23.07.2008 - 14:00 Uhr

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Kotzen gegen die Welt der Fresser

Text: felix-stephan

Gerade ist Christoph Steiers, 28, erster Roman erschienen. In „Tauchertage“ wird viel gegessen – und gekotzt: Die Hauptfigur Kilian hat Bulimie.

Obwohl Kilian immer wieder darüber monologisiert, warum er eigentlich ständig kotzt, hat er selbst keine Antwort. Wieso lebt er nicht einfach so geordnet und glücklich wie seine große Liebe Charlotte? Das Sich-Nicht-Festlegen-Wollen ist sicher ein Merkmal sowohl seiner Persönlichkeit als auch der Bulimie. Man frisst, obwohl man eigentlich nicht fressen will, löst das vermeintlich, indem man kotzt, manövriert sich damit aber natürlich nur tiefer hinein. Er leidet darunter, dass er nicht weiß, wie er sich selbst positionieren soll, wie er Realität verstehen soll, aber dass dieses Zögern trotzdem eine Realität schafft, die immer enger wird. Charlotte sagt zu Kilian an einer Stelle, dass sie jetzt auf der Stelle mit ihm schlafen würde, wenn sie ihn nicht so sehr lieben würde. Das liest man bei jungen Autoren zur Zeit häufiger: Wirklich Nähe ist nur solange möglich, bis es zum Sex kommt. Mit dem Sex wird die Beziehung fleischlich und ordinär. Das Paradoxe in der Beziehung zu Charlotte ist, dass er sich selbst ihr nicht zumuten möchte, gerade weil er sie mag. Charlotte, die ja in sehr körperlichen Verhältnissen gelebt hat, ist es vielleicht sogar ganz willkommen, dass Kilian ihr in der Hinsicht keine Avancen macht. Aber auf Dauer ist das für sie kein Modell. Das ist auch in etwa die Grundstruktur des Romans: Dass jedem etwas fehlt, das er beim Anderen zu finden hofft, aber er kriegt halt den ganzen Sack Probleme, die mit der jeweiligen Lebensweise verbunden sind, mit dazu. Ich glaube aber nicht, dass zur Zeit die Liebe vom Sex gestört wird. Es gibt nur zurzeit viele Menschen, die kein geklärtes Verhältnis zu sich selbst haben und dann solchen Sex suchen, den man im Internet finden kann. Das ist bei Kilian ja ganz offensichtlich: Er ist ein monologischer Wichser. Eigentlich kann er nur mit sich selbst sprechen, obwohl er sich gern verständlich machen möchte. Ein letzter Satz noch zu dem Thema: Charlotte lebt ja in latenter Prostitution mit ihrem Freund Steve. Sie ist zwar nicht die arme Dirne, die es nicht anders haben könnte, aber es ist schon so, dass sie in Verhältnissen lebt, wo Sexualität anders ausgelebt wird und Steve und seine Freunde mit Kamerahandys zu Schaumpartys nach Mecklenburg-Vorpommern fahren. Und da stellt sich in der Tat die Frage, inwiefern Charlotte nicht bestimmte Dienste erbringt. Ist „Tauchertage“ auch ein Klassenroman? Ja, natürlich. Dafür bin ich zu sehr an Bourdieu geschult, um einfach davon ausgehen zu wollen, dass jeder Mensch von einer noch so entwickelten Gesellschaft in alle Richtungen offen gehalten wird. Das bedeutet aber nicht, dass der Einzelne das nicht überwinden kann. Bestimmte Austauschprozesse sind immer im System angelegt. Also sind Klassen kein Unglück? Nehmen wir die Else-Figur aus dem Roman. Else kann ja durchaus gut damit leben, was er ist. Soll man jeden am sozialdemokratischen Ideal des hochgearbeiteten Akademikers messen? Ist es immer ein Glück, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, oder ist nicht vielleicht an den Rändern viel mehr Kongruenz möglich? Sowohl oben als auch unten. Der Roman ist keine Anklageschrift gegen die herrschenden Verhältnisse. Das Schöne in Deutschland ist doch, dass die Grenzbereiche zumindest partiell durchlässig sind. Mit tausend Euro im Monat kann jeder in Deutschland ein relativ weitgefächertes Leben führen. Das Buch Tauchertage kostet 18 Euro.
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