. Ein anderes Gefühl, das alle verbindet, ist die Einsamkeit, die sie zeitweise hier in Deutschland empfunden haben. Die mussten sie durchstehen und überwinden. Man darf aber nicht unterschätzen, dass ein Teil dieser Verletzung zurückgeblieben ist. Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, so einsam zu sein, wie diese jungen Menschen es zum Teil waren, wird das gar nicht verarbeiten können und dieser Teil wird immer bleiben und die Persönlichkeit mitbestimmen. Viele von ihnen haben ein Leben in Sicherheit und mit vielen neuen Möglichkeiten erwartet, wollten sich selbst und ihre Träume verwirklichen. Wie sah die Realität aus? Die Träume, die diese jungen Menschen hatten, wurden erst einmal bitter enttäuscht. Sie mussten sehr kämpfen, um ihre jetzige, oftmals recht gute, Situation zu erreichen. Beim ersten Gespräch haben sie die Fassade nie fallen lassen, aber wenn man immer wieder nachgefragt hat, sind Geschichten zutage gekommen, wie die von Sineb zum Beispiel. Sie ist aus Marokko nach Deutschland gekommen und war nach außen hin die perfekte Schülerin. Sineb war freundlich zu den Eltern der Mitschüler und hat nie viel davon nach außen gezeigt, wie es in ihr wirklich aussieht. Dadurch ist sie einmal halb in eine Depression abgerutscht. Oder Elena aus der Ukraine ist in der Magersucht gelandet. Die Jugendlichen haben die schwierigsten Prozesse durchlebt und oft ihre deutschen Mitschüler beneidet. Diese konnten unbeschwert ihre Kindheit oder Jugend genießen und mussten nicht soviel Verantwortung übernehmen oder so viele Probleme durchgehen wie die Migranten. Warum einige der jungen Migranten keine deutschen Freunde haben wollen, liest du auf der nächsten Seite.
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