23.07.2008 - 14:00 Uhr

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Kotzen gegen die Welt der Fresser

Text: felix-stephan

Gerade ist Christoph Steiers, 28, erster Roman erschienen. In „Tauchertage“ wird viel gegessen – und gekotzt: Die Hauptfigur Kilian hat Bulimie.

In deinem ersten Roman „Tauchertage“ hat der Zivi Kilian Lohmann Bulimie. Die „Tauchgänge“, wie er die Kotzsessions nennt, sind sehr detailreich beschrieben. Wie hast du recherchiert?
Die Recherche hatte drei Säulen: Einmal Betroffene, die ich kenne, dann einen befreundeten Arzt, der sich damit befasst, und drittens Internet und Literatur. Ich beschäftige mich ja auch in meiner Dissertation mit Hunger und da geht es auch am Rande um Bulimie. Also nicht aus persönlicher Betroffenheit – wenn es sein muss, bin ich ein miserabler Kotzer.



Obwohl Kilian sehr intelligent und wortgewandt ist, zerstört er seinen eigenen Körper bis an den Rand des Todes. Wie passt das zusammen?
Frei nach Lessing: „Nicht jeder, der seiner Fesseln spottet, ist auch frei.“ Intelligenz ist ja nicht unbedingt die Gewähr für ein glückliches, sorgloses Leben. Bei Kilian ist das sicher verschränkt. Dass er sehr viel nachdenkt und wahrnimmt, trägt ja nicht zu seiner Gesundwerdung bei, sondern belastet ihn eher. Ich sehe da keinen Widerspruch.

Kilian ist ja eigentlich ein untypischer Krankheitsfall. Weniger als zehn Prozent der Bulimie-Kranken sind Männer. Wieso erzählst du die Geschichte eines Mannes mit der Krankheit?
Als Trendthema ist das in den Medien schon präsent. Man geht, glaube ich, von 80.000 essgestörten Männern in Deutschland aus. Es gibt einige mehr oder minder im Selbstverlag erschienene Berichte, die mich aber weniger interessiert haben. Mich interessieren auch nicht Geschlechterrollen, sondern die Struktur, die hinter der Krankheit steht. Da denke ich schon, dass in den letzten 20 Jahren Männer, was ihren Körper angeht, immer mehr einem ähnlichen Druck ausgesetzt sind wie Frauen.

Im Roman spielt ein ästhetischer Druck aber kaum eine Rolle.
Ich denke doch. So wie die Figur Kilian angelegt ist, ist für ihn äußere Perfektion eigentlich die Bedingung, unbefangen denken zu können. Er hat Angst davor, zum Misanthropen zu werden, nur weil er mit seinem eigenen Körper nicht zufrieden ist. Das wird im Roman aber eher vorausgesetzt, weil ich davon ausgehe, dass der Körper heute das erste semiotische Schlachtfeld ist und vielleicht auch das wichtigste.

Er versucht sich zu entmaterialisieren.
Das findet man eher bei der Magersucht. Aber auch Kilian treibt an, dass er ein Zeichen für Verzichtfähigkeit sein will. Damit, sich aus der Welt zu hungern, kann die Figur wenig anfangen. Sie legt es eher darauf an, ein Körperzeichen zu werden, das an der Grenze zum Verschwinden angesiedelt ist. Kilian möchte etwas sagen und weiß, dass der Körper der Hauptsendemast ist. Vieles ist eben schon gesagt, bevor man den Mund aufmacht.

Im Krankenhaus trifft Kilian einen Magersüchtigen namens Hagen, dessen zarte Linien ihn sehr berühren.
Hagen steht in der Tradition des Dandys, des Hungerästheten, der eben von Luft und Bewunderung lebt. Das Modell ist ja nicht erst seit dem heroin chic der 90er salonfähig, das gab es zum Beispiel schon bei Lord Byron. Verzichtfähigkeit demonstriert Unabhängigkeit von der profanen Welt der Fresser. Das bewundert Kilian ganz sicher. Da ist viel mehr Disziplin. Man kann natürlich darüber streiten, inwiefern das Kotzen nicht auch sehr viel Disziplin erfordert, obwohl es erstmal disziplinlos aussieht. Im Buch wird eine Differenz zwischen Magersucht und Bulimie aufgemacht. Hagen ist jemand, der, wie er selbst sagt, den Kampf mit dem täglichen Essen schon hinter sich hat. Das ist den Bulimikern verwehrt. In medizinischen Berichten liest man immer wieder, dass sich irgendwann ein Gewöhnungseffekt einstellt und Anorektiker ihren Hunger tatsächlich nicht mehr so stark erleiden.

Auf der nächsten Seite: Welche Rolle spielt Sex in Christophs Buch? Und was hat das alles mit Bourdieu zu tun?


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